So wird bei Abacus und Opacc gearbeitet

So wird bei Abacus und Opacc gearbeitet

1. Februar 2020 - Wie arbeiten namhafte Schweizer Softwareunternehmen, wie funktioniert die Entwicklung und Technologie bei diesen Firmen? Diesen Fragen ist «Swiss Made Software» im Rahmen des «Swiss Developer Survey» nachgegangen.
Artikel erschienen in IT Magazine 2020/01

Abacus: Gezielt Trends setzen

Philipp Zwahlen: «Wir schauen unseren Leuten nur wenig auf die Finger. Es gibt ein klares Ziel, und dann heisst es: Mach es cool.» (Quelle: Abacus)
Wer ein ERP einsetzt, erwartet heute genauso Nachhaltigkeit wie Innovation. Abacus setzt dafür auf eine Mischung aus überlegter technologischer Planung und viel Freiraum für die Mitarbeitenden bei der Umsetzung.

«Wir wollen vor allem Trends setzen. Dafür wählen wir die passende Technologie», erklärt Philipp Zwahlen, Co-Leiter Entwicklung bei Abacus. Beispiel Abaweb: 2007 war dies eine der ersten Schweizer SaaS-Lösungen. Hier konnten sich Firmenkunden bei ihrem Treuhänder direkt einloggen und beispielsweise ihre Bilanzen prüfen, während der Treuhänder weiterhin die Buchhaltung machte.


Vorangetrieben wird der Innovationsprozess bei den St. Gallern von der eigenen Innovationsabteilung, die direkt dem CEO unterstellt ist. Diese prüft neue Konzepte und Technologien und entwickelt Prototypen, um die eigenen Annahmen zu prüfen. Stimmt die Stossrichtung, wird die Umsetzung in die Teams weitergegeben.
Diese sind entlang der verschiedenen ERP-Module organisiert (Finanzbuchhaltung, Lohn, Debitoren/Kreditoren, Immobilien etc.) und weitgehend autonom. «Wir schauen unseren Leuten nur wenig auf die Finger. Es gibt ein klares Ziel, und dann heisst es: Mach es cool.»

Der eigenen Nase folgen


Ein Beispiel ist die 2018 lancierte HR-Lösung. Mit Vaadin wurde ein spezifisches Framework gewählt, dann ein Prototyp gebaut, auf dessen Basis das verantwortliche Team eine ganze Lösung entwickelte.

Die Team-Autonomie geht so weit, dass es kein unternehmensweites Konzept für Softwareentwicklung gibt. Die Teams selbst entscheiden, ob sie Scrum, Kanbaan oder eine andere Methode einsetzen.

Die Abacus-Innovationsstruktur hängt eng mit der Natur des Unternehmens als Produkthersteller zusammen. «Wir müssen unseren Kunden Nachhaltigkeit garantieren, deshalb treffen wir langfristige Technologieentscheide. Jedem Hype zu folgen, ist schlecht fürs Geschäft», betont Zwahlen. Dabei hat sich diese Vorsicht schon mehrfach ausgezahlt. «Wir haben immer wieder Tools und Frameworks selbst gebaut, obwohl es Lösungen am Markt gab. Diese verschwanden aber nach wenigen Jahren wieder. Wären wir damals den offensichtlichen Weg gegangen, hätten wir massive Probleme bekommen.»

Neben der Nachhaltigkeit gibt es aber noch einen weiteren Grund für die Art der Technologiewahl: die Komplexität der Materie. «Bis sich jemand mit einem Modul wirklich auskennt, vergeht Zeit. Die Entwickler müssen nicht nur die Technik, sondern auch den Prozess und das regulatorische Umfeld verstehen», so Zwahlen.

Gegenentwürfe und Herausforderungen


Dieses Tiefenwissen wiederum ist der Grund, wieso die Weiterentwicklung der Produkte im Wesentlichen von den Teams ausgeht. «Die Technologie ist der Rahmen, um das Produkt voranzubringen.» Abacus lebt somit einen Gegenentwurf zu gängigen IT-Weisheiten wie etwa, dass nur Unternehmen vorankommen, die technologisch auf die neuesten Trends setzen, oder dass nur solche Unternehmen junge Mitarbeitende anziehen. «Wir haben sehr viele Junge, und die Fluktuation ist niedrig», sagt Zwahlen.
Das Unternehmen zeigt sich ausserdem offen, wenn Mitarbeitende intern wechseln wollen, etwa wenn ein ganz neues Team aufgestellt wird; so geschehen bei der bereits erwähnten HR-Lösung. Hier kam die Hälfte der Mitarbeitenden von ausserhalb, die anderen wechselten intern. «Wer die Herausforderung sucht, kommt auch zum Zug», bestätigt Zwahlen.

