«Informatik ist ein Teil unseres Produkts»

«Informatik ist ein Teil unseres Produkts»

30. August 2010 - Beim Logistikriesen Kühne + Nagel wird das Gros der Software selbst entwickelt. CIO Martin Kolbe erklärt, warum Standardsoftware für die Firma nur selten passt.
Artikel erschienen in IT Magazine 2010/09
Martin Kolbe, Kühne + Nagel (Quelle: Vogel.de)

Swiss IT Magazine: Herr Kolbe, können Sie uns kurz die allgemeine IT-Strategie von Kühne + Nagel erläutern?
Martin Kolbe: Unsere IT-Strategie ist primär dadurch geprägt, dass wir die wesentlichen Komponenten unserer Softwarelandschaft selbst produzieren. Wir bewegen uns in einer Industrie, in der es kaum Standardlösungen gibt beziehungsweise Standardlösungen nur schwer adaptierbar sind. Deshalb haben wir uns in den letzten Jahren dazu entschieden, unseren Eigenbedarf selber zu entwickeln. Dies betrifft aber nicht nur die branchenspezifische Software. Im Bereich Finanzen etwa haben wir seit Jahren eine eigene Lösung im Einsatz, welche sich für uns bewährt, da wir grössten Wert auf Transparenz legen und Kosten wie Erträge sehr genau abbilden. Unsere Softwarestrategie trägt zum Erfolg des Unternehmens bei.


Wie steht es denn um die Infrastruktur?
Hier setzen wir so weit es geht auf Standards. Die Netzwerkversorgung etwa wickeln wir weltweit über zwei grosse Partner ab. Im eigentlichen Infrastruktur-Bereich betreiben wir die AS/400-Landschaft und den geschäftskritischen Teil der Open-System-Applikationen selber. Alle anderen Unix- oder die Open--Systems-Teile lassen wir von Outsourcing-Partnern betreuen. Sie sehen, wir haben eine ganz klare Make-and-Buy-Strategie. Da, wo sich Geschäftsvorteile ergeben, bauen und betreiben wir unsere Lösungen selbst, und wo immer wir Kostenvorteile aufgrund von Standards und Commodity erzielen können, kaufen wir ein.

Aber dadurch, dass Sie grosse Teile der Software selbst bauen, widersprechen Sie doch dem allgemeinen Trend hin zu Standardlösungen, die dann adaptiert werden?
Wir haben versucht, Standards einzusetzen, aber diese Standards haben nicht gepasst – vor allem im operativen Bereich. Erst vor zwei Jahren haben wir den Markt erneut nach Standardsoftware durchsucht. Es gibt zwar Hersteller, die daran sind, Standardlösungen zu bauen, welche für den einen oder anderen Spediteur passen mögen. Unser Geschäft geht jedoch weit darüber hinaus. Wir benötigen eine vollständige Abbildung der Supply Chain und binden unsere Carrier ein, die wir über unsere Software steuern können. Eine solche Lösung ist schon speziell, und wird in dieser Form auch von neuer Standardsoftware nicht zur Verfügung gestellt.


Weshalb funktionieren Standardlösungen denn in der Branche nicht?
Um einen Standard zu implementieren, braucht es Standard- und Prozessabläufe, die sich innerhalb der Branche standardisieren lassen. Wir sind in einer Branche tätig, in der zwar ähnliche Abläufe vorhanden sind, die aber in den Details doch unterschiedlich sind. Diese unterschiedlichen Ausprägungen in den Prozessen müssen in einer Standardsoftware andauernd umgebaut werden. Dabei ist es gut möglich, dass dieser Umbau um ein Mehrfaches teurer zu stehen kommt als die eigentliche Software. Und durch den Umbau gehen auch die Vorteile einer Standardsoftware verloren. Wie gesagt, wir haben immer wieder Wege gesucht, um Standardsoftware einzusetzen. Es wurde früher auch Standardsoftware gekauft, diese dann aber so stark modifiziert, dass noch 20 Prozent von der ursprünglichen Standardsoftware vorhanden waren. Das hat dann nichts mehr mit Standardsoftware zu tun. Wir haben inzwischen akzeptiert, dass die Situation so ist, wie sie ist. Aber wir haben uns auch entschlossen, nun nicht wieder die nächs-te Standardsoftware zu kaufen, um sie dann massgeblich zu verändern. Stattdessen entwickeln wir heute lieber von Anfang an selbst.

