Fachhochschulstudium für Berufstätige

An der Fernfachhochschule lassen sich Beruf, Familie und Weiterbildung unter einen Hut bringen. Das Studium erfordert aber sehr viel Eigendisziplin.

Artikel erschienen in Swiss IT Magazine 2005/07

     

Wer rastet, der rostet. Dieses altbekannte Sprichwort widerspiegelt nicht nur unsere physische Verfassung. Mehr denn je gilt es auch als Synonym für die Karriere und ist mit dem in Mode gekommenen Leitspruch «lebenslanges Lernen» gleichzusetzen, den viele hochdotierte Arbeitsmarktkenner und Aus- und Weiterbildungsauguren propagieren. Nur wer sich kontinuierlich weiterbildet, kann auf die sich immer schneller wandelnden Bedingungen im Arbeitsmarkt reagieren. Ohne lebenslanges Lernen ist an Karriere nicht zu denken.






Weiterbildung ist auch bei den Schweizer Unternehmen im Trend. Wie der Weiterbildungsmonitor von Edusys dokumentiert, stieg die Nachfrage nach berufsbegleitenden Weiterbildungsangeboten im Februar erneut und teilweise markant an. Der Nachfrageindex wies mit 115,1 Punkten den höchsten Monatswert seit der erstmaligen Datenerhebung im April 2002 auf. Insbesondere berufsbegleitende Lehrgänge mit Diplom- oder Zertifikatsabschluss aus den Fachbereichen Informatik, Marketing und Verkauf sowie Personalmanagement legten zu. Angebote, die zu einem eidgenössisch anerkannten Abschluss führen, können dabei eine besonders hohe Nachfrage verzeichnen.


Nur für Berufstätige

Doch längst nicht immer ist es einfach, Aus- und Weiterbildung mit der Arbeit unter einen Hut zu bringen. Allzu oft absorbieren Familie, Freizeit und Hobbys viele Ressourcen. Zudem müssen die meisten Weiterbildungswilligen einer geregelten Arbeit nachgehen. Genau hier setzt die Fernfachhochschule Schweiz (FFHS) an. Die als Verein organisierte FFHS hat ihren Sitz in Brig. Sie ist in ein internationales Netzwerk von über 50 Fachhochschulen eingebunden. Organisatorisch ist sie der Fachhochschulregion Tessin angeschlossen. Die Abschlüsse der Fernfachhochschule sind ebenfalls eidgenössisch anerkannt (FH).





Die FFHS ist die einzige reine Fernfachhochschule in der Schweiz und bietet seit 1998 eine breite Palette an Weiterbildungsmöglichkeiten an. Im Unterschied zu herkömmlichen Fernstudien an Universitäten, Fachhochschulen und anderen Instituten muss ein FFHS-Student berufstätig sein. Das Fernstudium funktioniert nach dem Blended-Learning-System. Rund dreiviertel des Unterrichtsstoffs müssen die Studenten in ihrer Freizeit selbst erarbeiten. An den Präsenzveranstaltungen, die rund 25 Prozent der Zeit respektive zwei Samstage pro Monat beanspruchen, wird das Unterrichtsmaterial in Form von Fallstudien, Diskussionen und Präsentationen vertieft.






Der Fernunterricht wird grösstenteils in klassischer Papierform vermittelt und immer mehr mit E-Learning-Modulen ergänzt. «Unser Studium soll eine Kombination zwischen klassischer und elektronischer Ausbildung sein», sagt Kilian Borter, Mediensprecher der FFHS. In einzelnen Kursen wie beispielsweise bei der Mathematik werden bereits komplette Module im E-Learning absolviert, gesamthaft mache diese Form der Wissensvermittlung aber noch einen kleinen Teil aus.
Die Studienzentren befinden sich neben dem administrativen Sitz in Brig, das gleichzeitig Regionalzentrum für das Oberwallis ist, in Bern, Basel, Zürich und Interlaken. Ausserdem gibt es Bestrebungen für weitere Zentren.





Dass die FFHS allen Grund zur Expansion hat, liest sich an der Entwicklung der Studentenzahlen ab. Während im Jahr 2000 noch 109 Studenten eingeschrieben waren, konnten bei Semesteranfang letzten September bereits 688 Studenten gezählt werden. Dieses kontinuierliche Wachstum setzt sich gemäss Borter auch fort, was am jetzigen Anmeldestand für das neue Schuljahr deutlich zu erkennen sei. Der Erfolg kommt nicht von ungefähr. «Man konnte klar von den Erfahrungen der Fernuniversität profitieren, die teilweise von den gleichen Leuten Anfang der neunziger Jahre gegründet wurde», sagt Borter. Trotzdem sei man vor neuen Herausforderungen gestanden, da die Fachhochschulen selber ein relativ neues Gebilde seien.


Vielfältiges Studienangebot

Das Studienangebot im IT-Bereich umfasst allgemeine Informatik und Wirtschaftsinformatik als Diplomstudiengänge, allgemeine Informatik als Nachdiplomstudiengang sowie verschiedene Informatik-Module als Nachdiplomkurse. Dabei handelt es sich um einzelne Teile, die als Kurse des modular aufgebauten Studiums absolviert werden können. Daneben gibt es weitere Angebote in den Bereichen Betriebsökonomie, Wirtschaftsingenieurwesen, Exportökonomie, Mehrwertsteuer, Personalmanagement, Neue Medien und Telelernen, Projektmanagement und Wirtschaftsrecht. Die Diplomstudiengänge werden ab 2005/06 auch als Bachelor angeboten.





