Meierhans meint: Langsamer ist schneller


Artikel erschienen in Swiss IT Magazine 2013/09

     

Neue Office-Versionen beglücken uns mit fast so grosser Regelmässigkeit wie Fussballweltmeisterschaften. Das ist beachtlich, wenn man bedenkt, dass sich die Arbeit, die der Otto Normalanwender mit der Bürosoftware erledigt, innerhalb von drei bis vier Jahren kaum merklich verändert. Diese Diskrepanz dürfte denn auch der Grund sein, wieso sich jeweils – ganz im Gegensatz zur WM – kaum Vorfreude auf all die neuen Features einstellt. Den Meisten graut vielmehr vor dem Aufwand, der nötig sein wird, bis sie alles wieder genauso machen können wie bisher.
Nun gibt es – speziell in der Schweiz – viele Nörgler, die um keinen Preis etwas verändern wollen. Sie dürfen nicht die Messlatte sein. Schliesslich sind ohne Neuerungen keine Verbesserungen möglich und ohne ständige Optimierung führt der Wettbewerb unweigerlich in eine Abwärtsspirale. Trotz dieser unbestreitbaren Kausalität verzichten aber immer mehr Unternehmen so lange auf ein Office-Update, bis sie durch den auslaufenden Support oder Kompatibilitätsprobleme zum Umstieg gezwungen werden. All diese Verweigerer sind nicht einfach verknorzte Spass- und Innovationsbremsen. Sie haben sich durchaus etwas überlegt.

Schnell um Job und Kragen


Die Gretchenfrage lautet: Was bringt es? Lösen all die «bahnbrechenden» und «produktivitätssteigernden» Features ihre Versprechen tatsächlich ein? Für die Allermeisten lautet die Antwort: Nein! Die auffälligsten Neuerungen der letzten Versionen wie Collaboration oder Rollen-basierte Ribbons bringen nur spezialisierten Anwendergruppen wesentliche Erleichterungen. Für den grossen Rest verlangsamen sie im Gegenteil sogar den Arbeitsfluss, indem jetzt auch noch einfach einzuberufende und darum umso häufigere virtuelle Meetings und Chat-Ping-Pongs den Tag und damit die Konzentration zerhacken.
Kommt dazu, dass diejenigen, die in Teams zusammenarbeiten, sich schon lange an andere Cloud-Services wie Dropbox, Basecamp, Skype oder Google Docs gewöhnt haben. Agile Start-ups bieten solche Dienste immer schon Monate und Jahre bevor sie Einzug in das Büropaket finden. Ihre Dienste sind in der Regel auch benutzerfreundlicher, weil sie sich auf eine spezifische Aufgabe fokussieren. Wer auf den entsprechenden Microsoft-Service umstellen will, muss also eingespielte Prozesse anpassen, ohne dafür im Gegenzug wesentlich besser funktionieren zu können.
Ein weiterer Aspekt, der bisher noch kaum beachtet wird: Je nahtloser die Integration der Wolkendienste mit den Büroanwendungen, desto grösser wird das Risiko von unüberlegten Schnellschüssen. Überaktive Zeitgenossen, die sich um Job und Kragen twittern, illustrieren inzwischen schon fast täglich, wie immer bequemere Publikationsmöglichkeiten unser Reflexionsvermögen je länger je mehr überfordern. Genauso ist auch im Büroalltag langsamer meist schneller.

Inhalt ist keine Softwarefunktion


Die grosse Produktivitätshürde für die sogenannten Wissensarbeiter stellen heute sowieso nicht mehr fehlende Softwarefunktionalitäten, sondern die naturgegeben persönlichen Abstraktions- und Sprachfähigkeiten dar. Das ist bei der WM im Grundsatz das Gleiche. Auch ihre Attraktivität hängt in erster Linie von der inhaltlichen Qualität ab, sprich von den fussballerischen Fähigkeiten der Spieler und Mannschaften. Es könnte wohl nur eine Eventberatungsagentur allen Ernstes propagieren, dass die WM langfristig attraktiver und beliebter würde, nur weil man alle vier Jahre grundlegende Modusänderungen und Zusatzwettbewerbe einführt.



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