Frechs Frechheiten: Um Himmels Willen, machen Sie keine Lehre!

Kolumnist Serge Frech über den Stellenwert der Lehre.

Artikel erschienen in Swiss IT Magazine 2024/03

     

Orange ist eine Signalfarbe. Sie bedeutet: Achtung! Aufgepasst! Vorsicht! Grün bedeutet: Gut. Sicher. Los! Was bei einem symbolischen Gebäude auf der untersten Treppenstufe steht, wird als geringer wahrgenommen als das, was auf der obersten Stufe steht. Und wer steht da ganz unten? Die Berufsbildung. So gesehen in einem Video der Berufsberatungs- und Informationszentren eines Kantons auf Youtube (siehe Screenshot). Es scheint klar: Keine Lehre machen, weiter in die Schule gehen.

Ja, Sie haben richtig gelesen. Das ist kein Erklärfilm des fiktiven Vereins «Niedergang der Berufsbildung», sondern der offiziellen kantonalen Berufsberatung. Der Kanton sei hier ungenannt, aber wir binden der Leserschaft keinen Bären auf!
Hier wird also ein bekanntes und problematische Klischee der Berufsbildung betoniert. Natürlich ungewollt, wie uns versichert wurde. Das glauben wir. Trotzdem: Gut gemeint, schlecht gemacht.


Das Video wird lobenswerterweise in verschiedenen Sprachen dargeboten. Darunter Tamilisch, Albanisch, Dari und weitere mehr. Doch genau die Personen aus diesen Herkunftsländern kennen oftmals entweder die Berufsbildung nicht oder erachten sie als minderwertig. Dies, weil es in deren Herkunftsländern die Berufsbildung nicht gibt. Doch gerade die Berufsbildung ist eines der erfolgreichsten, nachhaltigsten und wirtschaftlichsten Integrationsinstrumente.
Aber auch das Video in deutscher Sprache wurde bereits knapp 15’000 Mal angeschaut. Ist das die Antwort auf: Wieso hat die Berufsbildung selbst bei gewissen Teilen der eidgenössischen Bevölkerung einen schwierigen Stand? Wahrscheinlich nicht. Doch das Klischee bleibt: Gymnasium ist besser als Berufsbildung.

Obwohl sie doch eine Schweizer Erfindung ist, die auf der ganzen Welt als Erfolgsmodell vermarktet wird. Sogar Bundesrat, Bundesrätin oder CEO einer Grossbank kann man damit werden. Kein CEO lobt die schweizerische Innovationskraft und Wirtschaftsstärke, ohne sich dabei der Berufsbildung zu bedienen. Sogar der ehemalige NASA-Direktor lobt das Berufsbildungssystem. Trotzdem: Geprahlt wird mit der Matura gefühlt immer noch mehr als mit dem Lehrabschluss.


Es steht nicht zur Debatte, was denn nun besser sei. Vorliegende Frechheit soll anprangern, dass der Berufsbildung völlig zu Unrecht eine geringere Wertigkeit zugesprochen wird als dem Gymnasium und dem Studium. Dies führt dazu, dass eine grosse Anzahl Jugendlicher auf Druck der Eltern oder der sozialen Erwünschtheit einen unpassenden Bildungsweg einschlägt. Dies hat wiederum Abbrüche in den Gymnasien und während des Studiums zur Folge. Und dies wiederum resultiert in einem wirtschaftlichen Verlust und verpasster Lebenszeit. Auch die Berufsbildung verzeichnet teilweise eine hohe Abbruch- und Durchfallquote. Die Gründe sind divers. Doch ein Teil der Jugendlichen bricht auch hier ab, weil sie im falschen Beruf sind.

Die Quintessenz dieser Frechheit ist, dass die Bedeutung der kantonalen Berufsinformation nicht überschätzt werden kann. Sie kann einen grossen Beitrag gegen die Verschwendung öffentlicher und privater Gelder sowie Lebenszeit beitragen. Verwaltungen und Wirtschaft können sich eine Abwertung der Berufsbildung nicht leisten.

Serge Frech

Kolumnist Serge Frech ist seit 2018 Geschäftsführer von ICT-Berufsbildung Schweiz. Zuvor war er in verschiedenen Führungspositionen im Bildungsumfeld tätig, zuletzt für den Gebäudetechnikverband Suissetec, wo er das Departement Bildung leitete und Mitglied der Geschäftsleitung war. Davor war er stellvertretender Chef Ausbildung im militärischen Nachrichtendienst.

Kommentare
Den Artikel habe ich doch mit einigem Staunen gelesen. Als Leiter der Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung des Kantons Bern und Präsident der SK BSLB (Schweizerische Konferenz für Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung) stehe ich gerne dazu, dass das Erklärvideo im Kanton Bern entstanden ist. Zum Vorwurf, wir würden mit dem Video die Berufsbildung unterminieren, kann ich nur sagen: Honni soit qui mal y pense. Das Erklärvideo ist im Kontext einer ganzen Serie entstanden, bei der es darum geht, insbesondere Eltern mit Migrationshintergrund, die unser Bildungssystem nicht kennen, in verschiedenen Sprachen mit Themen rund um Berufswahl, Lehrstellensuche, etc., vertraut zu machen. Dabei geht es eben gerade darum, den hohen Stellenwert der Berufsbildung aufzuzeigen. Tatsächlich ist es - wie im Artikel korrekterweise dargestellt - bei verschiedenen Zielgruppen eine grosse Herausforderung, gegen Klischees zu Bildungswegen anzukämpfen. Allerdings müsste fairerweise für eine Beurteilung dieses Videos nicht nur über das Schlussbild, sondern über das ganze Video berichtet werden, das genau das betont: Berufsbildung wie die Mittelschulbildung sind bezüglich der Laufbahnperspektiven absolut gleichwertig. Dies belegen zahlreiche Studien, und schon fast wie ein Mantra predigen das die kantonalen Berufsberatungen daher auch seit vielen Jahren. Im Übrigen: Die Berufsbildung ist gelb und nicht (mit der "Vorsicht-Signalfarbe") orange eingefärbt. Orange leuchtet hingegen das Element der Fachhochschule (als tertiärer "Königsweg" nach einer beruflichen Grundbildung) und zieht wohl die Blicke etwas mehr auf sich als die graue Universität. Dennoch sind die Universitäten noch nicht bei uns vorstellig geworden, um zu monieren, wir würden mit der grauen Farbe suggerieren, eine Uni-Ausbildung sei gegenüber einem Studium an einer Fachhochschule völlig langweilig... Vielleicht aber sollten wir in Zukunft ausführliche Studien zu Interpretationsweisen von Farben und Formen ins Produktionsbudget von Erklärvideos aufnehmen ;-)
Mittwoch, 10. April 2024, Daniel Reumiller



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