Spassbremse: ASUS UMPC R2H

Eigentlich wären Microsofts Origami-Projekt und die darauf basierenden UMPCs sehr vielversprechend. Leider ist das Konzept alles andere als ausgereift.

Artikel erschienen in Swiss IT Magazine 2007/03

     

Als Microsoft an der Cebit 2006 die Katze aus dem Sack liess und endlich Details zum unter dem Codenamen «Origami» bekanntgewordenen Projekt veröffentlichte, war der Widerhall nicht nur in der Presse, sondern auch bei Herstellern und Endanwendern für Microsoft-Verhältnisse eher verhalten. Mag sein, dass sich das Publikum bereits damals mehr für Vista und Office 2007 interessierte, möglicherweise ging die Veröffentlichung in der Flut der Cebit-Meldungen unter oder aber die Zeit für einen UMPC (Ultra Mobile PC) ist schlicht nicht reif, wie die Marktforscher von Gartner mutmassen. Dabei wäre das Konzept durchaus interessant: Ein vollwertiger PC in der Grösse eines A5-Blocks, ausgestattet mit Touchscreen und kabellosen Netzwerktechnologien, betrieben von Windows XP (und mittlerweile Vista), dazu eine einigermassen grosse Festplatte und ein paar USB-Anschlüsse – was begehrt der moderne mobile Anwender mehr? Aufgrund des geringen Echos erstaunt es allerdings kaum, dass bisher erst eine Handvoll Hersteller das Konzept aufgegriffen und Geräte vorgestellt haben – darunter finden sich Medion, OQO und Samsung. Eines der ersten verfügbaren Modelle ist der UMPC R2H von Asus, den wir einem Test unterzogen haben.


Kein Spass

Um es gleich vorwegzunehmen: Die Vorfreude des Testers auf das Gerät legte sich beim ersten Einsatz schnell. So richtig Spass machten weder die Arbeit mit Office-Anwendungen wie OneNote 2007 (Test in einer der kommenden Ausgaben) oder Internet Explorer noch das Freizeitvergnügen mit den verschiedenen Media-Center-Anwendungen. Dieses harte Verdikt geht allerdings nicht bloss zulasten von Asus, dem Hersteller des Geräts, sondern insbesondere auch an die Mannen in Redmond, die das Konzept ausgetüftelt haben.
Eigentlich müsste man meinen, ein kleines, mobiles Gerät (wie es schon der Name verheisst) würde schnell zum täglichen, unverzichtbaren Begleiter. Dem ist aber nicht so – der R2H wäre, hätte er nicht getestet werden müssen, wohl schon bald in einer Ecke verstaubt.




Die Gründe dafür sind vielfältig und teils schon aus den Konzept-Spezifikationen ersichtlich. So sieht Microsoft beispielsweise einen maximal 7 Zoll grossen Touchscreen vor, der nicht nur für die Anzeige, sondern auch für die Bedienung dienen soll. Dafür liefert Microsoft auch gleich eine den UMPCs vorbehaltene Software-Tastatur namens DialKeys mit, die sich als Viertelkreise in den Ecken aufbaut. Allerdings wird damit ein grosser Teil des Bildschirms abgedeckt, und beim Asus-Modell fehlt eine Taste, mit der sich die virtuelle Tastatur direkt aufrufen liesse. So muss die Tastatur bei jedem Gebrauch erst umständlich über den Tasktray aufgerufen und nachher wieder «versteckt» werden. Immerhin liefert Asus mit dem R2H eine faltbare Mini-Tastatur aus, die per USB angeschlossen werden kann.





Davon abgesehen ist ein 7-Zoll-Monitor für ein ausgewachsenes Windows schlicht zu klein. Während unseres Tests haben wir verschiedene Bildschirmauflösungen ausprobiert: Passte Windows komplett auf den Monitor, reklamierte es regelmässig, dass die Bildschirmauflösung nicht optimal sei. Liess man Windows gewähren und die optimale Auflösung selber einstellen, wurde die Oberfläche nur teilweise angezeigt; um den Rest zu sehen, musste das Betriebssystem selber quasi gescrollt werden.
Bei der nichtoptimalen Auflösung wiederum nahmen die Anwendungen mit ihren Titel-, Menü- und Statuszeilen dermassen viel Platz ein, dass von der eigentlichen Arbeitsfläche (sei es in Word, Internet Explorer oder einer anderen Anwendung) kaum mehr etwas zu sehen war.
Ein letztes Anzeigeproblem, mit dem wir während unseres Tests konfrontiert waren, betrifft die Kalibrierung des Monitors für die Stiftbedienung. Das entsprechende Windows-Applet wurde mehrfach mit verschiedenen Einstellungen und mit (laut Applet) guten Ergebnissen laufen gelassen, dennoch waren im laufenden Betrieb der Mauszeiger und der Stiftauflagepunkt auf dem Monitor regelmässig um ca. 1 cm verschoben – allerdings ironischerweise bloss auf der oberen Bildschirmhälfte.


