CIO Interview: «Man muss vom Virus gepackt sein»
Quelle: Verkehrshaus Schweiz

CIO Interview: «Man muss vom Virus gepackt sein»

Markus Ottinger, Leiter IT im Verkehrshaus der Schweiz in Luzern, hat einen äusserst abwechslungsreichen Job. Nebst der IT betreut er nämlich auch die Museums-Technologie.
6. Oktober 2013

     

Swiss IT Magazine: Welches ist eigentlich Ihre Lieblingsausstellung im Verkehrshaus der Schweiz?
Markus Ottinger:
Eine bestimmte Ausstellung zu nennen, ist schwierig. Meine Inte­ressen sind breit gestreut, angefangen bei der Bahntechnik, die mich schon als Kind faszinierte, über Verkehrsmittel auf der Strasse bis hin zur Luft- und Raumfahrt. Mich interessiert eigentlich alles, was schnell, stark und gross ist.


Aber die Affinität für Mobilität und Verkehr ist vorhanden?
Das ist beinahe eine Voraussetzung. Man muss von diesem Virus gepackt sein, um hier im Verkehrshaus mitzuarbeiten. Denn wir kümmern uns ja nicht nur um die klassische IT, sondern auch um die Technologie im Museum und deren Weiterentwicklung. Wenn da kein Interesse vorhanden wäre, wäre man wohl am falschen Ort.


In welcher Ausstellung steckt denn aktuell am meisten IT?
Zwei Ausstellungen sind sehr IT-lastig. Zum ersten die i-Factory, die die Informatik zum Thema hat und IT erklärt. Beispielsweise können in der i-Factory Transportwege spielerisch selbst gewählt werden, und der Computer sagt einem dann, ob man seinen Job gut gemacht hat. In Kombination mit dem Ticket kann der Besucher zudem zuhause noch einmal nachvollziehen, wie erfolgreich er war. Zum zweiten findet sich in der Media Factory ziemlich viel IT. In der Media Factory kann der Besucher die Medienwelt erleben, Radiobeiträge erstellen, Fernsehsendungen machen, eine Blue Box erleben und so weiter. Die verschiedenen Beiträge werden für den Besucher abgelegt, er kann sie sich auf einem Regiepult zusammenmischen und dann nach Hause schicken lassen. Und auch hier kann er dann mit Hilfe seines Tickets zu Hause auf seine Inhalte zugreifen. Diese Ausstellung kombiniert Multimedia mit EDV, und allein für diese Ausstellung sind rund zwei Dutzend Rechner im Einsatz.


Sie haben gesagt, dass Sie sich auch um die Technologie im Museum kümmern. Der Aufbau der Technologie für Ausstellungen liegt aber nicht bei Ihnen, oder?
Kleine Installationen im Museum, beispielsweise einen Monitor oder ein Abspielgerät installieren, machen wir selbst. Aber grundsätzlich sind die Projekte im Museum so gross und komplex, dass wir dafür externe Spezialisten hinzuziehen. Die entwickeln die Installationen für uns, und wir sind beratend sowie als Kon­trollorgan tätig. So können wir auch sicherstellen, dass die richtigen Technologien ins Haus kommen. Denn für die Wartung sind dann wieder wir – soweit es zumindest geht – zuständig.


Aber die Systeme sind teilweise ziemlich komplex. Wie weit können Sie die Wartung selbst durchführen?
Zu einem grossen Teil. Sicherlich gibt es ab und zu Fälle, wo wir den Hersteller holen müssen, etwa, wenn das Problem tief in der Programmierung liegt. Aber der Betrieb im Alltag wird durch uns gewährleistet. Bei einem Sy-stem wie der Media Factory beispielsweise ist von jedem Rechner eine Sicherung vorhanden, und wenn ein Problem auftaucht, wird einfach dieses Backup neu aufgespielt. Ausserdem sind Schemen vorhanden, die wir bei einem Fehler zu Rate ziehen können. Bei diesen proprietären Systemen können wir nicht denselben Wissenslevel haben wie bei den Standard-IT-Systemen, denn hier passieren Fehler, die vielleicht alle fünf Jahre einmal auftauchen.


Wie weit geht bei der Konzeption einer neuen Ausstellungen Ihre Beratertätigkeit?
Bei uns im Verkehrshaus der Schweiz funktioniert das so, dass es einen Ausstellungsverantwortlichen gibt, der eine neue Ausstellung konzipiert. Bei den grundlegenden technischen Fragen – etwa bei der, welche Geräte installiert oder welche Technologien verwendet werden – sind wir von der IT bei den Entscheidungen mit dabei. Hier können wir unsere Erfahrung einfliessen lassen, denn unsere Anforderungen sind teilweise speziell. Geräte müssen eine halbe Million Besucher pro Jahr aushalten, und eine Ausstellung läuft in der Regel nicht nur ein paar Wochen, sondern mehrere Jahre. Das heisst, dass Ersatzteile auch in Zukunft verfügbar sein müssen und so weiter. In den vergangenen Jahren haben wir einheitliche Prozesse eingeführt, die dazu geführt haben, dass wir viele Probleme aus der Vergangenheit eliminieren konnten.


