Die Diskussion über KI im Kundenservice konzentriert sich oft auf Chatbots. Sie sind für viele Unternehmen der erste Berührungspunkt mit KI. In der Praxis reicht die reine Automatisierung von Dialogen jedoch selten aus, um nachhaltige Effizienzgewinne oder eine bessere Customer Experience zu erzielen. Der eigentliche Mehrwert entsteht dort, wo KI in Geschäftsprozesse integriert wird. Moderne Serviceorganisationen betrachten KI deshalb nicht als separates Werkzeug, sondern als zusätzliche Schicht innerhalb ihrer bestehenden CRM-, Helpdesk- und Service-Plattformen. Dadurch kann die Technologie Informationen aus unterschiedlichen Systemen nutzen, Zusammenhänge erkennen und Prozesse aktiv unterstützen.
KI unterstützt den Kundenservice entlang der gesamten Wertschöpfungskette
Der Einsatz von KI beginnt heute häufig lange bevor ein Kunde Kontakt mit einem Unternehmen aufnimmt. Ein Beispiel dafür ist das Workforce Management. Moderne Systeme analysieren historische Daten aus Telefonie, E-Mail, Chat oder Social Media und prognostizieren das erwartete Anfragevolumen. Berücksichtigt werden Saisonalitäten, Marketingkampagnen oder Störungsmuster. Auf dieser Grundlage lassen sich Personaleinsatzpläne präziser erstellen. Ziel ist eine bedarfsgerechte Besetzung – mit ausreichend Ressourcen für Spitzenzeiten, ohne unnötige Überkapazitäten vorzuhalten.
Auch in der Kundeninteraktion selbst übernimmt KI zunehmend operative Aufgaben. Besonders sichtbar wird dies bei modernen Sprachdialogsystemen. Während klassische IVR-Lösungen (Interactive Voice Response) auf starren Menüstrukturen basieren, verstehen KI-gestützte Systeme Anliegen in natürlicher Sprache. Kunden können ihr Problem frei formulieren und werden direkt an die zuständige Stelle weitergeleitet. Das senkt Wartezeiten und steigert die Erstlösungsquote.
Intelligente Unterstützung direkt im CRM
Eine der grössten Veränderungen findet innerhalb der CRM- und Helpdesk-Systeme statt. Dort unterstützt KI Mitarbeitende in Echtzeit bei der Bearbeitung von Kundenanliegen. Während eines Gesprächs analysiert die Technologie den Kontext und schlägt passende Antworten, Prozessschritte oder Lösungswege vor. Servicemitarbeitende erhalten schneller Zugriff auf relevante Informationen und können Anfragen effizienter bearbeiten. Gleichzeitig wird sichergestellt, dass Prozesse eingehalten und Fälle konsistent behandelt werden.
Oft wird vom «Augmented Agent» gesprochen. Gemeint ist ein Arbeitsmodell, bei dem Mitarbeitende durch KI gezielt unterstützt werden. Die Technologie übernimmt Recherche- und Analyseaufgaben, während die finale Entscheidung weiterhin beim Menschen liegt.
Eng damit verbunden ist die Entwicklung moderner Wissensplattformen. Systeme wie Salesforce Einstein oder Guru ermöglichen es, Informationen aus Produkten, Prozessen, Dokumentationen oder FAQs zentral bereitzustellen und kontextbezogen verfügbar zu machen. Wissen wird dadurch genau dann bereitgestellt, wenn es benötigt wird.
Qualitätssicherung wird skalierbar
Ein weiteres Feld mit grossem Potenzial ist die Qualitätssicherung. Traditionell werden im Kundenservice nur einzelne Gespräche stichprobenartig überprüft. Dieser Ansatz bildet jedoch immer nur einen kleinen Teil der tatsächlichen Kundeninteraktionen ab. Durch den Einsatz von KI lassen sich heute sämtliche Gespräche automatisch transkribieren und analysieren. Die Systeme nutzen LLMs und prüfen beispielsweise die Einhaltung von Gesprächsleitfäden, regulatorischen Vorgaben oder Serviceprozessen. Gleichzeitig können sie Stimmungen erkennen, Eskalationen identifizieren oder wiederkehrende Probleme sichtbar machen. Dadurch entsteht eine breitere Grundlage für Coaching, Prozessoptimierung und Qualitätsmanagement. Qualitätssicherung entwickelt sich von einer rückblickenden Kontrollfunktion zum kontinuierlichen Verbesserungsprozess.
Warum Chatbots erst durch Integration wirklich wirksam werden
Trotz der Vielzahl neuer Anwendungsfelder bleiben Chatbots der sichtbarste Einsatzbereich von KI. Ihre Leistungsfähigkeit hängt von den Informationen und Systemen ab, auf die sie zugreifen können. Moderne KI-basierte Chatbots nutzen nicht mehr ausschliesslich manuell gepflegte Inhalte. Stattdessen indexieren sie kontinuierlich angebundene Informationsquellen wie Websites, Wissensdatenbanken oder Produktdokumentationen. Änderungen stehen dadurch unmittelbar zur Verfügung, ohne dass Inhalte separat nachgeführt werden müssen.
