Sogar ein kleines – eigentlich für seine Bedächtigkeit bekanntes – Dorf inmitten des Kontinents debattiert und evaluiert fleissig, wie es seine digitalen Standbeine von unbequemen Abhängigkeiten abnabeln kann.
Eine Motion des Ständerates Charles Juillard (Die Mitte, Jura) fordert etwa, dass sich der Bundesrat mit Fragen rund um souveräne KI-Infrastruktur im Land auseinandersetzen sollte (siehe Seite 26). Eine Mehrheit der beiden Schweizer Parlamentskammern pflichtete dem jüngst bei. Damit muss das der Bundesrat nun tun.
Zuvor hat sich der zuständige Bundesrat Albert Rösti mit Rückendeckung aus der eigenen Partei und aus der FDP aber ordentlich gewehrt. Sowohl er als auch Nationalrat Mauro Tuena argumentierten etwa, dass die Kostenfrage nicht genug geklärt sei für eine Annahme. «Bei dieser schnellen Entwicklung jetzt eine solche Motion zu beschliessen, ist sicher das falsche Signal», so Tuena.
Ich denke, dass hier ein grundlegender Denkfehler liegt. Gerade wegen dieser schnellen Entwicklung ist eine aktive Auseinandersetzung das einzig richtige Signal. Die Gegner der Motion hoffen ganz einfach, dass die anderen laufenden Projekte und Abklärungen dann Rückschlüsse rund um KI-Souveränität zulassen. Für mich greift das zu kurz. Das ist keine Politik. Das ist nur Bequemlichkeit.
Wie etwa Nationalrat Gerhard Andrey im Rahmen der Verhandlungen klarstellte, geht es nämlich nicht um unkontrolliertes Geld-zum-Fenster-Rauswerfen. Es geht darum, eine aktuell inexistente Gesamtschau über Fragen rund um die Schaffung souveräner KI-Infrastruktur zu bekommen. Der Staat muss bei der Umsetzung nicht grundsätzlich in Konkurrenz zur Privatwirtschaft treten (ebenfalls eine Angst der Gegner). Er muss herausfinden, wo er selbst tätig werden muss, bevor äussere Umstände ihm diese Entscheidung abnehmen.
Im ersten Moment fragte ich mich, woher das Komfortbedürfnis der Gegner kommt. Gefunden hab ich die Antwort bei mir selbst. Denn ein paar Freunde von mir haben ihre Smartphones mittlerweile gerootet und das auf Souveränität getrimmte Open-Source-OS Graphene aufgespielt. Android und Google sind ihnen nicht mehr vertrauenswürdig genug. Das führt aber zu Herausforderungen: Bei einem geht der Kantonalbank-Login seither etwa nicht mehr. Dafür hat er ein grosses Stück Souveränität zurückgewonnen.
Und ich? Immer noch Android. Immer noch zu bequem.
In der Ausgabe 10/2026 von IT Magazine findet sich ein Test des Smartphones MC03 des Tessiner Anbieters Punkt. Der Fokus liegt dabei klar auf Privatsphäre und Souveränität. Punkt hat aber offenbar erkannt, dass es einen proaktiv gestalteten Mittelweg braucht, um einer breiteren Masse zu echter Souveränität zu verhelfen. Für alle Wankelmütigen wie mich: Vielleicht ist das MC03 ja eine Lösung für Sie. Ich werde mir das spätestens nochmal gut überlegen, wenn mein aktuelles Gerät den Geist aufgibt.
Von unserer Politik, die in der Sache rund um KI-Souveränität eine weise Entscheidung getroffen hat, wünsche ich mir nun eine differenzierte Einordnung. Und Ihnen eine gute Lektüre!