Dreimal in den letzten vier Wochen habe ich denselben Satz gehört. Nach einem Referat, in einem Online-Call und sogar im privaten Umfeld: «Deinen Job möchte ich nicht haben.» Mal mit Anteilnahme, mal mit einem Schulterzucken, mal mit einem mitleidigen Lächeln. So wie man es tut, wenn man jemandem für eine Aufgabe Respekt zollt, die man selbst lieber nicht übernehmen möchte.
Zuerst war ich überrascht. Ich bin weder Feuerwehrmann noch Chirurg. Niemand riskiert in meinem Umfeld Leib und Leben. Und doch scheint meine Funktion als Geschäftsführer von ICT-Berufsbildung Schweiz derzeit mit einer Aura des Unmöglichen behaftet zu sein. Also habe ich nachgefragt. Die Antworten haben mich zum Nachdenken gebracht – weil sie exakt die drei grossen Disruptionen widerspiegeln, die unsere Branche gerade durchschütteln.
Erstens: Der wirtschaftliche Druck. ICT-Unternehmen müssen mit hohem Veränderungstempo, knappen Ressourcen und wirtschaftlicher Unsicherheit umgehen. Bei der institutionellen Frage «Quo vadis?» kann die Ausbildung von Lernenden da schnell zur Kür statt zur Pflicht werden. Wer im Alltagsstress steckt, hat dann aus subjektiver Sicht plötzlich weniger Kapazität, in die Entwicklung von Juniors zu investieren – obwohl genau sie unsere künftige Fachkräftebasis bilden.
Zweitens: Die KI-Substituierung der Berufseinsteiger, das sogenannte Junior-Paradoxon. Ausgerechnet jene Aufgaben, an denen Lernende bisher das Handwerk übten – kleine Programmieraufgaben, Testing, Recherche, Dokumentation –, erledigt heute eine KI in Sekunden. Warum einen Junior eine Woche recherchieren lassen, wenn KI in Sekunden eine brauchbare Lösung liefert? Die Antwort liegt auf der Hand: Weil ohne diese Woche nie ein Senior entsteht. Der Arbeitsmarkt stirbt gerade von unten, wie es der Wirtschaftspsychologe Prof. Dr. Dr. Oliver Hoffmann mit Verweis auf eine aktuelle Studie treffend formuliert hat. Nicht durch spektakuläre Entlassungen, sondern durch das leise Nicht-Einstellen. Erfahrung lässt sich nicht prompten. Sie entsteht, wenn Menschen reale Probleme lösen, Fehler machen, daraus lernen und Schritt für Schritt Verantwortung übernehmen. Wer diese Lerngelegenheiten wegautomatisiert, sägt am eigenen Ast: Unternehmen steigern die Produktivität ihrer Experten, indem sie genau jene Arbeit eliminieren, an der ihre Experten von morgen lernen müssten.
Drittens: Der Rückgang der Grundkompetenzen bei Schulabgängerinnen und -abgängern. Wenn Lesen, Schreiben und Rechnen bereits vor der Lehre zur Herausforderung werden, wird die Ausbildungsbereitschaft der Betriebe zusätzlich strapaziert. Ein Problem, das mit KI wenig, mit unserem Bildungssystem als Ganzem aber sehr viel zu tun hat.
Drei Entwicklungen, ein gemeinsamer Nenner: Alle drei verlangen, dass wir Berufsbildung neu denken, statt sie einfach zu verwalten. Nicht Verordnungen alle acht Jahre revidieren, sondern am System arbeiten. Nicht warten, bis der nächste grosse KI-Sprung alles ändert. Sondern jetzt beginnen, andere Aufgaben für Lernende zu schaffen, wenn die bisherigen wegfallen. Die entscheidende Kompetenz wird künftig nicht allein darin liegen, eine Lösung zu programmieren. Immer wichtiger wird die Fähigkeit, zu erkennen, welches Problem überhaupt gelöst werden muss. Das Wie übernimmt zunehmend die KI. Und deshalb brauchen wir dringend genügend Betriebe, die ICT-Lehrstellen anbieten. Wir brauchen Entscheidungsträger in Unternehmen, die an die Berufsbildung glauben, die auf die Power von Juniors setzen und langfristig denken.
Also, liebe Leserin, lieber Leser: Wenn auch Sie denken: «Deinen Job möchte ich nicht haben», bin ich absolut entspannt. Bildung ist und bleibt der wertvollste Rohstoff in unserem schönen Land. Und dafür lohnt es sich zu kämpfen.
Kolumnist Marc Marthaler ist Geschäftsführer von ICT-Berufsbildung Schweiz. Nach dem Lehrerpatent hat er Sport an der Universität Bern studiert und war danach in verschiedenen Führungspositionen im Bildungsumfeld tätig. Er hat je einen MAS-Abschluss in Supervision & Organisationsberatung sowie Human Capital Management.