"Die Medizin gerät zwischen Machbarkeit, Finanzierbarkeit und Wünschbarkeit"

"Die Medizin gerät zwischen Machbarkeit, Finanzierbarkeit und Wünschbarkeit"

Artikel erschienen in IT Magazine 2017/03
Wie werden sich Angebot und Nachfrage nach E-Health oder noch stärker softwarebasierten Produkten entwickeln?
E-Health-Produkte, beziehungsweise benutzerfreundliche, intelligente und möglichst mobile Gesundheitsanwendungen, dürften weiter an Bedeutung gewinnen und die Diagnose sowie Therapieansätze verbessern. Doch der Technologieschub stoppt nicht damit. Wir sehen neue mechatronische Lösungsansätze wie die Entwicklung von innovativen Prothesen oder Exoskeletten, die für behinderte Menschen die Lebensqualität weiter verbessern könnten. Auch hier braucht es neben aller Mechanik und Elektronik intelligente Software. Oftmals ist es die Software, die den eigentlichen Kern der heutigen Innovation ausmacht. So können Ärzte von einer softwaregestützten Interpretation in der bildgebenden Diagnostik profitieren.

Sehen Sie auch Herausforderungen?
Eine grosse Schwierigkeit besteht darin, die Zusammenarbeit der einzelnen Akteure in der Wertschöpfungskette «Gesundheit» zu verbessern. Digitale Daten und Plattformen nützen wenig, wenn der Verwaltungsaufwand zu hoch ist und Nutzer keinen direkten, persönlichen Mehrwert erkennen. Viele Patienten würden zwar gerne selbst ihre Gesundheitsdaten digital verwalten, schrecken aber davor zurück, wenn es konkret wird. Ängste, dass die Daten in falsche Hände geraten könnten, sind weit verbreitet. Die Akzeptanz neuer Technik nimmt ab, sobald das Missbrauchspotenzial hoch ist oder Automatisierung die soziale Interaktion wie das persönliche Gespräch mit einem Arzt oder mit dem Pflegepersonal substituieren soll. Zukünftige Health Tech ist damit eher ein Enabler als ein Substitut. Nicht nur technologische, sondern auch mentale und regulatorische Hürden sind für die Digitalisierung des Gesundheitswesens zu überwinden.
Wie beurteilen Sie die Regulierungsdichte, insbesondere die Zulassung von neuen Health-Tech-Produkten?
Stehen bei der Rückvergütung einer Leistung oder eines Produktes vermehrt Kosten-Nutzen-Überlegungen im Zentrum, geht es bei der Marktzulassung um Risikoüberlegungen. Bevor ein neues Produkt zugelassen wird, muss es auf Herz und Nieren geprüft werden. Dies ist begrüssenswert, will man doch Patienten keinem unnötigen Risiko aussetzen. Doch die Prüf- und Nachweisvorschriften werden immer aufwändiger, um möglichst das kleinste Restrisiko auszuschliessen. Die Folge davon ist, dass sich die Markteinführung eines neuen Produktes verzögert. Allenfalls so stark, dass Patienten, die vom neuen Produkt hätten profitieren können, aufgrund ihrer Krankheit bereits irreversible Gesundheitsschäden davongetragen haben. Es sollte in Zukunft stärker zwischen Risikominderung und den Opportunitätskosten abgewogen werden.

Welche Chancen haben kleinere, softwarebasierte Unternehmen im Gesundheitsumfeld?
Die verstärkte Digitalisierung der Gesundheitstechnologie ermöglicht es, bestehende Strukturen, Prozesse und Lösungen zu hinterfragen. Dies ist eine Chance für das Gesundheitssystem, sich für die Zukunft fit zu trimmen mit dem Ziel, die Versorgungsqualität zu vertretbaren Kosten weiter zu verbessern. Gerade für kleinere, softwarebasierte Unternehmen bieten sich Opportunitäten wie selten zuvor, in diesen Markt einzusteigen. Das regulatorische Korsett der Schweiz sollte deshalb möglichst lose gestrickt sein, so dass digitale Innovationen gefördert statt von Anfang an behindert werden. Die Schweiz ist sehr gut positio­niert, um auch in Zukunft eine tragende, globale Rolle im Health-Tech-Bereich zu spielen. Diese Chance sollte nicht leichtfertig aufs Spiel gesetzt werden, zum Nutzen von Millionen von Patienten weltweit.

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