ERP aus der Steckdose

Technisch steht der Nutzung von Business-Software als Mietlösung nichts entgegen. Skeptische Anwender und fehlende Standardangebote bremsen aber das ASP-Modell.

Artikel erschienen in Swiss IT Magazine 2005/11

     

Top oder Flop – die Frage stellt sich punkto Application Service Providing (ASP) heute nicht weniger als vor ein, zwei oder fünf Jahren: Die Befürworter des ausgelagerten Softwarebetriebs betonen unermüdlich die Vorteile, darunter Kostenersparnisse und die Möglichkeit, dank dem Mietmodell Software einzusetzen, die man sich im Kauf gar nicht leisten könnte.





Die Anwender dagegen sind immer noch skeptisch. Sicherheitsbedenken machen es manchem Firmenverantwortlichen schwer, die eigenen Daten «in die Fremde zu schicken». Dies gilt für datenbankgestützte Systeme wie ERP-Software noch mehr als für Office-Programme: Auch ein Dokument, das man im ASP-genutzten Word erstellt, lässt sich schliesslich lokal abspeichern, im Gegensatz zur ERP-Datenbank, die in jedem Fall auf einen providerseitigen Server zu liegen kommt.



Scheinargument Sicherheit

ASP-Anhänger bezeichnen die Sicherheits-Skepsis als Scheinargument und verweisen darauf, dass ein waschechter Application Service Provider, der seine Kunden mit
per SLA garantierten Leistungen versorgt, vermutlich ein wesentlich besser abgesichertes Data Center betreibt als das durchschnittliche KMU. Letztlich, so Nicole Scheidegger vom Berner Marktforschungs-
und Consultingunternehmen Dr. Pascal Sieber & Partners, ist es
eine Frage des Vertrauens und des erzielbaren Nutzens: «E-Banking,
bei dem ja die allersensitivsten Daten wie Lohnangaben und Kontostände übermittelt werden, machen ja fast alle. Das Sicherheitsargument scheint mir oft nur ein Vorwand zur Ablehnung zu sein; wenn eine Anwendung konkreten Nutzen bringt, wird sie auch eingesetzt.» Offenbar fehlt es also bisher am tatsächlichen Nutzen von ASP oder an der Sensibilisierung der Anwender.






ASP bedeutet nicht für jeden das gleiche. Einige verstehen darunter jede Art von Server-based Computing, egal ob auf firmeninterner oder ausgelagerter Infrastruktur. Andere machen ASP von der Lizenzierung abhängig: Sobald die Software nicht «gekauft», sondern «gemietet» und beispielsweise dynamisch jeden Monat nach der Anzahl aktiver User verrechnet wird, ist es ASP.



ASP heisst mandantenfähig

Nicole Scheidegger definiert den Begriff strenger: Sie unterscheidet klar zwischen mandantenfähiger Standardsoftware auf einer einheitlichen Infrastruktur, die von vielen Kunden gleichzeitig genutzt wird, und für jeden Kunden individuell angepassten Lösungen, die zwar alle im Data Center eines Providers betrieben werden, ansonsten aber völlig getrennt laufen. Nur die erste Variante ist für Scheidegger echtes Application Service Providing, alles andere ist klassisches Outsourcing, bei dem wichtige ASP-Aspekte wie die Nutzung einer einheitlichen Lizenz für mehrere Mandanten dahinfallen – und damit auch ein Grossteil der wirtschaftlichen Vorteile, die sich aus der «economy of scale» ergeben.



Standardisierung als Trumpfkarte

Die Kosten sind aber nicht der einzige Grund, der für Standardsoftware und ASP spricht: Mit zunehmenden geschäftsübergreifenden Prozessen und internationalen Accounting-Normen wie Basel II ist es heute wichtig, dass eine Software mit den Systemen der Geschäftspartner kommuniziert. In der Vergangenheit versuchten viele Unternehmen, sich durch möglichst individuelle Prozesse zu differenzieren, die dann auch eine individuell angepasste und dementsprechend kostspielige Business-Software bedingten – für Scheidegger ein klarer Hemmschuh für das ASP-Betriebsmodell.





