Die Zeit der grossen IT-Messen ist vorbei

Die Zeit der grossen IT-Messen ist vorbei

27. August 2002 - Es scheint, als würde das Publikum den grossen IT-Messen zunehmend den Rücken zuwenden, und auch die Aussteller beginnen zu kneifen.
Artikel erschienen in IT Magazine 2002/29

15'000 Interessenten weniger als im Vorjahr zählten die Veranstalter an der letztjährigen Orbit/Comdex, an der iEX im Frühling waren es 13'000 weniger bezahlte Eintritte und 17 Prozent betrug der Besucherschwund an der Cebit 02 - es scheint, als würde das Publikum den grossen IT-Messen zunehmend den Rücken zuwenden.



Auch die Aussteller beginnen zu kneifen: 130 weniger an der iEX, rund 130 an der Cebit, und wie es aussieht, werden auch an der Orbit/Comdex, die nächsten Monat in Basel stattfindet, deutlich weniger Anbieter präsent sein als noch in den letzten Jahren.
Im Prinzip ist es nicht erstaunlich, dass immer mehr Anbieter und Besucher auf die Messen verzichten.



Kaum ein Hersteller oder Dienstleister wartet nämlich mit der Ankündigung oder Präsentation seiner neuen Produkte und Services bis zur nächsten Messe. In vielen Fällen werden Produkte gezeigt, die bereits verfügbar sind. Und gibt es doch einmal echte Neuigkeiten zu sehen, so sind es nicht selten Prototypen und Designstudien, auf deren Verfügbarkeit man danach ein, zwei Jahre wartet. So geschehen an der letztjährigen Orbit/Comdex: Von einer der interessanteren Neuheiten wurde ein Gehäuse ohne Innenleben gezeigt, verfügbar "demnächst". Demnächst ist heute, und an der kommenden Orbit/Comdex steht das Gerät wieder in den Traktanden - als grandiose Neuheit, wohlgemerkt.



Genausowenig ist ein Interessent noch auf eine Messe angewiesen, um Informationen über ein Produkt zu erhalten. Im Internet findet er dasselbe einfacher und erst noch schneller. Denn nüchtern betrachtet besteht eine Messe vor allem aus kollektiver Warterei. Hat man die Eingangsbarrieren erst überwunden und den gewünschten Aussteller gefunden, wird man von einer blonden Studentin im kurzen Rock zu einer brünetten Studentin im noch kürzeren Mini geschickt, die einen an eine rothaarige Studentin im Business-Kostüm verweist, von der man ein Glas Mineralwasser und die Auskunft erhält, dass der Produkt-Manager gerade beschäftigt und in einer Viertelstunde wieder frei sei. Hat man sich zuvor angemeldet, liegt vielleicht ein Gespräch drin, wenn der Gesuchte nach einer halben Stunde und dem dritten Wasser endlich auftaucht. Hat man Pech, gibt's nur einen Prospekt und den gutgemeinten Rat, doch mal im Internet nachzuschauen.



Dem Besucherschwund versucht die Orbit/Comdex jetzt mit allerlei Rahmenprogrammen entgegenzuwirken (vgl. Seite 13). Manches hat sich schon bei anderen Messen und in früheren Jahren bewährt, anderes wurde neu erfunden und wird jetzt erprobt. Ob die Massnahmen den Trend umdrehen und die Messemüdigkeit beseitigen, wird sich erst noch zeigen.
Aber natürlich sind die Messen nach offizieller Sprachregelung trotzdem erfolgreich: Man lobt die kompakte Gestaltung und die Qualität der Kontakte (welch ein Hohn in den Ohren derer, die sich bewusst gegen einen Besuch entschieden haben und nun als Interessenten zweiter Klasse dastehen). Dabei liegt ja auf der Hand: Wenn weniger Besucher kommen, können sich die verbliebenen Aussteller für jeden Einzelnen mehr Zeit nehmen. Kein Wunder, wenn dabei aus Massenabfertigung interessantere, für beide Seiten fruchtbare Gespräche werden. Es muss ja nicht übers Geschäft sein...

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