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Kolumne: Verändert KI die Berufsbildung?

Marc Marthaler über die Auswirkungen von Künstlicher ­Intelligenz in der Berufsbildung.

Artikel erschienen in Swiss IT Magazine 2026/03

     

Eine rhetorische Frage, werden Sie sich nun denken. Doch schauen wir sie uns differenzierter an. Der Einzug von Künstlicher Intelligenz wirft in der Berufsbildung zukunftsrelevante Fragen auf. Etwa zu Anforderungen und Auswirkungen auf den Berufsalltag von (ICT-)Fachkräften, auf den Lernprozess oder wie wir prüfen.

KI wird Berufe (vorerst) nicht komplett ersetzen, doch sie verändert Tätigkeiten und verschiebt Handlungskompetenzen, wie sie heute in Bildungsplänen definiert sind. Dies wird in den Revisionen der ICT-Berufe berücksichtigt, damit die Abschlüsse auch in Zukunft den Anforderungen der Wirtschaft entsprechen. Während KI Effizienzgewinne ermöglicht, bleibt die kritische Beurteilung ihrer Ergebnisse eine unverzichtbare mensch­liche Fähigkeit. Parallel dazu gewinnen berufsübergreifende Kompetenzen an ­Bedeutung, zum Beispiel kritisches Denken, Problemlösefähigkeiten oder Kundeninteraktion.


Und doch: KI-Kompetenzen sind ein entscheidender Faktor für die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz. Sie müssen allerdings entwickelt werden – nicht nur im ICT-Berufsfeld. Deshalb erarbeitet die KI-Fachstelle von ICT-Berufsbildung Schweiz ein nationales, berufs- und branchenübergreifendes Zertifikat für KI-Grundkompetenzen. Zudem entstehen neue Qualifikationen wie der eidgenössische Fachausweis AI Business Specialist. Diese Massnahmen sind zentral für die Deckung des Fachkräftebedarfs und die souveräne, sichere ­Nutzung von KI in der Schweizer Bildungslandschaft.
Wie verändert sich das Lernen durch KI? Diese Frage hat Dieter Euler, emeritierter Direktor des Instituts für Wirtschaftspädagogik an der Universität St. Gallen, kürzlich treffend in der Fachzeitschrift «Transfer» beantwortet: Nicht das Lernen an sich verändert sich, sondern die Kontexte des Lernens. Erst wenn mit KI generierte Informationen in einem subjektiv bedeutsamen Zusammenhang stehen, werden sie zu Wissen. Und wirkliches Lernen zeigt sich erst dann, wenn daraus konkrete Kompetenzen entwickelt werden. Besonders dieser letzte Schritt erfordert menschliche Intelligenz. Dabei kann KI den Lernprozess verbessern. Sie begleitet Lernende individuell, erkennt ihre Stärken und Schwächen und beantwortet Fragen. Lehrpersonen und Ausbildende können sich stärker auf ihre Rolle als Coach konzentrieren.

KI spielt im Berufsalltag bereits eine relevante Rolle. Das sollte in Prüfungen und im Unterricht berücksichtigt werden. Bedeutet: Die didaktische Zielsetzung von mit KI bearbeiteten Aufgaben verschiebt sich. Die Bewertung von generierten Antworten, die Diskussion von Lösungswegen und die praktische Anwendung werden noch wichtiger. Aber nicht nur didaktisch wirkt sich KI auf die Prüfungen aus. Unser Erfahrungsbericht «Generative KI in der Berufsbildung» zeigt am Beispiel der höheren Berufsbildung: Sowohl bei der Anmeldung und Zulassung als auch bei der Erstellung, Durchführung und Bewertung von eidgenössischen Prüfungen kann KI zur Effizienzsteigerung beitragen. Mit KI-Assistenten und agentischen Workflows können handlungskompetenzorientierte Prüfungsformate wie Fallstudien, Fallsimulationen, Critical Incidents oder Mini Cases generiert werden. ICT-Berufsbildung Schweiz setzt KI-Assistenten bereits bei eigenen Prüfungen und für andere Berufsbildungsverbände ein.


Also ja, natürlich verändert KI die Berufsbildung. Dennoch, oder umso mehr, sollten die eingangs gestellten Fragen nicht isoliert und abschliessend geklärt werden, sondern erfordern eine ständige holistische Auseinandersetzung mit der sich verändernden Umwelt.
Marc my words.
Kolumnist Marc Marthaler ist Geschäftsführer von ICT-Berufsbildung Schweiz. Nach dem Lehrerpatent hat er Sport an der Universität Bern ­studiert und war danach in verschiedenen Führungspositionen im Bildungsumfeld tätig. Er hat je einen MAS-­Abschluss in Supervision & Orga­ni­sations­beratung sowie Human ­Capital Management.


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