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Editorial

Und wann platzt Ihnen der Kragen?

Spätestens wenn der letzte Tropfen das Fass zum Überlaufen bringt, wird gehandelt…oder auch nicht.

Artikel erschienen in Swiss IT Magazine 2026/06

     

In der Praxis werden Fässer stattdessen oft ausgehöhlt, damit vielleicht doch noch ein weiterer Tropfen reinpasst. Aber damit wird das Fass langsam dünnwandig und immer instabiler.

In einem solchen Fass sitzt die IT-Welt in Europa derzeit. Das Fass heisst: die Abhängigkeit von Microsoft. In dieser ist der alte Kontinent so stark gefangen, dass man immer wieder zusätzlichen Platz für weitere Tropfen schuf.


2018 erholten sich die europäischen US-Partner etwa langsam vom Schock der Snowden-Affäre und zogen die Konsequenzen: Botschafter einberufen, schimpfen, das Fass weiter aushöhlen.

In diesem Jahr trat in den USA dann der Cloud-Act in Kraft. Die Vereinigten Staaten erinnerten die Welt also in aller Deutlichkeit daran, dass man so oder so Dateneinsicht bekommt. Und wenn man das schon nicht versteckt machen darf (böse Whistleblower!), macht man es eben am helllichten Tag.

Natürlich gab es einen Aufschrei, als der Inhalt des Cloud Acts in der Öffentlichkeit breitgetreten wurde. Die Massnahme? «Lasst uns mal die Fasswände anschauen. Ja, ich glaube, da geht noch was!»

Während eine Datenschutzspezialistin bei PwC 2019 die Bedenken zum Cloud Act als «eher übertrieben» betitelte, wurden bereits Wahrscheinlichkeitsrechnungen erstellt, wie es um die Möglichkeit einer Datenherausgabe via Cloud Act in der Praxis stehen könnte. Diese sei wirklich sehr, sehr (sehr!) tief. Sollte also kein Problem darstellen, Beschaffungen wurden durchgewunken.
So dümpelte die Sache vor sich hin. Gegner lamentierten, Befürworter wedelten mit Wahrscheinlichkeitsrechnungen. IT-Alltag eben.

Aber an dem Punkt, an dem Microsoft einem gewählten Richter am internationalen Strafgerichtshof den Account abschaltet, weil die USA ein Problem mit ihm haben – spätestens hier überläuft das Fass doch, oder? Fehlanzeige.

Ok, aber allerspätestens, wenn ein Jurist von Microsoft unter Eid bestätigt, dass man Datenherausgaben (sogar ohne Betroffene zu informieren) nicht verhindern kann. Dann überläuft das Fass. Oder?

Sie kennen die Antwort leider bereits. Anstatt echte Konsequenzen zu ziehen, hält man sich heute tapfer am Souveränitäts-Washing von Big Tech fest. Und nun öffnet sich ein weiteres Kapitel in der Cloud-Act-Saga: In den Niederlanden wurden laut einem aktuellen Bericht Daten von Beamten via Cloud Act eingefordert und auch herausgegeben. Ungünstiger «Zufall»: Die beiden Staatsangestellten arbeiteten beide am Digital Services Act, bekannterweise ein rotes Tuch für die Amis.

Vielleicht bin ich mittlerweile übertrieben pessimistisch, mag sein. Aber ich denke wir alle wissen schon, wie diese Geschichte enden wird.

Ein alter Freund, seit etwa 20 Jahren selbstständig in der hiesigen IT-Szene, sagte mir kürzlich zu meinem Erstaunen, dass er Microsoft den Rücken zugekehrt hat und heute auf der Office-Alternative von Infomaniak arbeite. Das sei nicht nur sympathischer, sondern unter dem Strich auch billiger für ihn. Ihm seien die Geschäftsgebaren schlicht zu dumm geworden.

Ehrlich gemeinte Frage: Was muss noch passieren, dass auch Ihnen der Kragen platzt? Schreiben Sie mir gerne!
Matthias Wintsch, Redaktor
mwintsch@swissitmedia.ch


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