Letztlich kommen die Eigenentwicklungen für Sie also günstiger. Gibt es denn noch andere Vorteile?
Durch die Nichtnutzbarkeit von Standardsoftware und die Eigenversorgung haben wir es verstanden, unsere Lösung so intelligent auszuarbeiten und so nah auf die Prozesse und den Kundennutzen zu optimieren, dass diese heute einen Differenzierungsfaktor darstellt. Wir verfügen also über Lösungen, die andere nicht haben und die es so nicht zu kaufen gibt. So können wir beispielsweise auf sämtliche Tracking-Daten aller unserer Carrier online zugreifen. Diese Visibility-Lösung, die wir unseren Kunden kostenlos zur Verfügung stellen und die vollständige Transparenz über die im Transport befindliche Ware bietet, haben wir zudem teils branchenspezifisch angepasst. Wir geben dem Kunden also ein sehr mächtiges Werkzeug, welches ihm in seiner Produktionslogistik zu mehr Transparenz verhilft und zudem Kosten spart. Diese Plattform ist eine der «Unique Selling Propositions» für unsere Kunden. Es gibt durchaus auch Anfragen von Kunden, welche zwar nicht bei uns buchen, jedoch unser Tool kaufen möchten.


Also sind Sie eigentlich auch ein Softwarehaus?
Ja, wir sind quasi auch ein Softwarehaus, mit angegliederter Logistik (lacht). Aber im Ernst, Stand-alone verkaufen wir die Lösung natürlich nicht. Sie ist Teil unserer Dienstleistung, ein Added Value von Kühne + Nagel. Die IT ist Teil unseres Produkts.


Wenn ich Ihnen nun so zuhöre, stelle ich mir vor, dass die IT-Abteilung von Kühne + Nagel riesig sein muss?
Nein, so riesig sind wir nicht. In unserem Kompetenzzentrum für Informationstechnologie in Hamburg haben wir rund 200 bis 250 Mitarbeitende, die sich um die Softwareentwicklung, aber auch um unsere Infrastruktur kümmern.


Wie ist da die Aufteilung zwischen den Mitarbeitern, die Software entwickeln, und denen, die die IT unterhalten?
Von den Finanzen her lässt sich sagen, dass wir heute in der Lage sind, 50 Prozent unseres Budgets in Weiterentwicklungen zu investieren. In Mitarbeitern ist das Verhältnis schwierig auszudrücken, da dies phasenweise sehr unterschiedlich ist. Es gibt Phasen, da arbeiten wir intensiv auch mit externen Mitarbeitern. Dann gibt es Zeiten, in denen mehr Mitarbeiter im Bereich Projekte als im Infrastruktur-Bereich arbeiten. Doch allgemein kann man sagen, dass die angesprochene 50/50-Aufteilung schon eine kleine Sensation ist. Die meisten Industrieunternehmen sind heute froh, wenn sie 20 Prozent ihrer IT-Budgets für Weiterentwicklungen und neue Systeme aufwenden können.


Was wird im Bereich IT bei Kühne + Nagel in der Schweiz gemacht?
Wir haben wie an jedem anderen Standort auch eine Versorgung hier im Haus in Schindellegi, genauso wie in unserer Niederlassung in Embrach. Wir sehen die Schweiz als Teil der Region Central Europe und versorgen sie mit regionalen Anpassungen von Hamburg aus.


Themawechsel: Wie lautet die Philosophie von Kühne + Nagel, wenn es um IT geht?
Wir haben für uns den Begriff «Rock Solid IT» definiert. Unser Ziel ist es, neben Innovation robuste, kostengünstige und global standardisierte Services für unsere Kunden bereitzustellen. Deshalb steht bei uns «Rock Solid IT» im Vordergrund, und nicht «Last Hype IT» oder «Early Bird IT». Wie Sie wissen, gibt es jedes Jahr neue Trends – SOA, RFID, die Cloud. In diesen finden sich immer Teillösungen für die Probleme, die wir adressieren, sie bieten aber kaum je einen völlig neuen Ansatz. Wir setzen auf einen kontinuierlichen Prozess der Verbesserung und Innovation, definieren aber unsere Lösungen aus dem Business heraus und nicht durch die IT. Das Geschäft treibt die Anforderungen. Dazu nutzen wir zwar die neuesten Standards, aber wir springen nicht auf Hypes auf.


