Die klassische Bewerbungsmappe ist von gestern

Die grössten Schweizer Unternehmen setzen in der Personalrekrutierung immer häufiger aufs Internet. Diesen Wandel haben auch die Bewerber vollzogen.
15. Mai 2009

     

Wer heute eine Stelle sucht, der schaut neben dem Stellenanzeiger vor allem im Internet nach. Und die Bewerbung geht dann in vielen Fällen gleich direkt per E-Mail oder Online-Formular weg. Auf der anderen Seite werden die offenen Posten von Firmen immer häufiger online ausgeschrieben und seltener Inserate in Zeitungen, Zeitschriften und anderen Printprodukten plaziert.


Die Bedeutung der Informationstechnologie (IT) im Bereich der Personalbeschaffung und Jobsuche hat in den letzten Jahren markant zugenommen. Und sie wird es dank dem Internet, Web 2.0 und anderen, neuen Technologien weiter tun. Der IT-Einsatz im HR-Prozess eröffnet Unternehmen zahlreiche Möglichkeiten, die Rekrutierung zeitlich, finanziell und qualitativ effizienter zu gestalten.


Mehr als zwei Drittel aller Unternehmen konnten in den letzten Jahren die Zeitspanne zwischen der Identifikation einer Vakanz und ihrer Besetzung («Time-to-Hire») reduzieren. Sechs von zehn Firmen konnten ihre Rekrutierungskosten senken, ebenso viele die Bewerberqualität steigern. Diese Zahlen stammen aus der neusten Ausgabe der Studie «Recruiting Trends Schweiz 2009». Seit nun schon drei Jahren führt der Online-Stellenanbieter Monster Schweiz zusammen mit dem Center of Human Resources Information Systems (Chris) der Universität Bamberg und Frankfurt am Main diese Befragung in den 500 grössten Schweizer Firmen durch. Die aktuelle Erhebung wurde von Dezember 2008 bis März 2009 gemacht.




Internet verdrängt Printmedien

Praktisch jede neue, offene Stelle wird heute in irgendeiner Form im Internet publiziert. Gemäss der Monster-Studie werden 85,7 Prozent aller Vakanzen auf der firmeneigenen Website und 72,7 Prozent in Internet-Stellenbörsen veröffentlicht. Seit 2006 sind beide Werte um 15 bis 20 Prozent gestiegen, währenddem der Anteil der Veröffentlichungen in den Printmedien praktisch stagnierte und aktuell bei 40,7 Prozent liegt.


Weil mehr über das Internet ausgeschrieben wird, erfolgen zwangsläufig auch mehr Neuanstellungen durch diesen Rekrutierungskanal. Mehr als jede zweite Stelle (57,9%) wird heute durch einen Bewerber, der auf eine Online-Ausschreibung reagiert, besetzt und es werden immer mehr. Nur noch etwas weniger als jeder Vierte (22,9%) der neu gefundenen Mitarbeiter stammt aus einer Bewerbung auf ein Print-Inserat, Tendenz sinkend (siehe Grafik auf dieser Seite).



E-Mail-Bewerbungen gewünscht

Nicht nur in der Stellenausschreibung, auch im gesamten Bewerbungsverfahren spielt das Internet heute eine zentrale Rolle und verdrängt zusehends die bisher üblichen Formen. So gingen laut der Monster-Studie 2008 bei den 500 grössten Schweizer Unternehmen erstmals mehr elektronische Bewerbungen (per E-Mail oder Online-Formular) ein als klassische Bewerbungsmappen (siehe Grafik auf nächster Seite). Das deckt sich mit den Wünschen der Unternehmen: Sie bevorzugen heute ganz klar elektronische Bewerbungen, vor allem in Form von E-Mails (46,4%). Die klassische Bewerbungsmappe wird nur noch von rund jedem fünften Unternehmen (19,6%) präferiert – vor einem Jahr waren es noch ganze 45,3 Prozent. Hier hat sich in den letzten Monaten zwischen Bewerbern und Firmen also eine grosse Kluft aufgetan. Ganze 44,1 Prozent aller Bewerbungen werden nämlich immer noch auf die klassische Art und Weise gemacht, obwohl die in den Unternehmen unterdessen gar nicht mehr gefragt sind.


Die Studienverfasser haben aber nicht nur den Ist-Zustand nachgefragt, sondern sie wollten auch wissen, womit sich Stellensuchende in fünf Jahren bewerben werden. Hier zeigt sich ein deutlicher Trend hin zu mehr Formularbewerbungen, wiederum auf Kosten der klassischen Bewerbungsmappe.




Verhaltener Einsatz des Web 2.0

Egal, ob im Personalwesen oder anderswo, die Frage, ob das Web 2.0 unterdessen in den Unternehmen angekommen ist, stellt sich überall. Und meistens muss man bilanzieren: nein. Das ist auch im Bereich der Personalbeschaffung nicht anders. Wie aus der Studie «Recruiting Trends Schweiz 2009» hervorgeht, fristen Web-2.0-Angebote noch ein Randdasein. Am weitesten verbreitet und immerhin fast in jedem vierten der grössten Schweizer Unternehmen zum Einsatz kommen heute sogenannte E-Assessments, wo Bewerber gleich im Bewerbungsprozess selektiert werden können. Auch Auftritte in virtuellen Job-Messen sind da und dort beliebt.


Insgesamt liegt laut den Studienleitern hier noch viel ungenutztes Potential. Vom verstärkten Einsatz von solchen innovativen Web-2.0- Anwendungen könne man in Zukunft durchaus profitieren. Wieso diese Möglichkeiten aber noch nicht genutzt werden und ob alle HR-Prozesse demnächst nur noch im Internet stattfinden, erklärt uns Dr. Falk von Westarp, Country Manager bei Monster.ch in einem Kurz-Interview (Kasten oben).




