Sutters Bits & Bytes: Die nackten Preisvergleicher

Sutters Bits & Bytes: Die nackten Preisvergleicher

4. Dezember 2011 - Heute wollen wir etwas typisch Unschweizerisches tun. Wir wollen uns freuen. Früher telefonierte man, wenn man etwas Wichtiges zu vermelden hatte. Heutzutage wird telefoniert, auch wenn man sich nichts zu sagen hat. Also immer. Warum ist das so?
Artikel erschienen in IT Magazine 2011/12
Fritz Sutter (Quelle: zVg)
Zu den noch kaum untersuchten Phänomenen, wie beispielsweise dem Föhn, gehören echte Preis-/Leistungsvergleiche in der Telekommunikation. In den meisten Publikationen der Preisvergleichs- und Preisüberwachungsbranche sucht man neben den Tarifen vergeblich nach Angaben zu neuen Diensten, Qualität oder Kundensupport. Hinweise zur Netzabdeckung? Fehlanzeige. Informationen zu Gratis-Handys? Denkste. Aussagen zur Zuverlässigkeit? Wieso auch! Kaufkraftvergleiche? Gott behüte! Hingegen seitenlang reine Preisvergleiche mit bis zu zwei Stellen hinter dem Komma.

In seinem neuen Buch1) behandelt der bekannte Publizist Beat Kappeler aus empirischer Sicht die Problematik von nackten Preisvergleichen: «Ein Bügeleisen wird in der Statistik einfach gemäss seinem Preis geführt. Aber das Bügeleisen meiner Mutter war nur ein Metallklotz als Stromwiderstand, der glühend heiss wurde und schon nach ein paar Sekunden ohne Bewegung ein Loch in den Stoff brannte. Heute kann die Hitze eines Bügeleisens in feinen Stufen reguliert werden, kann Dampf abgeben, kann vor sich hin spritzen, und kann ohne weiteres auf seine kalte Kante gestellt werden. Und es kostet, gemessen am Arbeitslohn, nur noch einen Bruchteil».
Vom Bügeleisen zum Telefon. Marc Furrer, Präsident der Eidgenössischen Kommunikationskommission, bringt es auf den Punkt: «Jeder nimmt es fast schon als selbstverständlich hin, dass das Telefon auch ein TV-Gerät, eine Musikdose, ein Lexikon etc. ist. Und dass die Preise – Flatrates sei Dank – gegen Null tendieren, findet man auch selbstverständlich.» Pauschalgebühren wurden vor über 100 Jahren eingeführt, aber umgehend wieder abgeschafft – mit einer interessanten Begründung: Die Erfahrung habe gelehrt, dass sie zur Führung offenkundig unnötiger oder über-mässiger Gespräche verleiten, was eine das Mass des wirtschaftlich Notwendigen überschreitende Belastung des Telefonnetzes zur Folge habe!

Tempi passati. Die Flatrate ist zurück, Bündelangebote en vogue. Freuen wir uns darüber. Vergessen wir die nackten Preisvergleicher und die hinterherdackelnden Berufsjammerer, die den Konsumenten entscheidende Informationen zu Vielfalt, Qualität und Kundenservice hartnäckig, um nicht zu sagen absichtlich, vorenthalten.

1) Beat Kappeler: Wie die Schweizer Wirtschaft tickt. Verlag NZZ 2011

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