Katastrophe im World Wide Web

Katastrophe im World Wide Web

14. Oktober 2003 - Da sieht man mal wieder, was Patente anrichten können: Ein Kleinstunternehmen verklagt Microsoft wegen angeblicher Patentverletzung - und siegt vor Gericht.
Artikel erschienen in IT Magazine 2003/18

Da sieht man mal wieder, was Patente anrichten können: Ein Kleinstunternehmen mit einem Namen, der fatal an ein tödliches Virus aus den Urwäldern Afrikas erinnert, verklagt Microsoft wegen angeblicher Patentverletzung - und siegt vor Gericht. Microsoft hat 521 Millionen Dollar Schadenersatz an Eolas zu zahlen.



Der Klagegrund: Die Art und Weise, wie der Internet Explorer sogenannte ActiveX-Controls lädt, sei schon seit Anfang der Neunziger Jahre durch ein Patent der University of California geschützt, das diese wiederum an ihren Spin-off Eolas lizenziert hat.



Microsoft bestreitet dies und geht in Berufung - die Plug-In-Einbindung von IE beruhe auf eigenen Technologien sowie auf der Arbeit eines gewissen Pei Wei von O'Reilly, von der Eolas bereits vor der fraglichen Patentierung Kenntnis gehabt habe. Das Patent sei somit gar nicht gültig.



Das wiederum beeindruckt Mike Doyle, den streitbaren einzigen Angestellten von Eolas, überhaupt nicht. Er verlangt nun sogar, Microsoft solle entweder eine Lizenzgebühr entrichten oder den Vertrieb des Browsers sofort einstellen und droht mit einer einstweiligen Verfügung.



Microsoft denkt aber nicht im Traum ans Zahlen - Lizenzen sind in Redmond nur dann relevant, wenn man damit selbst Geld einstreichen kann. Stattdessen verkündet der Browser-Marktführer, man ändere ab Anfang 2004 das Plug-In-Handling so, dass das Patent nicht mehr tangiert werde. Es lässt sich offenbar damit umgehen, dass ActiveX-basierte Inhalte nicht mehr einfach so angezeigt werden, sondern erst nach der Bestätigung eines lästigen Dialogfensters durch den Anwender.



So what, wird sich manch einer denken, dann kommt bei mir halt kein Plug-In mehr auf den Bildschirm. So schmerzlos ist der ActiveX-Verzicht aber nicht: Von Flash über die PDF-Direktanzeige bis zum Java-Applet kommt keine fortschrittliche Web-Technologie ohne die Einbindung externer Objekte auf Webseiten aus. Ohne Browser-Plug-Ins ist das Web eine trostlose Einöde. Und wenn vor der Anzeige jedes einzelnen Flash-angereicherten Buttons erst mal "Ok" geklickt werden muss, ist das Surferlebnis rasch und nachhaltig vergällt.



Der Schuss war gut gemeint, geht aber voll in die Hose - eigentlich wollte Doyle ja nur dem bösen Monoplisten ans Bein pinkeln: "Mit diesem juristischen Sieg schaffen wir ein völlig neues Umfeld für faire Konkurrenz in der Software-Industrie." Merkwürdig nur, dass die Forderung erst heute kommt, wo ein Grossteil der Webseiten nicht mehr ohne Plug-Ins auskommt. Kritische Stimmen bezeichnen Doyle deshalb als billigen Opportunisten, der mit dem Erlös der Klage einfach andere Eolas-Projekte finanzieren wolle.



Überhaupt: Statt Freude über den vorläufigen Ausgang des David-Goliath-Streits herrscht Panik. Herstellern wie Macromedia, deren Flash-Player wohl am meisten betroffen ist, kommt der Eolas-Sieg kaum gelegen. Schon fürchten andere Anbieter von Internet-Tools ähnliche Klagen oder saftige Lizenzforderungen.



Mein Fazit: Patente werden immer mehr vom nützlichen Schutzinstrument zum lästigen Hindernis für eine freie Innovation. Wenn jedes softwaretechnische Kinkerlitzchen vom One-Click-Shopping über die Palettenanordnung in Grafikprogrammen bis zum Ladevorgang von Plug-Ins einem Patent unterworfen ist, profitiert am Ende niemand mehr - ausser den Juristen.

(ubi)

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