Besonders KMU haben geglaubt, ihre Prozesse seien derart einzigartig. Auf der Suche nach Wirtschaftlichkeit analysiert man heute jedoch auch im KMU die Geschäftsprozesse näher und kommt zum Schluss, dass die meisten Vorgänge allgemeingültigen Standards folgen: Eine Rechnung ist eine Rechnung, unabhängig von Standort, Grösse und Branche des Rechnungstellers. Das Unternehmen differenziert sich vielmehr durch die Nutzung der Software: Auch die gestylteste Rechnung bringt wenig, wenn sie unkorrekt adressiert ist oder erst Monate nach einer erbrachten Leistung ausgestellt wird. Auf die Frage, ob es demnach letztlich egal sei, welche Software zum Einsatz kommt, meint Scheidegger: «Soweit würde ich nicht gehen. Wichtiger als die Wahl der Software ist aber auf jeden Fall, wie sie genutzt wird.»




Hosting versus Application Service Providing



Schweizer Anbieter im Nachteil?

Für Nicole Scheidegger ist es klar: Erst der zunehmende Verzicht auf Individual- und Insellösungen macht eine grössere Verbreitung des ASP-Modells möglich. Indizien zugunsten dieser Voraussetzung liefert eine Studie, die Pascal Sieber & Partners kürzlich im Auftrag von IBM durchgeführt hat. IT-Manager von Schweizer KMU wurden zur aktuellen und zukünftigen Bedeutung von Business-Software befragt.





Aktuell stehen bei 361 befragten Unternehmen über 200 verschiedene ERP-Lösungen im Einsatz; die höchste Anzahl Nennungen verbucht SAP mit 16 Prozent, gefolgt von Abacus und Microsoft. Ganze 62 Prozent der antwortenden CIOs gaben an, eine «andere» Lösung zu betreiben – darunter fallen vor allem die zahllosen, zum Teil branchenspezifischen Produkte von kleineren Schweizer Softwarehäusern, die auf die Frage nach zukünftigen Invesitionsabsichten nur noch von 29 Prozent der Teilnehmer genannt wurden. Interessant: Der Anteil der Nennungen von SAP, Abacus und Microsoft bleibt laut Umfrage auch künftig ungefähr gleich, dafür werden Peoplesoft, Informing, Bison und Polynorm nicht mehr erwähnt. Der Trend geht also klar in Richtung international verankerter Standardprodukte mit Schwergewicht auf SAP und Microsoft; die Schweizer Erfolgsstory Abacus kann sich laut dieser Umfrage auch künftig bestens behaupten.






Ein weiteres Ergebnis: Als wichtigstes Entscheidungskriterium bei der Softwarewahl wurde «Standardlösung» genannt. Dahinter folgt aber sofort «bewährte Branchenlösung» – die Schweizer Systemhäuser können also aufatmen, zumal auch vom Dienstleister, der sich um die Software kümmert, neben einem guten Preis/Leistungsverhältnis in erster Linie Branchen-Know-how verlangt wird: Die zahlreichen, teils stark individualisierten Branchenlösungen werden sich nicht so leicht ablösen lassen. Ein Wechsel zum ASP-Modell nach der reinen Schule dürfte hier weniger attraktiv sein.



Marktübersicht unmöglich

Der letztjährige Katalog der Softwaremesse Topsoft verzeichnet bei rund 50 ERP-Lösungen den Vermerk «ASP = ja». Er bezieht sich aber auf die prinzipielle ASP-Tauglichkeit der Lösung und nicht auf verfügbare ASP-Standardangebote und sagt demnach wenig aus: Jede Software, die sich serverbasiert via Microsoft Terminal Server oder Citrix Metaframe nutzen lässt, kann im ASP-Modus betrieben werden. Eine Web-Recherche bei den genannten Anbietern liefert keine Ergebnisse – ASP scheint zwar irgendwie ein Thema zu sein, konkret wird man, mit einzelnen Ausnahmen, aber offenbar erst auf eine Kundenanfrage hin. Die von Nicole Scheidegger propagierte Ausrichtung auf kundenunabhängige Standardangebote scheint sich auf breiter Ebene noch nicht durchgesetzt zu haben.