Opacc: Der Faszination Technologie folgen

Christian Reiter: «Wer ständig zu 100 Prozent beschäftigt ist, kann nicht frei denken. Entwickler müssen verschiedene Varianten im Kopf behalten.» (Quelle: Opacc)
Trotz eines reichhaltigen, globalen Technologieangebots setzt man bei Opacc immer wieder auf Eigenentwicklung. Deshalb dürfen sich die Mitarbeitenden auch regelmässig mit technologischen Grundlagen auseinandersetzen.

«Wir pflegen bei uns Berufsstolz und bauen ein gutes Produkt. Hier wird nichts zusammengeklickt», erklärt Christian Reiter, CTO beim ERP-Softwarehersteller Opacc. Zum Beispiel beim User-Interface: Anstatt auf eine der «vielen bunten Libraries» zu setzen, bauten die Rothenburger es teilweise selbst. Dies auch, da Drittprodukte immer wieder von technologischen Trends getrieben werden. «Wechselt ein Projekt alle drei Jahre die Richtung, haben wir ein Problem. Denn unser Produktlebenszyklus ist sehr lang. Deswegen können solche Veränderungen leicht einen negativen Einfluss auf Architektur und Qualität haben», so Reiter.

Ein weiterer Grund ist die mangelnde Passgenauigkeit: «Bei 100 Prozent Komplexität brauchen wir maximal 20 Prozent der Lösung. Und trotzdem müssen wir immer viel in Anpassungen investieren», erklärt Reiter. Das Schlimmste an solchen Technologien ist für ihn jedoch der Umstand, dass sich die Mitarbeitenden nicht mehr mit den Grundlagen auseinandersetzen.

Keine Brute-Force-Ansätze


Beispiel Rich Client: Zurzeit findet hier ein Technologiewandel statt. Dafür wurde das Framework neu erstellt und anschliessend der grösste Teil des Codes automatisch übernommen. Dem voran gingen sorgfältige Überlegungen: Was ist die technische Grundlage? Wie bilde ich das im Framework ab? Opacc verfolgt dabei keinen Brute-Force-Ansatz mit möglichst grossen Teams, sondern setzt auf kleine und hoch kompetente Projektteams, die sich aus dem Stammpersonal rekrutieren.
«Technologieentscheide treffen bei uns die Architekten, die es in jedem Team gibt. Hat ein Entscheid Einfluss über das jeweilige Team hinaus, stecken die Architekten die Köpfe zusammen», erklärt Reiter.

Die Teams selbst sind entlang der Architektur organisiert: Client, Backend, Webanwendungen, Mobile. Jedes Team hat einen Leiter sowie die schon erwähnten Architekten. Diese sind zwar für Entscheide verantwortlich, mitreden dürfen aber alle. Deshalb wird den Entwicklern viel Freiraum gewährt, sich mit neuen Technologien auseinanderzusetzen, Prototypen zu bauen und interne Seminare zu geben. «Docker war ein Mitarbeiter-Projekt – jetzt läuft ein Teil des serverseitigen Deployments im Cloudcenter hierüber», so Reiter.

Freiräume zulassen


Wichtige Triebfeder ist häufig die Eigeninitiative der Mitarbeitenden. «Die Faszination Technologie haben wir alle. Unsere Leute suchen sich häufig selbst Projekte», so Reiter. Das gilt auch für das Thema Weiterbildung: Das Unternehmen ist offen für Kurse oder Studien, «auch wenn die Entwickler es häufig lieber selbst lernen». Ähnlich verhält es sich bei der Karriere: Wer wirklich will, dem steht es frei, Richtung Teamleiter oder Architekt zu gehen.

Freiraum gibt es auch beim Thema Auslastung: «Wer ständig zu 100 Prozent beschäftigt ist, kann nicht frei denken. Entwickler müssen verschiedene Varianten im Kopf behalten. Der falsche Weg kann drei Mal so lang dauern», so Reiter. «Vor dem Release wird es natürlich heisser. Aber der Freiraum, den wir den Leuten geben, und der Wert, den wir auf Grundlagen legen, sind die Basis für ein nachhaltig gutes Produkt.»
 
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