Warum IPv6 nicht vom Fleck kommt

IPv6 bringt Vorteile zuhauf. Mit einem Durchbruch ist aber vorläufig nicht zu rechnen, da die Verknappung der IP-Adressen entschärft wurde.

Artikel erschienen in Swiss IT Magazine 2003/08

     

Das Internetprotokoll IPv6 bringt eine geballte Ladung Vorteile für die Internetgemeinschaft. Obwohl viele Betriebssysteme für ein Update fit wären, steht heute aber immer noch in den Sternen, wann die IT-Welt auf das verbesserte Protokoll umsteigen wird. Dabei hat die Internet Engineering Task Force die Protokollspezifikationen als Draft bereits vor fünf Jahren verabschiedet. Die Forderung, baldmöglichst auf IPv6 umzustellen, wurde vor allem in den Jahren des Dotcom-Booms laut. Damals wuchs die Zahl der weltweit eingesetzten IP-Adressen explosionsartig, und wenn es nach den damaligen Voraussagen ginge, könnte IPv4 bereits heute die Anforderungen nicht mehr abdecken.



Bekanntlich ist es aber anders gekommen. Die Schweizer IPv6 Task Force geht mittlerweile davon aus, dass die verfügbaren IP-Adressen im europäischen Raum irgendwann zwischen 2006 und 2010 knapp werden. Dass diese Verknappung noch nicht eingetreten ist, muss man aber auch einer anderen technologischen Entwicklung zuschreiben. Wie Willi Huber, Leiter der Netzwerkgruppe bei der Schweizer Registrierungsstelle Switch, erklärt, hat die Network Address Translation, kurz NAT, den Engpass zumindest zwischenzeitlich entschärft. Router sind damit in der Lage, eine ganze Reihe interner IP-Adressen auf eine einzige umzuleiten, die vom Provider zur Verfügung gestellt wird. Es versteht sich, dass damit nicht nur in kleineren Unternehmen der Bedarf an neuen IP-Adressen massiv eingeschränkt werden konnte.




Huber ist sich allerdings sicher, dass die heute verfügbaren 4 Milliarden IP-Adressen spätestens dann nicht mehr reichen werden, wenn Märkte wie Indien oder China flächendeckend mit Internet-Accounts versorgt werden müssen.


Vorteile en masse

Obwohl zur Zeit anscheinend kein Bedarf besteht, sind die Vorteile von IPv6 gegenüber der heutigen Lösung nicht von der Hand zu weisen. Neben der Anzahl Webadressen reichen die Verbesserungen von der Performance über die Administrierbarkeit bis hin zu Sicherheitsaspekten.




IP-Adressen: Durch die Erweiterung der Adresslänge von 32 auf 128 Bit kann die mit IPv4 maximal mögliche Anzahl von heute 4 Milliarden IP-Adressen auf 3,4 mal 10 hoch 38 erhöht werden. Anders ausgedrückt: Mit IPv6 werden 340 x 1 Billion x 1 Billion x 1 Billion IP-Adressen nutzbar.





Performance: Durch die Optimierung des Paket-Headers kann die Paketbearbeitung in Routern vereinfacht werden. Weitere Performance-Steigerungen bei der Bearbeitung der Pakete ergeben sich durch den Verzicht der Prüfsumme im Header.




Sicherheit: Ein erweiterter Header ermöglicht die Nutzung verschiedener Sicherheitsfeatures bereits auf Netzwerkebene. Dazu zählen unter anderem Funktionen für Authentifizierung, Verschlüsselung oder Integritätsprüfung.




Administration: Die Arbeit der Netzwerkverantwortlichen wird mit IPv6 vereinfacht. Host- und Netzadressen eines Netzknotens können etwa genau so automatisch konfiguriert werden wie die Routing-Einträge der verfügbaren Router. Dazu lassen sich mit Verfahren wie Router Renumbering im gesamten LAN die Adressen aufs Mal ändern.




Mobile Clients: Mobile Rechner werden allein durch den Host-Anteil der IP-Adresse weltweit eindeutig identifizierbar. Meldet sich ein mobiler Rechner beispielsweise an einem WLAN an, bleibt die Hostadresse erhalten.




Quality of Service: Mit IPv6 lassen sich Datenströme mit einer Markierung, einem sogenannten Flowlabel, versehen. Der Versender eines Datenpakets kann damit eine bevorzugte Behandlung durch die Router anfordern.


Migrations-Voraussetzungen

Damit das neue Internetprotokoll eingesetzt werden kann, müssen allerdings eine ganze Reihe von Voraussetzungen erfüllt sein.



Auf Unternehmensseite sind es zuerst einmal die Betriebssysteme, welche das neue Protokoll unterstützen müssen. Wie unsere Übersicht zeigt, sind zumindest die jüngsten Versionen für den IPv6-Einsatz gewappnet.



Während in der Unix-Welt IPv6 bereits seit geraumer Zeit unterstützt wird, liefert Microsoft erst mit den allerneusten Betriebssystem-Versionen Unterstützung für IPv6. Für Windows 2000 gibt es zwar ein Add-on, dieses wird allerdings als Entwickler-Preview angeboten und somit nicht offiziell unterstützt.



Des weiteren müssen auch Netzwerkkomponenten wie Router für den IPv6-Einsatz fit gemacht werden, wobei sich dies in vielen Fällen durch ein Firmware-Upgrade bewerkstelligen lässt.



Schliesslich sind auch auf Seite der Provider und Backbone-Betreiber Massnamen nötig. "Kritischer Faktor ist hier vor allem das Know-how der eigenen Mitarbeiter, das auf Vordermann gebracht werden müsste", erklärt Willi Huber gegenüber InfoWeek.




Wer will IPv6?

Angesichts der aufgezeigten Vorteile fragt man sich, woran es denn liegt, dass IPv6 nicht längst allgegenwärtig ist. Dazu Huber: "Wir spüren wenig Druck von Anwender-Seite." Nicht einmal die akademischen Institutionen, ansonsten eine Triebfeder für die IT-Entwicklung, zeigen laut Huber zur Zeit grösseres Interesse an einer Einführung.



Wie sich die Situation momentan gestaltet, wird wohl erst die von Huber angesprochene "Internetisierung" von Drittweltländern zum nötigen Druck führen, um dem Next-Generation-Internetprotokoll zum Durchbruch zu verhelfen.




Übersicht: IPv6 in den Betriebssystemen



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