«Wir sind alle sehr stolz»

Ex-Debian-Project-Leader Martin Michlmayr über Kommerz und Debian in Münchens Amtsstuben.

Artikel erschienen in Swiss IT Magazine 2005/11

     

Nachdem wir in InfoWeek 10/2005 mit Martin Michlmayr, Debian Project Leader zwischen 2003 und 2005, über freie Software, die Community und Quality Management gesprochen haben, folgt nun der zweite Teil des InfoWeek-Interviews. In ihm erklärt er unter anderem, warum er das Linux-Engagement von Firmen wie IBM, HP oder Novell für eine gute Sache hält.







InfoWeek: Seit dem Kauf von Suse durch Novell ist Linux so ziemlich in aller Munde, und immer mehr Unternehmen bekennen sich zu Linux. Eine positive Entwicklung?


Martin Michlmayr: Linux und Open Source haben in den letzten Jahren in der Tat sehr grosse Fortschritte gemacht und grosse Erfolge für sich verbuchen können. Die Übernahme von Suse durch Novell ist ein Zeichen des Erfolgs der Open-Source-Bewegung. Die Frage der «Kommerzialisierung» von Linux und Open Source ist schon oft aufgekommen. Zum Glück war es bisher meist so, dass die Firmen mit der Community zusammenarbeiten und nicht nur nehmen, sondern auch zurückgeben. Novell hat ihre guten Absichten bekanntgegeben und will ein guter Spieler in der Gemeinschaft sein. Sie haben auch seit dem Kauf von Ximian und Suse einige Software als Open Source freigegeben, die zuvor proprietär war. Wie sich der Kauf von Suse auf die Zukunft der Distribution und den Linux-Markt selbst auswirkt, kann noch nicht abgesehen werden, doch es wird sicherlich spannend werden.



Profitiert auch Debian von dieser «Kommerzialisierung»? Wenn IBM, Novell und Konsorten von Linux sprechen, haben Sie in den meisten Fällen die Distributionen von Suse oder Red Hat im Hinterkopf. Debian scheint für sie nicht zu existieren.

Es existiert grosses Interesse an Debian, aber für viele Firmen stellt es ein Problem dar, mit einem Non-Profit-Projekt zusammenzuarbeiten. Zum Glück ändert sich das langsam, und wir sehen besseren Support von Debian seitens der grossen IT-Firmen. Hewlett-Packard hat sich vor ein paar Jahren für Debian als ihre interne Entwicklungsumgebung entschlossen und bietet seit längerem Support an, allerdings nur unter der Hand. Vor kurzem haben sie offiziellen Support für einige ihrer Hardware-Produkte angekündigt, und dies wird in der Zukunft ausgebaut. Bei vielen anderen Firmen läuft es ähnlich – offiziell werden nur Suse und Red Hat unterstützt, aber auf Nachfrage erhält man oftmals auch Unterstützung beim Einsatz von Debian.
Es gibt natürlich noch andere Aspekte der «Kommerzialisierung». Früher war Open Source klar ein Modell, das auf verteilter Arbeit von Freiwilligen basierte. Durch den Erfolg von Open Source und Linux gibt es jetzt viel mehr Leute, die dafür bezahlt werden, um bei Open-Source-Projekten mitzuarbeiten. Hier wird sich in der Zukunft vermehrt die Frage stellen, ob ein Projekt, das rein auf Freiwilligen basiert, überhaupt noch mithalten kann.



Denken Sie, dass es also nur noch eine Frage der Zeit ist, bis man beinahe überall Debian-Support einkaufen kann und Dell-Server mit Debian ausgeliefert werden?

