Digitale Beratung: Mehr Chancen als Risiken

Digitale Beratung: Mehr Chancen als Risiken

Artikel erschienen in IT Magazine 2020/10

Digitalisierung ermöglicht neue Beratungsformate

Deshalb fragte sich eine wachsende Zahl von Unternehmen zu Recht: Ist dies im digitalen Zeitalter noch zeitgemäss oder kann eine Beratung nicht auch «remote», also mit Hilfe der modernen Kommunikationstechnik, erfolgen? Dies fragten sich die Unternehmen auch, weil eine intensivere Nutzung der modernen Informations- und Kommunikationstechnik folgenden Vorteil hat: Es werden auch kürzere Beratungseinheiten möglich.

Denn eine persönliche Face-to-Face-­Beratung rechnet sich für die Kunden, aufgrund der direkt oder indirekt von ihnen zu bezahlenden An- und Abreisezeiten sowie Reisekosten der Berater, in der Regel nur, wenn diese mindestens einen Tag vor Ort sind und für das Unternehmen arbeiten. Anders ist dies bei einer digitalen Beratung: Dann stimmt, da die Reisezeiten und -kosten entfallen, oft auch bei ein-, zweistündigen Arbeits- und Beratungssessions, für beide Seiten die Input-und-Output-Relation. So wurden denn auch schon vor dem Ausbruch der Covid-19-Pandemie verstärkt kurzfristige Beratungen via Skype und Facetime seitens der Kunden nachgefragt und die angesprochenen Kollaborations-Tools im Beratungsprozess zunehmend genutzt. Und die Pandemie? Sie wirkte diesbezüglich wie ein Brandbeschleuniger mit der Konsequenz, dass so mancher Berater fortan die meiste Zeit vor einem Monitor mit Kamera sass. Zu Recht, denn in den Unternehmen ist der Einsatz dieser Tools bei der standort- und unternehmensübergreifenden Team- und Projektarbeit schön längst gängige Praxis. Warum sie also nicht für die Beratungsarbeit nutzen?

Beim Change den Erfolgsfaktor Mensch beachten

Doch so einfach, wie es zunächst erscheint, erweist sich ein Digitalisieren der Beratung in vielen Fällen nicht, denn ein wichtiger Faktor darf nicht unberücksichtigt bleiben: der Faktor Mensch. Er spielt insbesondere bei Change- und Transformationsprojekten eine wichtige, wenn nicht gar die entscheidende Rolle. Bei komplexen und konsequenzenreichen Themen wie einer Reorganisation oder Sanierung, wäre es aus Mitarbeitersicht geradezu absurd, wenn die Berater den damit verbundenen Change-Prozess nur online, beispielsweise per Videokonferenz, begleiten würden. Dies würde sich auch auf die Qualität der Beratung auswirken, denn durch die räumliche Distanz und die Möglichkeit, sich einfach auszuklinken, wenn man – zumindest sachlich-fachlich – scheinbar nichts mehr zu besprechen hat, entstünde eine emotionale Kälte, die für den Erfolg des Change-­Projekts nicht förderlich wäre. Deshalb wird vermutlich, wenn ein Reisen und Konferieren wieder problemlos möglich sein wird – zum Beispiel, weil ein Corona-Impfstoff entwickelt wurde – der Einsatz beispielweise von Video­chat-Tools in solchen Projekten vermutlich nur eine On-top-Leistung sein; beispielsweise zum Durchführen von Ad-hoc-­Coaching-Sessions, wenn unerwartet Probleme auftauchen, die kurzfristig einer Lösung bedürfen. In der Praxis wird sich das Bestreben, den Beratungsprozess zu digitalisieren, voraussichtlich stets auf einem schmalen Grat bewegen, bei dem es permanent neu einzuschätzen gilt, wo und wann der Einsatz digitaler Techniken Sinn macht und wo und wann es einer persönlichen Face-to-Face-Kommunikation bedarf.

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