Wenn sich bereits gestandene Profis beim Anblick einer weissen Seite unwohl fühlen – wie geht es da erst Lernenden? Zumal wenn sie sich wöchentlich in dieser Situation befinden – schliesslich gehört es zur Ausbildung, regelmässig einen Lernbericht zu verfassen, in dem die jungen Menschen ihre Entwicklung festhalten. Dabei kann es schon mal vorkommen, dass ein Lernender mit dem Schreiben in Verzug kommt. Ruht der Lernbericht einige Wochen, wächst die Unruhe. Als junger Mensch steht man so schnell vor einer wachsenden weissen Wand. Und auch ein termingerechtes Arbeiten schützt nicht vor Fehlern, die ein Nachbessern oder Neuverfassen erfordern. «Für das Erstellen des Lernberichts gibt es wenig Vorgaben, und gerade in Betrieben mit vielen Lernenden ist es für die Verantwortlichen schwer, die Übersicht zu bewahren», erklärt Janis Huber, Gründer von
Mentro.
Mentro ist eine SaaS-Plattform, die genau dieses Problem lösen soll, und zwar nicht nur für Lernende, sondern auch für Praxis- und Berufsbildner – die Parteien also, die Anteil an einer erfolgreichen Lehre haben. In diesem Dreieck liegen Verantwortung und Planung beim Berufsbildner, während der Praxisbildner für das Vermitteln der praktischen Fähigkeiten zuständig ist. Letztere wechseln regelmässig und geben Feedback über die Entwicklung an den Berufsbildner, der jeweils entscheidet, wann welcher Lernende zu welchem Praxisbildner geht. Dazu kommen Schulbesuche und mehr. All dies wird im Semesterlehrplan erfasst, der als Wegleitung fungiert. Über die Zeit gibt der junge Mensch wiederum Feedback an den Berufsbildner via Lernbericht.
Lernberichte systematisieren
«Gerade in mittleren Lehrbetrieben resultiert das in einem Tool-Friedhof», erklärt Huber. PDFs von Lernberichten, Zeugnisse aus der Schule, Rückmeldungen der Praxisbildner per Mail oder auf Notizzetteln. Das erschwert die Arbeit des Berufsbildners, der aus all diesen Quellen einen Bildungsbericht erstellen muss, der den Stand des Lernenden am Semesterende reflektiert und als Basis für ein Standortgespräch mit Lernendem und Praxisbildner dient. In
Mentro werden nicht nur alle Informationen gesammelt, die Lösung dient als Kommunikationshub zwischen den drei Parteien. Der Lernende erhält eine tägliche Aufforderung, den Tag in einigen Sätzen zu reflektieren – via Smartphone oder Laptop. Am Ende der Periode, je nach Beruf wöchentlich, zweiwöchentlich oder monatlich, führt ihn die Lösung durch die Reflexion. Aus den erfassten Aktivitäten wählt eine KI die passenden Reflexionsfragen und berücksichtigt dabei das Lehrjahr und die im Bildungsplan hinterlegten Ziele. Die Fragen stammen aus einem Pool von über 80 und sind in fünf Stufen aufgebaut – von der einfachen Beschreibung bis zum Abgleich mehrerer Blickwinkel. Statt eines leeren Textfelds entsteht so eine geführte Reflexion. Ebenfalls hinterlegt sind Beobachtungen des Praxisbildners sowie die Noten aus der Schule.
Gleichzeitig hat der Lernende jederzeit Einblick über seinen Zielerreichungsgrad. In jedem Semester müssen eine Vielzahl von Bildungszielen erreicht werden (zum Beispiel: Programmieren eines Backends mittels vorgegebener Programmiersprachen, Erstellen eines technischen Proof-of-Concepts, Planen einer Schulung). Aus diesen Belegen berechnet Mentro den Entwicklungsstand und zeigt ihn in Prozent an. Die Zahl ist eine Schätzung aus gewichteten Belegen, und die Plattform legt offen, wie sie zustande kommt und wie belastbar sie ist. Berufs- und Praxisbildner sehen dasselbe Bild. «Defizite werden dadurch früher sichtbar und nicht erst im Bildungsbericht am Ende des Semesters», so Huber.
Besonders wichtig war es dabei herauszufinden, was die KI nicht kann. «Bei der Kompetenzbewertung darf kein falsches Bild entstehen. Dazu muss man genau verstehen, wo die Grenzen der KI liegen», sagt Huber. Auch praktisch: Aufträge an den Lernenden und selbstdefinierte Ziele können ebenfalls hinterlegt und getrackt werden.
Aus der Lehre für die Lehre
Den Anstoss für
Mentro lieferte ein Bauunternehmen, das eine Lösung zur Optimierung des eigenen Lehrbetriebs suchte. Dafür wandte es sich an die ICT-Berufsbildung Zentralschweiz, die regionale Organisation der Arbeitswelt für die ICT-Berufe. Diese vermittelt solche Aufträge an Lernende im vierten Semester, denn alle Lernenden sind verpflichtet, ein solches Projekt umzusetzen.
«Das Unternehmen wollte nur einen Katalog, ohne KI. Das war eine sehr enge Frage», sagt Huber. Begonnen hatte er das Projekt im Viererteam. Mit Unterstützung der Lehrpersonen löste er sich heraus und baute allein weiter. «Beim Recherchieren merkte ich schnell, dass die eigentliche Problematik viel grösser ist.» Aus dem Katalog wurde die Frage, wie sich Kompetenz überhaupt belegen lässt.
Ein weiterer Vorteil: Der Bildungsbericht entsteht direkt in der Plattform und wird dort von Berufsbildner und Lernendem gemeinsam digital unterzeichnet. «Es müssen keine Mails herumgeschickt oder Unterlagen gesucht werden. Alles ist direkt in der Plattform», so Huber.
Die Lösung ist zurzeit mit Pilotkunden im Betrieb. Ebenfalls von seiner Lösung überzeugen konnte Janis Huber die Kick Foundation und die Pädagogische Hochschule Luzern. «Mit der finanziellen Unterstützung der Kick Foundation prüft die Abteilung Berufsbildung der PH Luzern als Forschungspartnerin die Reflexionsfragen und das Messmodell von Mentro im Hinblick auf den Stand der Forschung.»
Zurzeit entwickelt Huber das selbstständige Onboarding für Neukunden. «Aktuell werden Kunden manuell eingeladen. Unser Ziel ist, Mentro ab nächstem Januar komplett im Self-Service anzubieten – rechtzeitig zum Semesterstart.»