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Kolumne: Menschlichkeit als Wettbewerbsvorteil

Technische Kompetenz allein reicht nicht mehr. Relevanz entsteht laut Fabian Dütschler dort, wo sie mit menschlicher Wirkung zusammenkommt.

Artikel erschienen in Swiss IT Magazine 2026/01

     

Meiner Meinung nach liegt eine der grössten Fehleinschätzungen der aktuellen IT-Debatte darin, dass mit immer leistungsfähigeren KI-Systemen vor allem technische Skills entscheidend seien. Ich sehe eher das Gegenteil. Je besser Maschinen werden, desto klarer zeigt sich, was sie nicht leisten können, und genau dort entsteht der eigentliche Wettbewerbsvorteil für Menschen. Künstliche Intelligenz schreibt heute Code, analysiert Daten, beantwortet Support-Anfragen und trifft Vorentscheidungen im Recruiting. Was vor wenigen Jahren noch futuristisch klang, ist längst operativer Alltag. Diese Entwicklung führt aus meiner Sicht jedoch nicht dazu, dass menschliche Fähigkeiten an Bedeutung verlieren. Sie verschiebt vielmehr den Fokus. KI liefert Wahrscheinlichkeiten und Vorschläge, aber sie übernimmt keine Verantwortung. Diese bleibt beim Menschen, insbesondere dort, wo Daten widersprüchlich sind, Interessen kollidieren oder technische Entscheidungen ethische, politische oder kulturelle Folgen haben.


Menschlichkeit im technischen Umfeld wird oft missverstanden. Es geht nicht um Nettigkeit oder Wohlfühlkultur, sondern um Urteilsfähigkeit unter Unsicherheit. Gerade in komplexen IT-Projekten entscheidet selten das beste Modell über den Erfolg, sondern die Fähigkeit, Spannungen auszuhalten, Prioritäten zu setzen und Entscheidungen nachvollziehbar zu erklären. Technik entfaltet ihre Wirkung erst dann, wenn sie in einen menschlichen Kontext eingebettet wird.
Ein weiterer Punkt, der meiner Meinung nach massiv an Bedeutung gewinnt, ist kritisches Denken. KI ist hervorragend darin, Antworten zu liefern, aber schlecht darin, die richtigen Fragen zu stellen. In vielen Unternehmen entsteht derzeit ein neues Risiko: Entscheidungen wirken objektiv, weil sie von Algorithmen stammen, sind aber in Wahrheit unreflektiert automatisiert. Wer langfristig relevant bleiben will, muss Systeme nicht nur bedienen, sondern auch hinterfragen.

Hinzu kommt, dass Teamarbeit in der IT heute in hybriden, globalen Strukturen stattfindet. Wirkung entsteht weniger durch Code als durch Kommunikation: durch Übersetzungsarbeit zwischen Business und Technik, zwischen Mensch und Maschine sowie zwischen unterschiedlichen kulturellen Erwartungshaltungen. Projekte scheitern selten an Technologie, aber häufig an Missverständnissen.


Auch im Recruiting zeigt sich ein Wandel. Formale Abschlüsse verlieren an Signalwirkung, weil sie wenig über Anpassungsfähigkeit aussagen. Im AI-Zeitalter veraltet Wissen schnell. Entscheidend wird, wie lernfähig jemand ist und wie souverän mit Unsicherheit umgegangen wird. Für mich ergibt sich daraus eine neue Karriereformel: Technische Kompetenz allein reicht nicht mehr. Relevanz entsteht dort, wo sie mit menschlicher Wirkung zusammenkommt. Menschlichkeit ist kein Gegentrend zur KI. Sie ist ihre logische Konsequenz und ein klarer strategischer Vorteil.

Fabian Dütschler

Fabian Dütschler ist Founding Partner von One Agency, einer führenden IT-Personaldienstleistungsagentur mit Hauptsitz an der Bahnhofstrasse in Zürich.
In seiner Kolumne im «Swiss IT Magazine» beschäftigt sich Dütschler mit den Herausforderungen, die sich rund um die Personalsuche und die Karriere­planung ergeben.
fd@oneagency.ch


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