Ich denke, dass es in diese Richtung geht, aber wie schnell der Prozess ablaufen wird, ist schwer zu sagen. Es hängt natürlich auch von verschiedenen Faktoren ab. Einerseits müssen Firmen, die Debian einsetzen, klar den Wunsch nach offiziellem Debian-Support äussern. Zudem muss Debian vermehrt mit Firmen wie HP, IBM und Dell zusammenarbeiten. Zu manchen Firmen haben wir gute Kontakte, aber bei anderen muss der Kontakt erst hergestellt werden. Die grosse Herausforderung ist, herauszufinden, wie Debian als Non-Profit-Projekt mit Freiwilligen mit einer Firma zusammenarbeiten kann. Während wir mit manchen Unternehmen ein sehr gutes Arbeitsverhältnis haben, ist es für andere Firmen sehr schwer, mit einem Non-Profit-Projekt zusammenzuarbeiten. Die grossen Firmen lernen jedoch langsam, wie man mit freier Software und Open-Source-Projekten interagieren muss, und Debian auf der anderen Seite sieht verstärkt die Bedeutung von guten Kontakten in der IT-Branche.





Zusammenarbeit mit Firmen ist ein gutes Stichwort. Mit Canonical versucht sich wieder einmal eine Firma mit einer auf Debian Linux basierenden Distribution und bezahlt auch einige Debian-Entwickler. Ist dies in Hinblick auf die Grossen wie IBM eine erstrebenswerte Konstellation mit Modellcharakter?


Viele Firmen sind mit diesem Modell sehr erfolgreich. Wenn man sich erfolgreiche Produkte wie Apache und den Linux-Kernel ansieht, dann sieht man sofort den Einfluss von Firmen. In vielen Fällen ist die Zusammenarbeit von Projekten und Firmen sehr gut. Als HP eine Distribution für ihre HPPA-Architektur entwickeln wollte, hatte sie die Wahl, eine Firma wie Red Hat zu bezahlen oder sich direkt an einer Distribution zu beteiligen und die nötige Arbeit beizusteuern. HP hat sich für den zweiten Weg entschieden und Debian erfolgreich auf HPPA portiert. Von dieser Arbeit haben sowohl HP als auch Debian und natürlich die Benutzer profitiert. Manchmal kann es natürlich unterschiedliche Auffassungen darüber geben, in welche Richtung ein Projekt gehen soll, aber dieses Problem gibt es nicht nur zwischen Firmen und Freiwilligen, sondern auch in Projekten, an denen sich nur Freiwillige beteiligen. Es gibt auch Lizenz-Verstösse, aber viele Firmen wissen, wie man mit der Community zusammen arbeitet.





Hat Debian von der Arbeit mit Hewlett-Packard auch finanziell profitiert?


Debian ist ein Projekt, das nicht auf Gewinn ausgerichtet ist. Somit stehen die finanziellen Vorteile nicht im Vordergrund. Die Hauptfrage für uns ist, ob die Entwicklung unserer Software davon profitiert hat, und das ist klar der Fall. Indirekt haben wir jedoch auch finanziell profitiert und die Ressourcen, die Debian zur Verfügung stehen, erhöhen können. Das beste Beispiel ist Debian Conference, unsere jährliche Entwickler-Konferenz, die wir diesen Sommer zum sechsten Mal abhalten und die von Firmen wie HP finanziert wird.



Eine wichtige Rolle spielen bei Linux-Distributionen wie Debian die Treiber. Während man bei Suse auch Closed-Source-Treiber wie für die passiven ISDN-Karten von AVM integriert, schlägt Debian genau die Gegenrichtung ein: Nach Sarge sollen auf Grund des Social Contract sämtliche Firmware-Binaries aus dem Kernel entfernt werden, womit viel Hardware nicht mehr lauffähig wäre. Ist eine solche Politik überhaupt noch zeitgemäss und geht sie nicht an den Wünschen der Anwender vorbei, die ihre bestehende Hardware komplett benutzen wollen?