Arbeiten Sie bei den Ausstellungen wenn möglich immer mit denselben Partnern, die Ihre Anforderungen bereits kennen?
Das ist aufgrund der Diversität der Ausstellungen leider nicht immer möglich. Aber natürlich versuchen wir wann immer möglich, auf erfahrene Partner zurückzugreifen. Wir haben auch ein Bewertungssystem für Partner, damit wir wissen, mit welchem Partner in Vergangenheit die Erfahrungen positiv waren und mit welchem eher nicht.

Sind das in der Regel typische IT-Partner, oder aus welcher Ecke kommen diese Unternehmen?
Eigentlich handelt es sich bei den Partnern für das Museum eher um Spezialisten aus dem Bereich Multimedia. Davon gibt es in der Schweiz nicht so viele. Mit den typischen IT-Partnern arbeiten wir im klassischen EDV-Bereich zusammen.


Es ist eine Tatsache, dass die Ausstellungen immer technologielastiger werden. Wird dadurch auch Ihr Aufwand immer grösser?
Sie haben recht, es gibt immer mehr Technologie. Aber die Geräte, die wir verwenden, sind immer stabiler geworden und machen weniger Arbeit, weshalb der Aufwand eigentlich nicht grösser geworden ist. Im Gegenteil: Der Personalbestand in der IT war früher grösser als heute. Früher mussten zahlreiche Fleissarbeiten erledigt werden, die man sich heute gar nicht mehr vorstellen kann. Beispielsweise mussten in regelmässigen Abständen Videokassetten kopiert werden, weil die Kassetten nach drei Monaten Dauerbetrieb kaputt gingen. Heute haben wir zum Abspielen einen einfachen digitalen Player, schieben eine SD-Karte hinein, und haben in der Regel für fünf Jahre Ruhe. Die regelmässigen Unterhaltsarbeiten sind viel weniger geworden, und der Automatisierungsgrad ist gestiegen. Dafür ist das Ganze heute aber komplexer.


Wie gross ist das Team, mit dem die IT und die Technik heute gehandhabt werden? Und wie bringen Sie das breitgefächerte Know-how in Ihr Team?
Wir sind vier Leute in der IT – inklusive meiner Person. Dabei handelt es sich um erfahrene Mitarbeiter, die im Durchschnitt schon 15 Jahre hier tätig sind. Allerdings besteht mein Team nicht aus klassischen Informatikern, sondern der Background der Mitarbeiter liegt eher im elektronischen Bereich. Der Grund dafür ist einfach: Ein Mitarbeiter mit einem Hintergrund in der Elektronik bringt bereits ein Grundrüstzeug auch in der IT mit. Umgekehrt ist das eher selten der Fall. Zudem ist es im IT-Bereich auch einfacher, Unterstützung von extern zu erhalten. Bei einem Problem mit Windows Server 2008 gibt es viele Firmen, die mir weiterhelfen können. Wenn ich aber ein Problem mit einer zehn Jahre alten Anlage im Museum habe, dann muss ich mich selbst darum kümmern. Es ist aber gut möglich, dass künftig auch Informatiker das Team bereichern werden, weil die Ausstellungen wie bereits angesprochen immer IT-lastiger werden.


Wie ist denn das Know-how innerhalb des Teams organisiert?
Wichtig zu wissen ist, dass wir einen 365-Tage-Betrieb fahren, auch in der IT. Das bedeutet, aus meinem Team muss während der Öffnungszeiten immer jemand im Haus sein. Somit sind all meine Mitarbeiter in erster Linie Generalisten, die im Wesentlichen über alle Systeme Bescheid wissen. Daneben hat aber jeder Mitarbeiter seine Fachgebiete – etwa in der klassischen EDV oder in der Museums-
Technik. Das Ziel ist, dass jeweils zwei Mitarbeiter dasselbe Know-how in den einzelnen Bereichen haben.


Ich kann mir vorstellen, dass die Mitarbeiter für Sie und das Verkehrshaus sehr wertvoll sind.
Das ist so, denn einen neuen Mitarbeiter einzuführen, ist sehr aufwendig. Bis er alle Systeme einigermassen kennt, dauert das gut und gerne ein Jahr und mehr.

Können Sie in Zahlen ausdrücken, wieviel Ihrer Kapazitäten in die Technologie im Museum fliesst, und wieviel in die klassische IT?
In die klassische IT, wo wir rund 80 Arbeitsplätze unterhalten, fliessen rund 40 Prozent unserer Ressourcen. Ins Museum, wo etwa 200 Computer stehen, gehen 60 Prozent.