Die Kosten unterscheiden sich von herkömmlichen Fachhochschulen nur gering. Mit 1500 Franken pro Semester liegen die Gebühren leicht höher, beinhalten aber alle Bücher und Unterlagen sowie die Prüfungsgebühren. «Betrachtet man die Gesamtkosten, ist es sicher günstiger, da verhältnismässig geringe Kosten für Reisespesen oder allfällige Übernachtungen anfallen», sagt Borter.


Eigendisziplin als Voraussetzung

Das Studium an der Fernfachhochschule eignet sich für alle, die sich berufsbegleitend aus- und weiterbilden wollen, und insbesondere auch für Leute, die in Randregionen leben. Eine wichtige Anforderung ist, dass man sich selbst sehr gut organisieren kann. «Das Studium ist anforderungsreicher als ein Vollzeitstudium, denn die meisten Leute haben einen Beruf, ein soziales Leben und das Studium gleichzeitig zu bewältigen», so Borter. Zeitmanagement und Selbstorganisation seien daher sehr zentral.






Positive Erfahrungen hat Irène Bruneau gemacht. Die 31jährige studiert im achten Semester Allgemeine Informatik und arbeitet daneben als Softwareentwicklerin bei der Firma RBA-Service in Gümligen. Während die meisten Studenten 80 Prozent arbeiten, bewältigt Irène Bruneau an ihrer Arbeitsstelle ein 90-Prozent-Pensum. Dies sei nur möglich, weil sie Überstunden entsprechend kompensieren könne. Insbesondere die freie Zeiteinteilung gefällt ihr sehr gut. Auch den zweiwöchentlichen Präsenzunterricht erachtet die Studentin als Vorteil: «Man muss sich immer darauf vorbereiten und ist dadurch stets am Ball.» Nachdem der Präsenzunterricht die ersten sechs Semester in Bern stattfand, muss sie jetzt aufgrund der geringen Studentenzahl in ihrer Klasse nach Regensdorf fahren.


Vor- und Nachteile

Schwierig wird ein Studium an der FFHS für Personen, die nicht gerne alleine sind. «In diesem Studium lernt man viel alleine», sagt Borter und fährt fort: «Jemand, der gerne eine Gruppe hat oder in eine Klasse eingebunden ist, hat vielleicht Schwierigkeiten.» Trotz Präsenzunterricht sei ein Studium an der FFHS anonymer und könne nicht das gleiche Klassengefühl vermitteln, so Borter.





Irène Bruneau hat damit keine Probleme: «Wir haben das recht gut organisiert und haben auch ausserhalb der Schule Kontakt, beispielsweise in Lerngruppen vor den Semesterprüfungen.» Obwohl Bruneau das Gefühl hat, in ihrem Klassenverband gut aufgehoben zu sein, fehle ihr aber manchmal der Klassenlehrer als Ansprechperson und Betreuer.
Auf die Frage, welches die grössten Vorteile eines Studiums an der Fachhochschule seien, antwortet Borter: «Flexibilität in bezug auf Zeit und Standort.» Ausserdem habe man einen hohen Praxisbezug. Einerseits dadurch, dass es eine Voraussetzung sei, dass man berufstätig ist, andererseits lege man bei den einzelnen Modulen sehr viel Wert darauf, dass die Studenten Projekte und Probleme aus dem Unternehmen einbringen. Diese werden dann im Präsenzunterricht diskutiert und gelöst. Zudem seien auch alle Dozenten berufstätig.






Obwohl der Praxisbezug sehr zu begrüssen ist, sieht Irène Bruneau genau hier die grössten Nachteile: «In der Softwareentwicklung habe ich Erfahrung, aber Netzwerksachen zum Beispiel kenne ich nur aus der Theorie.» In dieser Beziehung kommt für die Studentin die Praxis zu kurz. Die Qualität der Dozenten beurteilt sie unterschiedlich: «Es gibt Lehrer, von denen man riesig profitiert, andere wiederum sind schlecht.»
Beim Thema Lehrkräfte musste die Schule in der Anfangsphase die Erfahrung machen, dass ein Fernstudium andere Anforderungen stellt, weshalb es auch schwierig war, die optimalen Dozenten zu finden. Schliesslich habe man die Dozenten in Tele-Learning geschult, sagt Borter, «zudem wurden einige ausgewechselt». Heute ist man überzeugt, die Lehrpensen optimal besetzt zu haben.




Die Entwicklung der Studierendenzahlen an der FFHS


Am Ball bleiben

Irène Bruneau zieht denn auch ein positives Fazit: «Ich habe es mir stressiger vorgestellt, als es im Endeffekt ist.» Dies auch deshalb, weil nur drei bis vier Fächer pro Semester unterrichtet werden und sich der Aufwand dadurch in Grenzen halte. Bruneau investiert rund acht Stunden pro Woche in die Zusatzausbildung. Am Anfang war es etwas mehr, und auch vor den Prüfungen falle zusätzlicher Aufwand an. Als Ratschlag für neue Studenten rät die Informatikerin: «Das wichtigste ist, an den Präsenzunterricht zu gehen. Da sieht man, was läuft, und weiss, in welche Richtung das Studium geht.» Ausserdem sei es wichtig, immer am Ball zu bleiben und nicht erst vor den Prüfungen zu lernen. Lebenslanges Lernen ist auch für Irène Bruneau sehr wichtig. Nach dem Informatik-Studium will sie eine neue Ausbildung in Angriff nehmen. In welche Richtung es gehen soll, weiss sie aber noch nicht.




Info: www.fernfachhochschule.ch




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