Es geht hier um die grundsätzliche Frage, wie wichtig einem Freiheit ist. Debian hat immer die Gedanken und die Philosophie der freien Software unterstützt und will dem treu bleiben. Ich persönlich bin der Meinung, dass Treiber frei sein sollten. Dadurch kommt man in den Genuss von vielen Vorteilen wie der Möglichkeit, Fehler im Treiber zu beseitigen. In der Praxis ist es jedoch so, dass es immer mehr Hardware-Firmware benötigt und es zu massiven Problemen führen wird, wenn man keine Firmware mit dem Betriebssystem ausliefert. Aus dieser Sicht ist Debians Entscheidung sicherlich ein Schritt in die falsche Richtung. Ich denke, dass Debians Standpunkt im Prinzip richtig ist, jedoch finde ich, dass die Entfernung von Firmware-Treibern nur kontraproduktiv ist. Das Projekt sollte einen Kompromiss eingehen und die Firmware mitliefern, aber zugleich eine Kampagne ins Leben rufen, um Hersteller dazu bewegen, ihre Treiber frei zu machen. Nach dem Release von Sarge wird es sicherlich eine erneute Diskussion zu diesem Thema geben, an der sich hoffentlich auch Benutzer verstärkt beteiligen. Falls die Entscheidung zur Entfernung von Firmware bestehen bleibt, werden wir es so leicht wie möglich machen, die Firmware bei der Installation von CD oder USB-Stick zu laden.





Wie bewerten Sie die Auswahl von Debian für das prestigeträchtige LiMux-Projekt, und weshalb konnte sich Ihrer Meinung nach Debian gegen die schwergewichtige Konkurrenz von IBM und Novell durchsetzen?


Die Entscheidung der Stadt München, auf Debian zu setzen, ist für uns ein sehr grosser Erfolg, und wir sind alle sehr stolz, vor allem die Entwickler im deutschsprachigen Raum. Interessanterweise ist Debian sehr populär in staatlichen Einrichtungen. Brasilien ist neben München eines der besten Beispiele. Es gibt noch zahlreiche andere Länder, die Debian einsetzen. Ein Grund für die Popularität von Debian in diesem Bereich ist wohl, dass man direkt Leute im eigenen Land einstellen kann. Es gibt Gerüchte, dass die Entscheidung nicht auf Suse gefallen ist, weil die Firma kürzlich von Novell gekauft worden und somit keine deutsche Firma mehr ist. Zudem ist Debian nicht kommerziell und komplett unabhängig von einem bestimmten Anbieter. München hat sich für zwei Firmen entschieden, die das Projekt durchführen, aber sie können sich jederzeit für andere Partner entscheiden und trotzdem bei Debian bleiben. Nach schlechten Erfahrungen mit Microsoft und anderen Herstellern in den letzten Jahren haben viele Firmen Angst vor Vendor-Lockin. Linux im allgemeinen und Debian im besonderen bieten hier eine gute Alternative.



Welche Auswirkungen erwarten Sie auf das Debian-Projekt?

Neben vermehrtem Interesse und besserer Zusammenarbeit auf politischer Ebene erhoffe ich mir auch Kollaboration auf dem technischen Gebiet. Es gibt viele Debian-basierende Systeme und wir sehen leider oft wenig Zusammenarbeit. Das führt dazu, dass das Rad von jedem neu erfunden wird. Es gibt erste Kontakte zum LiMux-Projekt und Bestrebungen, ihre Änderungen in Debian zu integrieren, so dass jeder von den Erweiterungen profitiert. Zudem ist München ein extrem gutes Beispiel, das uns die Anforderungen von Benutzern zeigt. Diese Erfahrung können wir dazu verwenden, um Debian weiter zu verbessern.



Am 17. April 2005 endete Ihre Amtszeit. Welches sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Aufgaben für Ihren Nachfolger Branden Robinson?

Für das Release von Sarge wird relativ wenig von Seiten des neuen Projektleiters notwendig sein, da die meisten Probleme kürzlich beseitigt worden sind und der Freeze bereits vollzogen wurde. Auf die lange Sicht ist es jedoch wichtig, eine gute Umgebung zu schaffen, um zukünftige Releases zu erleichtern. Viele Strukturen in Debian sind sehr rigide und müssen verändert werden, um frisches Blut heranzulassen. Die Hauptaufgabe für meinen Nachfolger ist daher, Schwachstellen in der Organisation zu erkennen und zusammen mit anderen an Lösungen dafür zu arbeiten.




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