Ausgewählte Beispiele

Die Variantenvielfalt der Schweizer ASP-Praxis zeigt sich an einigen ausgewählten Beispielen:


• Von den bekannten Herstellern nennt einzig SAP auf seiner Website einige ASP-Partner, darunter das Walliseller Tochterunternehmen ERPSourcing.
4Microsoft, seit der Einverleibung von Navision und Damgaard ebenfalls ein führender ERP-Anbieter, kann auf Anfrage keine Liste von Partnern liefern, die Business Solutions im ASP-Modus offerieren. Im Web finden sich aber immerhin einige Partner wie Alpha-Solutions und In4U, die ASP ausdrücklich erwähnen.


• Bei bekannten Infrastruktur-Outsourcing-Dienstleistern wie Isource setzt man nicht auf Standardangebote zu fixen Konditionen, sondern auf kundenspezifische Lösungen, wie Verkaufsleiter Rainer Egli anmerkt: Ausgangspunkt ist immer der Wunsch des Kunden, die IT-Infrastruktur auszulagern. Welche Software zu welchen Lizenzbedingungen zum Einsatz kommt, ist Sache individueller Verträge.


• Ramco, ERP-Hersteller mit Basler Hauptsitz und Entwicklungsabteilung in Indien, plant in Zusammenarbeit mit IBM ein ASP-Angebot, das laut Marketingleiter Lars Frutig «einzigartig» sein wird und «bald» auf den Markt kommt. Wie InfoWeek bereits berichtete, sind insbesondere die Konditionen aussergewöhnlich: Die Lösung soll je nach benötigtem Funktionsumfang sehr flexibel lizenziert und bereits ab 120 Franken pro User und Monat genutzt werden können.


• Christian Speck, RZ-Leiter der Spreitenbacher Steffen Informatik AG, bestätigt den Trend hin zu Standardlösungen: Früher hatte man über zwanzig Produkte in der Palette; dabei übernahm Steffen Informatik oft nur das eigentliche Hosting und überliess Beratung und Support dem Hersteller oder Drittanbieter. Heute, so Speck, konzentriert sich die Firma neben kundenindividuellem Application Hosting vor allem auf SAP Business One: «Hier haben wir viel Know-how angesammelt und können von der Abbildung der Prozesse bis zum Betrieb die ganze Kette abdecken. Der Kunde schätzt es, wenn alles aus einer Hand kommt – je weniger Schnittstellen es gibt, desto erfolgreicher lässt sich das ASP-Konzept umsetzen.»


• Der Microsoft-Partner In4U offeriert neben der CRM-Lösung auch den Betrieb von Navision Financials im hauseigenen Data Center, und zwar sowohl im ASP-Modus mit bisher fünf Kunden – Tendenz auch hier steigend – als auch im traditionellen Outsourcing. Laut Max Etter nutzen die ASP-Kunden neben Navision meist auch die Office-Palette im Mietmodell. Der Entscheid für ASP, so Etter, basiert oft auf der bestehenden Software, und die enge Integration innerhalb der Microsoft-Plattform legt den Office-Usern die Wahl von Navision als ASP-Lösung gewissermassen in den Schoss. Im Gegensatz zu anderen Herstellern, die oft nur traditionelle Lizenzmodelle kennen, lässt sich bei Microsoft jedes Produkt ASP-gerecht nach der effektiven Nutzung lizenzieren. Auf dieser Basis ist In4U, laut Etter, auch in der Lage, einem Kunden einzelne MS-Project-Lizenzen für die beschränkte Dauer eines bestimmten Projekts anzubieten.


• Ein eher untypisches Beispiel eines Schweizer Softwarehauses ist die Burgdorfer Modan Software, die ihr Produkt Modanbusiness.ch ab 98 Franken pro User und Monat ausschliesslich als Mietlösung offeriert – der technische Leiter Marco Schwärzel bevorzugt diesen Begriff und meint: «In den letzten zwei Jahren haben wir keinen Kunden angetroffen, den wir nicht für irgendeine ASP-Variante überzeugen konnten.» Kleinere Firmen bis etwa 30 Mitarbeiter betreut Modan selbst im eigenen Rechenzentrum; bisher nutzen immerhin 60 Kunden diese Dienstleistung, Demolizenzen nicht eingerechnet. Bei grösseren Kunden wie dem HEV oder dem Landwirtschaftsverband IP-Suisse kommen dedizierte Hosting-Anbieter zum Zug. Auf diese Weise können anspruchsvollere Service Level Agreements besser garantiert werden.

(ubi)



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