Editorial

Open Source – alles wie gehabt?


Artikel erschienen in Swiss IT Magazine 2004/06

     

Kaum ein Informatik-Thema hat in der Branche in den vergangenen Jahren für soviel Reibung gesorgt wie Open Source. Traditionelle Anbieter wie Microsoft sind durch das Konzept quelloffener Software mit kostenloser Lizenz zweifellos unter einen gewissen Zugzwang geraten. Wer einen Blick in die IT-Abteilungen der Unternehmen wirft, erhält jedoch nicht den Eindruck eines Glaubenskriegs.
Die Frage, ob Open Source eingesetzt werden soll und wie, wird meistens ebenso nüchtern beurteilt wie die Beschaffung von Software im traditionellen Vertriebsmodell. Das Ergebnis ist dementsprechend: In den meisten grösseren Betrieben wird sowohl Open-Source- als auch «traditionelle» Software eingesetzt, und zwar jeweils dort, wo es im Einzelfall sinnvoll erscheint. So hat sich Open-Source-Software in den Bereichen Entwicklungswerkzeuge sowie Anwendungs- und Webserver bereits einen festen Platz erobern können, während die meisten Benutzer heute wohl mit Microsofts Internet Explorer durch das World Wide Web surfen und mit Exchange ihre Mails versenden.




Open-Source-Produkte sollten für Unternehmen nicht mehr und nicht weniger als eine weitere Alternative im Softwaremarkt sein. Das macht sie interessant, und darum ist es auch wichtig, dass Open Source in der Diskussion nicht mystifiziert wird. So wird Open Source zum Beispiel noch oft mit «offenen Standards» gleichgesetzt und gerade mit diesem Argument gefördert. Das eine hat mit dem anderen allerdings nichts zu tun. Open Source ist als solche noch kein Weg aus der Abhängigkeit, wie Linux zeigt: Wie schon bei Unix sind verschiedene Derivate entstanden, die sich in wichtigen Bereichen auseinandergelebt haben. Die Folge: Was unter Suse läuft, tut es nicht unbedingt unter Red Hat – und umgekehrt. Linux ist nicht gleich Linux. Das bedeutet für den Anwender: Er muss sich auch mit Open Source früher oder später an bestimmte Produkte und Plattformen binden.




Open Source ist auch nicht kostenlos. Kostenlos ist (in den meisten Fällen) «nur» die Lizenz zur Nutzung der Software. Dieser Umstand kann zwar je nach Grösse und Art des Vorhabens zu hohen Kosteneinsparungen führen. Doch Lizenzkosten bestimmen meistens nur den kleineren Teil der Gesamtkostenrechnung. Da kann der Umstand, dass eine Anwendung auf einem Linux-Server möglicherweise schneller oder stabiler läuft als auf einem NT-Server (oder umgekehrt), sehr viel stärker ins Gewicht fallen. In dieser Hinsicht helfen die zahlreichen TCO-Studien, die zum Thema Open Source schon verfasst wurden, ebenfalls nicht weiter: Sie sind viel zu allgemein. Es kommt auf den Einzelfall an.
Für Diskussionen sorgen schliesslich auch die rechtlichen Fragen rund um Open Source. Hier kann weitgehend entwarnt werden: Das Open-Source-Konzept ist zwar ein juristisch interessantes Themengebiet, doch für den blossen Software-Anwender gibt es kaum etwas her. Klar ist: Für Schäden wegen Programmierfehlern von Software, die ein Benutzer irgendwo aus dem Internet bezogen hat, wird er meist selbst aufkommen müssen. Auch hat er meist keinen Anspruch auf Behebung der Fehler. Doch das ist in der Welt der «kommerziellen» Software nicht viel anders: Wer Support will, muss einen entsprechenden Vertrag abschliessen, und genauso ist es auch bei Open-Source-Software. Open Source schliesst das Erbringen kostenpflichtiger Services nicht aus.



Heikler wird es im rechtlichen Bereich bei Open-Source-Software meist erst dann, wenn
solche in neue Programme «verbaut» oder die Software verändert wird. So sehen diverse Open-Source-Lizenzen vor, dass die resultierenden Programme, sollten sie weitergegeben werden, ebenfalls zu Open-Source-Software werden und der Quellcode offengelegt werden muss. Wer externe Lieferanten mit der Entwicklung von Software unter Einsatz von Open-Source-Software beauftragt, sollte also die Rechte am Arbeitsergebnis im eigenen Interesse vorgängig klären. Auch in dieser Hinsicht bleibt somit alles beim alten.

(ubi)


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