Das Business definiert also Ihre IT. Wie wichtig ist dabei Ihre Rolle und die Tatsache, dass Sie Teil der Geschäftsleitung sind und somit nahe am Business sind?

Sehr wichtig. Wir haben in den vergangenen Jahren stark an der Architektur, aber vor allem auch an der Business-Orientierung gearbeitet. Es ist unsere Strategie, Business und IT stark zu verzahnen.


Wie hat sich Ihr Job als CIO von Kühne + Nagel in den letzten fünf Jahren verändert?
Am Anfang war es vor allem wichtig, Vertrauen in die IT zu schaffen, was einfach ausgedrückt bedeutet: Die IT muss liefern. Deshalb habe ich zu Beginn vor allem im Infrastruktur-Bereich gearbeitet. Vor allem galt es Sorge zu tragen, dass die IT dem kräftigen Firmenwachstum adäquat folgen kann. In einer zweiten Phase befassten wir uns vor allem damit, wie Technologie optimal eingesetzt werden kann. Und in Phase drei ging es um das verstärkte Business-Alignment, um die Überlegung, wie die IT das Business noch besser unterstützen und was die IT für den Geschäftserfolg leisten kann.


Was macht Kühne + Nagel für Sie als Arbeitgeber attraktiv?
Sicher die Tatsache, dass die Firma nach wie vor unternehmergetrieben ist. Die Kultur ist vorwärtsgerichtet, der Unternehmensgründer ist nach wie vor präsent und gibt dem Unternehmen einen riesigen Schwung, hat dem Unternehmen eine starke strategische Ausrichtung mit auf den Weg gegeben. Und in diesem Unternehmen sitzen fähige Manager, die das Wohl der Firma im Sinn haben. Egoismen gibt es kaum, die Stimmung ist teamorientiert, und es ist eine Kultur des Lernens vorhanden. Da ist auch viel persönliches Engagement in der Top-Management-Ebene drin. In so einem Team zu arbeiten, macht natürlich viel Spass.


Abschliessend: Welche Projekte stehen für die nächsten zwölf Monate an?
Ein ganzes Portfolio von Projekten. So wollen wir neue Technologien in unsere Software bringen, Stichworte hier sind die neue Java Engine, Open Source und andere, moderne Software-Entwicklungswerkzeuge. Wir werden unsere Software auch erweitern und weiterentwickeln. Das Thema Wachstum, welches in der Branche jetzt wieder spürbar wird, und die Frage, wie wir mit diesem Wachstum auf IT-Seite umgehen, ist sicher auch ein Punkt. Und ein Stück weit ist auch die Optimierung unserer IT-Organisation ein Projekt. Wir wachsen, was bedeutet, dass wir laufend auch schauen müssen, ob unsere Strukturen noch die richtigen sind oder ob es Möglichkeiten gibt, durch Konsolidierung neue Synergien zu erzielen. Unsere IT ist business- und kostengetrieben, wir sind in einem engen Kostenmanagement eingebunden und haben es in den vergangenen fünf Jahren geschafft, unsere IT-Kosten laufend zu senken, obwohl sich die Datenmengen, die wir verarbeiten, jährlich verdoppeln. Da sind wir stolz drauf, und auch daran arbeiten wir weiter.

Martin Kolbe
Der Deutsche Martin Kolbe ist seit Ende 2005 CIO und Mitglied der Geschäftsleitung bei Kühne + Nagel. Kühne + Nagel zählt mit über 55‘000 Mitarbeitern an 900 Standorten in über 100 Ländern zu den weltweit führenden Logistik-Unternehmen und hat seinen Hauptsitz in Schindellegi im Kanton Schwyz. Der 49-jährige Kolbe war vor seinem Engagement in der Schweiz als Bereichsvor-stand von DHL Express Deutschland tätig.

(mw)

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