Schmalbrüstige Hardware

Angetrieben wird der Asus UMPC R2H von einem Intel Celeron M mit 900 MHz, integriert sind weiter 256 MB RAM. Schon diese Zahlen deuten darauf hin, dass der UMPC nicht wirklich ein Renner ist. Tatsächlich benötigt er für den Systemstart weit über eine Minute, und auch das Starten von Programmen geht schleichend vonstatten. Beim Multitasking mit mehreren geöffneten Applikationen wird die Geduld des Anwenders schliesslich auf eine harte Probe gestellt.
Warum bloss ein dermassen lahmer Prozessor implementiert wurde, liegt auf der Hand: Nur so lässt sich die Akku-Leistung optimieren. Diese allerdings ist schlicht enttäuschend. Im Test hat der Akku im längsten Fall knapp 2 Stunden durchgehalten, bevor das Gerät wieder aufgeladen werden musste – und der Ladevorgang geht typischerweise deutlich länger als die Entladung. Allerdings wird dadurch das Konzept widersinnig: Ein mobiles Gerät, das durchschnittlich alle 2 Stunden für 4 Stunden an der Steckdose hängt, ist schlicht nicht mobil. Damit das Gerät tatsächlich zum ständigen mobilen Begleiter mutierte, müsste es zumindest den ganzen Tag (oder seien wir grosszügig und sagen fünf Stunden im Dauerbetrieb) unabhängig von einer Steckdose funktionieren. Dem wird bei den aktuellen Akku-Technologien aber wohl noch länger nicht so sein.






Davon abgesehen hat Asus den R2H durchaus reichhaltig und mit sinnvollen Features ausgestattet. So kommt das Gerät etwa mit einem integrierten GPS-Modul und kann so mit der passenden Software als mobiler Stadtführer eingesetzt werden. Und bei einem Gerät, das durch die relativ kleinen Masse schnell verlorengehen könnte, kann auch der Fingerprint-Reader zur Authentifikation des Anwenders gute Dienste leisten. Des weiteren bietet der R2H eine integrierte 1,3-Megapixel-Kamera, die sowohl für Fotos als auch für Videos und Videotelefonie eingesetzt werden kann, sowie ein eingebautes Mikrophon und Lautsprecher.
Bedient wird der UMPC (abgesehen von der Softwaretastatur und dem obligaten Stift) mit Hilfe eines Vierwege-Navigations-Buttons mit «Enter»-Funktion, einem Cursor-Kontrollbutton sowie Scroll- und Mausersatz-Tasten.


Nachbesserung dringend erforderlich

Als seinerzeit die ersten Tablet PCs auf den Markt kamen, krankten sie an ähnlichen Problemen wie heute der UMPC. Dennoch mauserten sie sich im Lauf der Zeit zu ganz brauchbaren Geräten und haben sich inzwischen einen soliden Nischenmarkt erobert. Insofern ist es erstaunlich, dass die Hersteller aus den damals gemachten Fehlern nichts gelernt haben und einmal mehr unausgereifte Geräte auf den Markt werfen.
Denn eigentlich wäre der UMPC ein ganz interessantes Konzept, das durchaus Potential hätte, zum täglichen Begleiter zu werden. Dazu müssten aber die Akkulaufzeit massiv erhöht, die Bildschirm-probleme behoben, ein sinnvolles Betriebssystem mitsamt Killerapplikation integriert und die Preise deutlich gesenkt werden. Ausserdem wäre eine breitere Palette von Geräten von mehr Herstellern nötig. Sollten diese Wünsche nicht aufgegriffen werden, dürften die UMPCs eine kurze, eher unrühmliche Episode in der Geschichte der Computerhardware bleiben – und der Anwender, der auf Touchscreen und Stifteingabe nicht verzichten will, wählt mit Vorteil einen 12,1”-Tablet-PC.




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