«Elementarste Grundsätze missachtet»

«Elementarste Grundsätze missachtet»

7. September 2014 - Der eidgenössische Datenschutzbeauftragte Hans­peter Thür sieht bei Big Data grosse datenschutzrechliche Probleme auf die Nutzer zukommen.
Artikel erschienen in IT Magazine 2014/09
Hanspeter Thür, Jahrgang 1949, hat an der Universität Basel Jurisprudenz studiert und ist Aargauischer Für­sprecher. Er arbeitete als Gerichtsschreiber, bevor er ­ in Aarau eine Anwaltskanzlei eröffnete. (Quelle: Edöb)
Swiss IT Magazine: Die Entwicklung in Richtung Data Driven So­ciety (Daten werden zum Rohstoff) bringt laut Ihrem 21. Tätigkeitsbericht eine Gefährdung der Privatsphäre mit sich. Welche datenschutzrechtlichen Probleme tun sich bei Big Data auf?
Hanspeter Thür:
Mit der zunehmenden Digitalisierung wird heute praktisch alles öffentlich. Die Menge an gesammelten und gespeicherten Daten wächst exponentiell, und das Interesse daran ist von kommerzieller Seite her riesig. Durch hohe Rechnerkapazitäten und automatisierte Analyseverfahren können heute Aussagen über Verhaltensmuster von Einzelpersonen gemacht werden, sodass die Privatsphäre in akuter Gefahr ist. Wir sprechen auch vom «gläsernen Menschen». Ein weiteres Problem liegt in der Unkontrollierbarkeit der Datenbearbeitung und darin, dass die elementarsten Datenschutzgrundsätze wie Transparenz und Zweckbindung missachtet werden. Wenn wir die Kontrolle darüber verlieren, was mit unseren Daten geschieht, wird das Recht auf informationelle Selbstbestimmung verletzt. Das kann sehr gravierende Folgen haben.
Wann können Big Data oder die damit gewonnenen Erkenntnisse für Personen und Unternehmen gefährlich werden?
Big Data ist aus Datenschutzsicht problematisch, weil die berechneten Muster keine gesicherten Erkenntnisse und Kausalitäten darstellen. Alles beruht auf Wahrscheinlichkeiten. Big Data bedroht die Privatsphäre, wenn Informationen von Einzelpersonen aus verschiedenen Lebensbereichen systematisch und strukturiert gesammelt und ausgewertet werden. Gestützt auf Wahrscheinlichkeitsszenarien lassen sich auch aus scheinbar harmlosen Informationen detaillierte Aussagen über den Privatbereich einer Person machen, die weitreichende Folgen für die betroffenen Personen haben können. Eine Versicherung könnte zum Beispiel Leistungen verweigern, weil die Analyse der Gesundheitsdaten mit hoher Wahrscheinlichkeit das Auftreten einer Krankheit vorhersagt. Oder die Bonitätsbewertung einer Person könnte durch Faktoren negativ beeinflusst werden, die in keinem direkten Zusammenhang mit ihrer Zahlungsmoral stehen: Kaufkraft der Mitbewohner, Arbeitslosenrate des Quartiers, Nationalität etc. Dann besteht die Gefahr, dass eine schlechte Bonität erhält, wer in einem schlecht angesehenen Quartier wohnt.
 
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