Können Sie in groben Zügen die sonstige Infrastruktur des Verkehrshauses umschreiben?
Was den reinen EDV-Betrieb betrifft, ist die Infrastruktur eigentlich recht klassisch, mit Windows-7-Arbeitsplätzen, Windows-Server-Systemen und einem hohen Virtualisierungsgrad. Daneben haben wir, bedingt durch die vielen unterschiedlichen Teams im Verkehrshaus, ziemlich viel verschiedene Software im Einsatz. Nebst den klassischen Office-Produkten benötigen wir Lösungen für die Grafikabteilung, die Buchhaltung, die Kassensysteme für den Eintritts- und die für den Shop-Bereich, die Buchungssysteme für Veranstaltungen, Videoüberwachungs- und Steuerungssysteme, Architekturprogramme und eine Archivlösung fürs Museum. Netzwerk-seitig betreiben wir ein Netzwerk über das gesamte Haus hinweg, an dem die klassischen IT-Komponenten und die Kassensysteme hängen. Dagegen sind Ausstellungen wie die i-Factory oder die Media Factory in eigenen, abgeschlossenen Systemen vernetzt.


Weshalb?
Zum einen deshalb, damit das Netzwerk nicht noch komplexer wird. Zum anderen geht es auch um Risikoa-Aschätzungen. Bei einem Netzausfall haben wir so dann vielleicht ein Problem in den EDV-Systemen, aber noch nicht im Museum. Hinzu kommt, dass wir für die Ausstellung externe Unternehmen im Haus haben, und dass es durch die Abgrenzung weniger Berührungspunkte gibt.

Wie steht es um die Redundanz der Ausstellungs-Systeme?
Wir müssen hier versuchen, einen Mittelweg zu gehen. Natürlich hätten wir gerne vollständige Redundanz, doch unser Haus verfügt über beschränkte finanzielle Mittel, weshalb wir die Gelder sinnvoll einsetzen müssen. Das bedeutet, dass wir auch mit gewissen Ausfallrisiken leben müssen. Doch wir können ziemlich viel überbrücken, und die ganz heiklen Systeme sind doppelt vorhanden.


Ich würde gerne noch etwas über Ihre klassische IT sprechen. Welche Teile betreuen Sie dort selbst, und welche sind ausgelagert?
Um das Daily Business kümmern wir uns. Das heisst, die Arbeitsstationen der Nutzer warten wir selbst, und auch die Serversysteme werden von uns unterhalten. Geht es aber darum, beispielsweise neue Server aufzusetzen, geben wir diese Arbeit extern, weil uns hier die Routine fehlt. Im Infrastruktur-Bereich arbeiten wir primär mit einem Partner zusammen, hinzu kommen dann individuelle Partner für die jeweiligen Softwarelösungen.


Weshalb betreiben Sie Ihre Server beziehungsweise das Rechenzentrum inhouse?
Auch hier geht es um Risiko-Abschätzung. Bei einem Internetausfall können unsere Kassensysteme weiterbetrieben werden, die Systeme laufen weiter. Der Entscheid für den internen Betrieb fiel also bewusst. Die Technologien, mit denen wir Geld verdienen, wollen wir im Haus haben.

Und wo liegt die grösste Herausforderung in Ihrer enorm breit aufgestellten Infrastruktur? Was bereitet Ihnen am meisten Kopfzerbrechen?
Das Einsetzen von personellen Ressourcen. Wir sind ein sehr kleines Team mit sehr vielen Aufgaben. So steht man immer vor der Entscheidung, wo man wie viele Ressourcen einsetzt. Hier den optimalen Mittelweg zu finden, ist sicher das Schwierigste.


Können Sie mir noch etwas über aktuelle Projekte erzählen, mit denen Sie beschäftigt sind?
Aktuell das wohl wichtigste Projekt ist die technologische Erneuerung des Planetariums, die ansteht. Heute ist im Planetarium noch Technologie im Einsatz, die aus den späten 60er Jahren stammt. Wir unterhalten bis zum heutigen Tag einen klassischen Sternenprojektor, wobei sehr viel Mechanik, Elektromechanik und sogar noch eine Relais-Steuerung im Einsatz ist. Gleichzeitig kommen Videoprojektoren zum Einsatz, die über zehn Jahre alt sind und die langsam ersetzt werden müssen. Das Projekt läuft bereits, und aktuell sind wird daran, zu entscheiden, welche Technologie zum Einsatz kommen soll. Vorgesehen ist, dass fünf 4K-Projektoren den gesamten Sternenhimmel projizieren, wobei 20 Rechner als Datenquelle dienen. Das wird eine beeindruckende Installation geben, wir werden so beispielsweise den Flug auf den Mars in Kürze simulieren können. Weil es sich dabei um eine stark technologische Ausstellung handelt, waren wir von der Technik eng involviert und waren zum Beispiel dabei, als die verschiedenen, auf dem Markt verfügbaren Systeme demonstriert und ausgewählt wurden.

So ein Projekt, und auch Ihr ganzer Job, klingen extrem vielseitig. Könnten Sie sich überhaupt vorstellen, die IT in einem «herkömmlichen» Unternehmen auszuüben?
Es ist schon so, die Abwechslung macht den Reiz in meinem Job aus. Die Frage, ob eine Anstellung bei einem anderen Unternehmen überhaupt vorstellbar wäre, habe ich mir auch schon gestellt. Vermutlich ist die Vielfalt der Arbeit mit ein Grund, weshalb ich immer noch hier bin (lacht…). (mw)



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