Internet 2002: Kostenpflicht und Website-Schwund

Internet 2002: Kostenpflicht und Website-Schwund

22. Januar 2002 - Urs Binder: "Ich bin nicht etwa gegen kostenpflichtige Internetinhalte, sondern in höchstem Mass dafür - sofern die Qualität stimmt."
Artikel erschienen in IT Magazine 2002/02

In Relation zum Lebenszyklus eines Menschen ist das Internet wohl gerade knapp dem Kleinkindalter entwachsen. Die allererste Experimentierphase ist vorbei; man weiss jetzt in etwa, wozu das Netz fähig ist und was es nicht kann. Man hat sich mit seinen Vorzügen, Tücken, Nettigkeiten und boshaften Charakterzügen bekanntmachen können und kann nun daran gehen, eine dauerhafte und fruchtbringende Beziehung aufzubauen. Noch ist nicht alles voll ausgewachsen, aber die vorhandenen Ansätze zeigen, in welche Richtung die Entwicklung weitergeht.


Umsonst ist nichts

Wie die Eltern des heranwachsenden Kindes müssen auch die Internetbenutzer zusehends feststellen, dass das Objekt ihrer Zuneigung keineswegs ohne Kostenfolge daherkommt. Statt Windeln, Babynahrung und später Kinderschokolade sind es beim Netz der Netze Abonnements, Kommunikationskosten und vielleicht die Anschaffung eines Webpad samt Wireless-LAN, die eine befriedigende Beschäftigung mit dem Liebling erst möglich machen. Von all den meist schönen, manchmal aber auch weniger stressfreien Stunden, die in die Beziehung investiert werden müssen, wollen wir gar nicht weiter reden.



Dazu kommen neue Begehrlichkeiten, mit denen uns die sogenannten Content-Provider auf den Pelz rücken. Bisher war ja das Meiste ohne Griff ins Portemonnaie zu haben, von den News der Tageszeitung bis zum Musikdownload à la Napster. Damit soll nun Schluss sein: Der Trend zeigt eindeutig in Richtung kostenpflichtige Inhalte. Allerdings dauert das Ganze: In einigen Fällen handelt es sich vorerst bloss um Drohungen - die diversen Schweizer Tageszeitungen, die Online-Abos per Abrechnung unter gleichzeitiger Reduktion ihrer gratis erreichbaren Seiten in Aussicht stellten, haben bisher nicht ernst gemacht. Irgendwann 2002 dürfte es aber soweit sein. In anderen Fällen existieren die Angebote hierzulande noch gar nicht - weder die Download-Bibliotheken der Musikindustrie wie Rhapsody und RealOne noch der brandneue Online-Photoservice von Apple samt Hauslieferung gebundener Alben sind auf absehbare Zeit ausserhalb der Grenzen Nordamerikas erhältlich. Dass Europa in der Angebotsvielfalt immer den USA hintennach hinkt, wäre spätestens seit der Einführung einer Einheitswährung für dreihundert Millionen potentieller Kunden wirklich nicht mehr zwingend.



 
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