Editorial

Kein Linux-Office am Horizont


Artikel erschienen in Swiss IT Magazine 2006/15

     

Stuart Cohen, Chef der Open Source Development Labs, ist der Überzeugung, dass Microsoft in naher Zukunft eine Linux-Version von Office auf den Markt bringen wird. Er erklärt dies unter anderem mit dem steigenden Marktanteil von Linux und damit, dass bereits Oracle unter dem Druck der freien Software eingeknickt ist (siehe Seite 11, Kasten).

Seine Argumente mögen zwar auf dem ersten Blick überzeugen. Sie ändern aber nichts daran, dass er sich irrt, auch wenn sich Microsoft deutlich freundlicher gegenüber Open Source gebärdet als auch schon (ebenfalls Seite 11).



Mein Pessimismus ist schnell erklärt: Die Bedeutung von Linux auf dem Desktop ist überbewertet. Linux hat es auch 15 Jahre nach seiner Geburt nicht geschafft, einen bedeutenden Platz auf dem Desktop zu erobern. Und das wird sich so schnell auch nicht ändern. Denn während Wahlfreiheit auf dem Server ein Segen ist, ist sie auf dem Desktop bestenfalls hinderlich, wenn es um das perfekte Zusammenspiel von Dutzenden Applikationen geht. Ganz zu schweigen vom Theater um die 3D-Treiber von Nvidia und ATI. So mangelt es Linux am «Es-geht-einfach»-Effekt. Dies geht sogar soweit, dass selbst eingefleischte Linux-Freaks erklären, der beste unixoide Desktop komme aus Cupertino und heisse MacOS X..



Dieser lahme Pinguin ist weit davon entfernt, Microsoft derart unter Druck zu setzen, dass Geld in eine Portierung investiert wird. Und selbst wenn Microsoft das Geld locker machen würde, wird Redmond aus Angst vor der symbolischen Bedeutung eines Linux-Office einen derartigen Schritt nicht wagen. Denn damit würde Microsoft eingestehen, dass Linux doch mehr als das oft geschmähte Bastler-System ist.

Dies soll aber nicht heissen, dass Microsofts Cash-Cow Office nicht in Gefahr wäre. Denn die Gefahren heissen nicht Linux, sondern OpenDocument und Google. OpenDocument, weil es innert Monaten geschafft hat, dass Office in den Amtsstuben rund um die Welt auf den Prüfstand gestellt wird – nur weil es eine Offenheit bringt, die in der Archivierung geschätzt wird, die Microsoft aber nicht bieten will. Und Google, weil es mit Gratis-Tools den heimischen und bald auch den Firmen-PC (siehe Seite 7) überschwemmt. So wird Microsoft Stück für Stück von der eigenen Plattform verdrängt: Zuerst bei der Suche. Jetzt werden E-Mail und Collaboration ins Visier genommen. Und dann irgendwann vielleicht einmal Office.




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