Z4 berechnet P-16

Z4 berechnet P-16

1. April 2012 - Herbert Bruderer

Die Auseinandersetzungen um das schwedische Kampfflugzeug Gripen wecken Erinnerungen an die französische Maschine Mirage und die Schweizer Eigenentwicklung P-16. Für die Berechnungen des von den Flug- und Fahrzeugwerken Altenrhein (FFA) am Bodensee gebauten P-16 wurde die legendäre Zusemaschine Z4 eingesetzt.
Artikel erschienen in IT Magazine 2012/04
Die P-16 im Fliegermuseum Dübendorf. (Quelle: Swiss ICT Magazin)
Wirren um die Beschaffungen von Kampfflugzeugen sind nicht neu, wie die Geschehnisse um das französische und das schweizerische Düsenflugzeug Mirage und P-16 zeigen. Die dramatischen Ereignisse um den in den Flug- und Fahrzeugwerken Altenrhein (FFA) am Bodensee entwickelten P-16 sind der in der Region ansässigen älteren Bevölkerung noch in lebhafter Erinnerung: die Flüge mit Überschallknall, der Absturz in den Bodensee, die Rettung des Piloten dank des Schleudersitzes, der Widerruf der Bestellung des P-16 durch die eidgenössischen Räte, was einem Fehlentscheid gleichkam.
Kaum bekannt ist hingegen, dass die legendäre Zusemaschine Z4, die von 1950 bis 1955 im Hauptgebäude der ETH Zürich in Betrieb war, für die Flatterrechnungen des P-16 verwendet wurde. Das war damals, wie Prof. Hans Rudolf Schwarz von der Universität Zürich erzählt, hochgeheim: Anfänglich habe das Kampfflugzeug P-16 nicht mit Überschallgeschwindigkeit fliegen können. Die Flügel seien zwar in Ordnung gewesen, aber das Höhenleitwerk habe ab 0,8 Mach geflattert. Die Ingenieure hätten seinen Berechnungen keinen Glauben geschenkt, der Testpilot habe jedoch den Befund bestätigt. Um diese Schwäche zu beheben, sei bei der Vorderkante des Höhenleitwerks Blei eingebaut worden, was 1,4 Mach erlaubt habe. Der Treibstoff sei in den Flügeltanks auf drei Kammern verteilt worden. Um dem Flattern vorzubeugen, sei zuerst der Treibstoff der hinteren, dann der mittleren und schliesslich der vorderen Kammer verbraucht worden.


Z4 hilft bei Flatterrechnungen

Mit der von Konrad Zuse erfundenen programmgesteuerten Z4 wurden in Zürich rund 100 Arbeiten erledigt. Näher belegt sind 55 Aufträge und mathematische Untersuchungen. Mit 920 Stunden Rechenzeit Z4 war der Auftrag der FFA die grösste auf der Z4 durchgeführte Arbeit. Die Berechnungen für den P-16 fanden von 1952 bis 1955 auf der Z4 statt und wurden bis 1957 auf der Nachfolgemaschine ERMETH fortgesetzt. Federführend beteiligt war Prof. Urs Hochstrasser (ETH Zürich/Universität Bern), später Direktor des Bundesamts für Bildung und Wissenschaft (heute Staatssekretariat für Bildung und Forschung). In seinem ausführlichen Zeitzeugenbericht räumt er mit einer weltweit vielfach verbreiteten Legende auf: Die Z4 sei so zuverlässig gewesen, dass sie nachts ohne Aufsicht gerechnet habe.
Hochstrasser schreibt: «Vor allem ging es darum, die kritische Geschwindigkeit zu bestimmen, oberhalb derer die von der Umströmung der Luft verursachten Schwingungen des Flugkörpers nicht mehr gedämpft, sondern verstärkt werden („Flatterrechnungen“). Im Zweiten Weltkrieg waren schweizerische propellergetriebene Mehrzweckflugzeuge abgestürzt, weil die Piloten in Unkenntnis dieser Grösse ihre Maschine erheblich zu schnell geflogen hatten. Wegen fehlender Anzeichen realisierten sie das Überschreiten dieser kritischen Geschwindigkeit nicht, und das Flugzeug vibrierte rasch so stark, dass es fast explosionsartig auseinander gerissen wurde. Um solche Katastrophen zu vermeiden, wurden darauf Geschwindigkeitsbeschränkungen eingeführt, für deren Festlegung die Bestimmung der kritischen Geschwindigkeit wesentlich war.» Die Z4 rechnete übrigens auch 500 Stunden lang für die Eidgenössischen Flugzeugwerke Emmen, die das Strahlflugzeug N-20 entwickelten.
 
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