Freigabe von Open Source Software in der Schweiz

Freigabe von Open Source Software in der Schweiz

5. Dezember 2020 - Alt und doch immer wieder neu: Open Source Software bewegt die IT-Branche seit über 20 Jahren. Der Beitrag zeigt auf, warum gerade die Freigabe von Open-Source-Lösungen durch Behörden und auch Unternehmen immer beliebter wird. Gesetzesrevisionen beim Kanton Bern und dem Bund ebnen dabei den Weg für Open-Source-Kollaborationen zwischen Verwaltungen und Open-Source-Anbietern.
Artikel erschienen in IT Magazine 2020/12
Ist Open Source Software nun ein alter Zopf oder ein brandaktuelles Thema? Beide Betrachtungsweisen stimmen: Es gibt unterdessen Open-Source-Projekte wie beispielsweise den Grafikeditor Gimp (GNU Image Manipulation Program), der gerade in diesen Wochen sein 25-jähriges Jubiläum feiert. Auch ist es bereits über zwanzig Jahre her, seit der Begriff Open Source durch die Open-Source-Initiative ins Leben gerufen wurde – im Informatik-Zeithorizont fast eine Unendlichkeit.

Und dennoch ist das Thema Open Source Software zurzeit so relevant wie nie zuvor: Noch nie gab es so viele Open-­Source-Projekte wie heute; gemäss der Open-Source-Informations-Plattform Open Hub sind es weltweit über 497´000 Projekte und auf Github sind gar über 128 Millionen öffentliche Repositories registriert. Der Einsatz von Open Source Software in Firmen und Behörden wächst gemäss der Schweizer Open-Source-Studie 2018 fortlaufend. Hatten beispielsweise 2012 erst 50 Prozent der befragten Organisationen ein Open-Source-Server-Betriebssystem wie Linux verwendet, waren es 2015 bereits 68 Prozent und im Jahr 2018 schon 71 Prozent. Man darf gespannt sein, wie sich diese und weitere Zahlen 2021 bei der erneuten Durchführung der Open-Source-Studie entwickeln werden.

Auch das öffentliche Verständnis für Software-Entwicklung nimmt zu und damit wird auch die Forderung nach Transparenz des Quellcodes immer präsenter. Sehr gut war dies jüngst bei der Lancierung der Swisscovid App sichtbar geworden: Es war eines der zentralen Argumente des Bundesamts für Gesundheit und der Entwickler bei der ETHZ und EPFL, dass sowohl die Algorithmen als auch der komplette Quellcode dieser Datenschutz-technisch heiklen Mobile App offengelegt und unter einer Open-Source-Lizenz veröffentlicht wurde. So konnten das Parlament, der Bundesrat, die Forschenden und die Unternehmen, welche die App entwickelten, der Bevölkerung glaubhaft vermitteln, dass sie keine Angst vor Datensammlungen durch den Staat oder Private haben mussten. Das Argument Open Source steht somit heute für Technologie-Transparenz und schafft dadurch Vertrauen und Akzeptanz.

Eigennützige Software-Geschenke

Wie der Bund die Swisscovid App unter einer Open-Source-Lizenz publiziert hat, so geben auch immer mehr Firmen und Behörden eigene Software-Entwicklungen als Open-Source-Lösungen frei. Dazu verwenden sie meistens eigene Profile auf Github, der weltweit grössten Open-Source-Entwicklungs-­Plattform. Der neue Schweizer Open Source Github Benchmark zeigt, dass Schweizer IT-Firmen, aber auch Hochschulen, Behörden, Medienhäuser oder Versicherungen, aktiv Open Source Software veröffentlichen. So kommt beispielsweise der Open-Source-Anbieter Camptocamp auf 719 Github-Repositories (­www.ossbenchmark.ch). Das aktivste Bundesamt, Swisstopo, und die SBB haben jeweils 66 Open-Source-Projekte freigegeben. Beeindruckend ist ebenfalls, dass auch vollständig privatwirtschaftliche Firmen aus der hoch kompetitiven Finanzbranche wie Baloise oder Axa Winterthur auf der Liste der Top 25 Schweizer Open Source Contributors erscheinen.

Da fragt man sich zurecht: Warum machen die das? Warum verschenken sogar gewinnorientierte Unternehmen ihre wertvolle, sehr aufwändig programmierte Software, sodass Konkurrenten diese einfach kopieren können? Das ist eine berechtigte Frage, die nicht intuitiv beantwortbar ist, und zudem sind die Motivationsgründe unterschiedlich: Einerseits bringt die verbreitete Anwendung von Software sozusagen automatisch bessere Qualität des Quellcodes hervor: Wird die Software von mehr Personen auf unterschiedlichsten Systemen getestet, werden Fehler schneller gefunden und Optimierungen eher umgesetzt. Dies hat schon Linus Torvalds erkannt: «With many eyeballs, all bugs are shallow.»

Andererseits bringt eine breit eingesetzte Software den Besitzern auch den Vorteil, dass diese die Kosten für die langfristige Weiterentwicklung nicht allein tragen müssen. So hat beispielsweise die Stadt Bern Ki-Tax, die Applikation für die Verwaltung der Gutscheine für Kindertagesstätten, auf ihrem Github-Profil veröffentlicht. Nun besteht die Erwartung, dass mittelfristig andere Städte die Software zunächst Nutzen und sich anschliessend an den Weiterentwicklungsarbeiten beteiligen. So werden diese Open-Source-Freigaben nicht aus Nächstenliebe erbracht, sondern wie ein Zeitungsartikel kürzlich trefflich formulierte, handelt es sich dabei um «Eigennützige Software-Geschenke». Gleichzeitig haben auch die Anbieter erkannt, dass sie durch die Open-Source-Lizenz die ursprünglich im Auftragsverhältnis entwickelte Software nun auch bei anderen Kundenprojekten einsetzen können. So hat die Firma DV Bern, die als Entwickler von Ki-Tax ursprünglich eher erschrocken war ob den Open-Source-Plänen der Stadt Bern, letztlich den eigenen Business-Nutzen des neuen Open-Source-Projekts erkannt.

Und drittens sind Firmen auf Github deshalb aktiv mit Open-Source-Publikationen, weil sie sich dadurch mehr Visibilität und damit Arbeitgeber-Attraktivität versprechen. Bekanntlich herrscht in der Informatikbranche weiterhin ein Fachkräftemangel, insbesondere wenn es um sehr spezialisierte Entwickler von Open-Source-Technologien geht. Da sich diese Top-Leute quasi den Arbeitgeber aussuchen können, ist es für sie wichtig, dass auch die Developer-Philosophie des Jobs passt. Ist nun ein IT-Anbieter oder auch ein anderer IT-Arbeitgeber wie eine Versicherung oder eine Behörde auf Github mit vielen Repositories und involvierten Members präsent, so ist zu erwarten, dass dort eine lebendige Open-Source-Entwicklerkultur herrscht, was attraktiv ist für gute Fachleute.
 
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