Hilfsmittel Kandidaten-Pools

Die Studienverfasser haben noch einen weiteren IT-Einfluss auf die Personalrekrutierung untersucht. Und zwar wollte man wissen, ob Unternehmen eine interne Kandidaten-Datenbank führen, in der alle eingehenden Bewerbungen erfasst werden. Daraus entsteht mit der Zeit ein ganzer Kandidaten-Pool. Bei einer neuerlichen Vakanz kann dieser dann bereits vor der Schaltung eines Inserates von der HR- oder einer Fachabteilung nach einem geeigneten Kandidaten durchsucht werden. Besonders in Kombination mit einer Formular-Bewerbungs-Plattform sind solche Datenbanken sehr verbreitet, da hier die manuelle Datenerfassung wegfällt.


Insgesamt nutzt etwas mehr als jede dritte (36,4%) der Schweizer Top-500-Firmen eine solche Kandidaten-Datenbank, in die in vielen Fällen auch gleich die Kontaktdaten von ehemaligen und aktuellen Mitarbeitenden einfliessen.




«Viele Web-2.0-Anwendungen sind noch Zukunftsmusik»

E-Mail-Bewerbungen werden heute von den meisten Unternehmen bevorzugt. Wenn man sich also auf eine Stelle bewirbt, soll man das überhaupt noch herkömmlich tun oder in jedem Fall direkt elektronisch?


Meist geben die ausschreibenden Unternehmen an, welche Form sie bevorzugen. Grundsätzlich sollte man sich nach diesen Forderungen richten. Gibt das Unternehmen mehrere Optionen vor, so kann man davon ausgehen, dass das Unternehmen den elektronischen Weg bevorzugt. Dies erleichtert die Weiterverarbeitung und beschleunigt den Prozess. Immer mehr Unternehmen gehen zudem dazu über, eingehende Bewerbungen langfristig in einer internen Datenbank zu speichern.


Fast jede offene Stelle wird heute im Internet ausgeschrieben, nur noch wenig im Print. Erstmals sind 2008 auch mehr Bewerbungen elektronisch als klassisch getätigt worden. Wird die Jobsuche und Mitarbeiterrekrutierung in ein paar Jahren komplett im Netz ablaufen? Wie sieht es in 5 bis 10 Jahren aus?


Für Kaderstellen im Bereich Executive Search wird die grossflächige Zeitungsannonce in der Wochenendausgabe auch in Zukunft im Mediamix vorkommen. Aber in der Tat, es ist damit zu rechnen, dass der weitaus grösste Teil der Ausschreibungen und noch ein grösserer Anteil aller Bewerbungen über das Internet ablaufen werden. Weil der konsequente Einsatz von Internet und IT im HR-Prozess grosses Einsparungspotential birgt und weiterreichende Effizienzsteigerungen ermöglicht, werden mit Sicht auf die Situation in fünf Jahren bestimmt noch mehr Unternehmen – und nicht nur die ganz grossen, weil KMU im gleichen Wettbewerb um die besten Arbeitskräfte stehen – vermehrt mit den neuen Technologien arbeiten.


Die Nutzung von Web-2.0-Funktionen im Bereich der Personalbeschaffung hat zwar zugenommen, ist aber noch lange nicht angekommen in den Unternehmen, geschweige denn bei vielen Stellensuchenden. Was sind Gründe dafür? Braucht es einfach noch Zeit?


Im Personalmarketing beteiligen sich bereits einige Unternehmen an virtuellen Personalmessen im Internet. Aber auch für die breite Bewerbungsaktivität machen Web-2.0-Anwendungen Sinn. Hier stellen auch schon einige für die Kandidatenselektion und -vorselektion sogenannte E-Assessments bereit. Schon recht oft stehen den Bewerbern auch Self-Assessments zur Verfügung. Das Ziel all dieser Anwendungen muss es sein, Jobsuchende und Arbeitgeber so rasch und passgenau wie möglich zusammenzubringen. Monster.ch beispielsweise bietet seit der Aufschaltung der neuen Website im Januar eine solche Plattform mit den wichtigsten Web-2.0-Entwicklungen. Viele dieser Web-2.0-Anwendungen sind aber sicher immer noch Zukunftsmusik, der Bewerbungserfolg der Benutzer wird der Treiber für den Erfolg der Angebote sein.




Jobsuche im und mit Web 2.0

Web-2.0-Anwendungen gewinnen in den Schweizer Unternehmen für die Rekrutierung von neuen Mitarbeitern gemäss der Studie von Monster.ch immer mehr an Bedeutung. Auf diesen Zug aufgesprungen ist Stamford Consultants. Am 5. Mai hat das Unternehmen www.orangeball.ch lanciert, ein zentrales Portal zum Thema «Job & Karriere» mit typischen Web-2.0-Tools wie Blogs, Podcasts und einem Video-Jobboard.




In Kürze

· Viele Unternehmen konnten in den letzten Jahren in der Personalrekrutierung dank Internet & Co. viel Zeit und Geld sparen.


· Praktisch jede Stelle wird heute im Internet veröffentlicht, in Printmedien immer weniger.


· Die 500 grössten Schweizer Firmen erhalten heute lieber E-Mail-Bewerbungen als klassische Bewerbungsmappen.


· Web-2.0-Anwendungen bieten viele neue Möglichkeiten, haben sich aber noch nicht etabliert.

(mv)



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