Der entscheidende Schritt erfolgt jedoch erst durch die Anbindung an operative Systeme. Sobald ein Chatbot mit CRM-, Ticketing- oder Bestellplattformen verbunden ist, kann er nicht nur Informationen liefern, sondern konkrete Aufgaben ausführen. Ein typisches Beispiel ist die Bestellung eines neuen Geräts. Erkennt der Bot den Kunden eindeutig und kann dessen Berechtigungen prüfen, lässt sich der gesamte Prozess automatisiert abwickeln. Die KI greift auf Vertrags- und Produktinformationen zu, löst die Bestellung aus und bestätigt die Ausführung – ohne dass ein Mitarbeitender eingreifen muss. Damit verändert sich die Rolle des Chatbots grundlegend. Aus einer reinen Informationsschnittstelle wird ein aktiver Bestandteil der Wertschöpfungskette.
Wenn Systeme gemeinsam arbeiten
Besonders leistungsfähig werden KI-Lösungen dort, wo mehrere Systeme miteinander verbunden sind. CRM, Helpdesk, Ticketing, Wissensmanagement und Kommunikationskanäle bilden gemeinsam die Grundlage für eine konsolidierte Sicht auf sämtliche Kundeninteraktionen. Dadurch lassen sich Vorgänge über ihren gesamten Lebenszyklus hinweg verfolgen. Kunden erhalten jederzeit Auskunft über den aktuellen Bearbeitungsstand, unabhängig davon, über welchen Kanal sie Kontakt aufnehmen.
Ein typisches Beispiel ist die Statusabfrage einer Bestellung. Nach der Identifikation des Kunden kann das System den entsprechenden Vorgang im CRM lokalisieren, Informationen aus Logistik- oder ERP-Systemen abrufen und den aktuellen Status unmittelbar kommunizieren. Für den Kunden entsteht ein nahtloses Serviceerlebnis, während Unternehmen von einer hohen Automatisierung profitieren.
Die Integration mehrerer Systeme ermöglicht dabei zunehmend sogenannte agentische KI-Ansätze. Solche Systeme beantworten nicht mehr nur Fragen, sondern koordinieren eigenständig mehrere Arbeitsschritte, beziehen Informationen aus unterschiedlichen Quellen ein und führen Folgeaktionen aus. KI entwickelt sich damit vom Assistenzsystem zum aktiven Teilnehmer operativer Prozesse.
Mensch und KI als gemeinsames Servicemodell
Trotz steigender Automatisierung bleibt der menschliche Faktor zentral. Kunden schätzen zwar schnelle und unkomplizierte Lösungen, möchten jedoch in bestimmten Situationen bewusst mit einem Mitarbeitenden sprechen.
Deshalb gilt heute ein hybrider Ansatz als Best Practice. Kunden sollten jederzeit selbst entscheiden können, ob sie mit einem Bot oder einem Menschen interagieren möchten. Erfolgt eine Übergabe, müssen sämtliche Informationen zum bisherigen Verlauf übernommen werden. Nur so lassen sich Medienbrüche vermeiden und ein konsistentes Kundenerlebnis sicherstellen.
Datenschutz als Erfolgsfaktor
Der Einsatz von KI im Kundenservice erfolgt innerhalb klar definierter regulatorischer Rahmenbedingungen. In der Schweiz bildet das revidierte Datenschutzgesetz (revDSG) die Grundlage, in der Europäischen Union die DSGVO.
Grundsätzlich dürfen KI-Systeme jene Daten nutzen, die für die Bearbeitung eines konkreten Anliegens erforderlich sind. Eine weitergehende Verwendung, etwa für eine dauerhafte Speicherung oder eine ungefragte Profilbildung, setzt jedoch eine ausdrückliche Einwilligung des Kunden voraus – ähnlich wie das Prinzip bei Cookie-Bannern im Internet.
Worauf Unternehmen achten müssen
Für eine erfolgreiche Umsetzung müssen Unternehmen vier Kernpunkte beachten: Erstens gilt es, den Datenschutz strikt einzuhalten und Systemsicherheit ernst zu nehmen. Zweitens müssen Systemintegrationen technisch sauber orchestriert sein. Drittens muss die Aktualität der genutzten Datenquellen garantiert werden. Und viertens – als wichtigster Faktor – sollte den Nutzern immer die freie Wahl überlassen werden, ob sie mit einer KI oder einem Menschen kommunizieren möchten.
Der Autor
Bernhard Lachenmeier ist seit Oktober 2025 Managing Director von
Worldline Schweiz. In dieser Funktion trägt er die Gesamtverantwortung für das Schweizer Geschäft und leitet zugleich als Head Merchant Services das Händlergeschäft. Worldline ist ein führender Betreiber kritischer Infrastrukturen und Zahlungsdienste.