CIO-Interview: «Manchmal lohnt es sich, zu hinterfragen»

CIO-Interview: «Manchmal lohnt es sich, zu hinterfragen»

Artikel erschienen in IT Magazine 2013/06
Lassen wir die Regulatorien hinter uns: Wie viele Mitarbeiter beschäftigt Raiffeisen in der IT?
Die Rolle von Raiffeisen Schweiz ist unter anderem ja die, dass wir gegenüber den rund 320 Raiffeisen-Banken in der Schweiz gewisse Dienstleistungen erbringen und sie beraten. Unter anderem wird auch die Informatik von Raiffeisen Schweiz vorgegeben. In der Informatik arbeiten rund 600 Mitarbeiter, die in St. Gallen sowie in Dietikon beschäftigt sind. Rund 200 davon sind Software-Entwickler, knapp 300 Mitarbeiter kümmern sich um den Betrieb. Aktuell sind zudem rund 50 Entwickler damit beschäftigt, unsere rund 15 Jahre alte Kernbankenapplikation Dialba zu renovieren. Diese separate Entwicklungsabteilung macht nichts anderes, als sich um diese Renovation zu kümmern, was ein mehrjähriges Vorhaben ist.

Dialba wird renoviert, nicht abgelöst?
Richtig. Wir haben in den letzten Jahren den Zahlungsverkehr und den Bereich Wertschriften auf eine Standard-Software – Avaloq – migriert. Dialba, welche das Front-end zu den Bankmitarbeitern am Schalter bildet, passt allerdings genau auf die Bedürfnisse von Raiffeisen und kann unsere Besonderheiten abbilden, wie das keine Standardlösung könnte. Dialba funktioniert für eine kleine Bank mit zwölf Mitarbeitern genauso wie für eine Bank mit 150 Leuten. Mit einer Standardlösung wäre das schwierig. Zudem können wir mit unserer eigenen Lösung selbst bestimmen, welche Funktionen wir bieten wollen und welche nicht.

Aber ist eine solche Eigenentwicklung heute noch zeitgemäss?
Aufgrund der genannten Faktoren schon. Aber: Was wir in der Raiffeisen-Informatik nicht wollen, ist eine «Freestyle IT», wie ich sie nenne. Mit Freestyle-IT meine ich, dass die IT nicht den Informatikern dienen soll, um sich zu verwirklichen. Das kommuniziere ich meinen Leuten auch ganz klar. Die Zeiten, als es darum ging, möglichst tolle Programme zu entwickeln und Features zwischen Tür und Angel zu besprechen, sind vorbei. Wenn ich spüre, dass Mitarbeiter von mir Code um des Codes Willen schreiben wollen, dann sage ich ihnen, dass ich das zwar super finde, dass sie dazu aber zu Google oder Microsoft gehen sollen. Dort können sie sich verwirklichen, bei uns läuft vieles prozessorientiert. Auch das ist spannend, aber funktioniert halt anders.
Andere grosse Banken, speziell die CS und die UBS, bauen Stellen ab oder verlagern sie ins Ausland. Wie ist die Situation bei Raiffeisen?
Wir können einen sehr hohen Eigenfertigungsgrad ausweisen. Die Wartung unserer Netzwerke, eines der grössten privaten Netzwerke der Schweiz, ist an Swisscom ausgelagert. Und wir arbeiten vereinzelt mit Lieferanten zusammen, die Nearshoring betreiben – übrigens mit gemischten Ergebnissen. Ansonsten machen wir alles inhouse – inklusive dem Betrieb der Rechenzentren. Das heisst nicht, dass das für immer so bleiben wird. Die Schweiz ist keine Insel. Ein Beispiel ist etwa das Lizenz-Management, wo man manchmal kreativ sein muss, um gegen die globalen Riesen anzukommen. Es kann nicht sein, dass in der Schweiz 40 Prozent mehr für eine Lizenz verlangt wird als im benachbarten Ausland. Doch wir wissen uns zu wehren.

Warum sourct Raiffeisen denn nichts aus?
Ich habe bei früheren Arbeitgebern reiche Erfahrung im Bereich Outsourcing sammeln können und kenne das Geschäft. Als ich bei Raiffeisen begonnen habe, wollte ich wissen, wie man dem Thema gegenübersteht. Damals hiess es, dass eine Lösung ruhig auch mal etwas mehr kosten darf, und dass Outsourcing nicht so sehr zu dieser national tätigen Bank passt.

Hängt diese Philosophie auch mit der starken regionalen Verankerung der Bank zusammen?
Sicher auch. Sehen Sie, jedes Mitglied der Geschäftsleitung erfüllt auch repräsentative Aufgaben in einem Teil der Schweiz. Das bedeutet, dass ich jeden Monat einige Male als GL-Mitglied in meinen Regionen unterwegs bin und dabei lokale, kleine KMU und Lokalpolitiker treffe. Wenn Sie da erklären müssen, warum Sie jetzt das letzte Projekt in Bangalore entwickeln liessen, kommen Sie mit den Füssen ziemlich rasch wieder auf den Boden zurück.

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