CIO-Interview: 'Eine Befehlskultur gibt es hier nicht'
Quelle: Meyer Burger

CIO-Interview: "Eine Befehlskultur gibt es hier nicht"

Jonas Reusser ist seit sechs Jahren Head of Global IT beim internationalen Photovoltaik-Spezialisten Meyer Burger und versucht jeweils, ganz nach dem Credo des Unternehmens, global zu denken und lokal zu agieren.
4. März 2017

     

Swiss IT Magazine: Die Solarpanel-Industrie steht seit einigen Jahren unter einem enormen Preisdruck. Inwiefern hat dies auch Einfluss auf die IT von Meyer Burger?
Jonas Reusser: Die grosse Herausforderung besteht in der Branche vor allem darin, dass man die IT nicht nur als Kostenfaktor, sondern als Business-Enabler sieht. Durch die Informatik bekommen Firmen in vielen Fällen die Möglichkeit, Kosten zu sparen. Jedoch müssen dafür zuerst Investitionen getätigt und Prozesse etabliert werden. In solchen Fällen ist langfristiges Denken angesagt. Während der heissen Wachstumsphase der Photovoltaikindustrie kamen gewisse Aspekte allenfalls zu kurz. 2011 hat Meyer Burger zeitweise wöchentlich über 40 Maschinen für die Solarindustrie zusammengebaut und ausgeliefert. Ab dem Jahr 2012 erlebte die Photovoltaikindustrie ein überraschend schnelles Abflauen, vor allem wegen den grossen Überkapazitäten, die bei Solarzell- und Solarmodulherstellern während des Solarbooms aufgebaut worden waren. Der Markt wurde sehr volatil, und entsprechend zurückhaltend reagierten die Kunden von Meyer Burger in Bezug auf Bestellungen von neuem Produktionsequipment. Allerdings führt der anhaltende Wachstumstrend im Bereich der neu installierten Photovoltaik-Leistung bei privaten und kommerziellen Endkunden dazu, dass sich die Nachfrage- und Angebotssituation für Solarzellen und -module ausbalanciert und die Hersteller weltweit wieder in Produktionskapazitäten investieren. Mit unserem breiten Technologieportfolio sind wir bestens positioniert, um von diesem Wachstum zu profitieren.

Sie sind seit sechs Jahren bei Meyer Burger tätig und haben die Auswirkungen des Photovoltaik-Booms miterlebt. Was hat sich seit dieser Zeit geändert?
Als ich ins Unternehmen kam, hat man sich bereits voll auf den globalen Markt konzentriert und begonnen, den Standort Thun mit den internationalen Niederlassungen zu vereinheitlichen. Damals war die IT-Infrastruktur aber noch weniger auf ein globales Unternehmen ausgelegt. Es war also entscheidend, dass wir schnell eine IT-Infrastruktur aufbauen konnten, die den globalen Anforderungen gerecht wurde.


Wie ist die Informatik bei Meyer Burger heute aufgestellt?
Auf der einen Seite gibt es das IT-Operations-Team inklusive dem Servicedesk, das als klassischer, interner Dienstleister fungiert und Tools und Services für das Tagesgeschäft von Meyer Burger bereitstellt, kontrolliert und wartet. Zudem haben wir auch ein IT-Business-Applica­tion-Team, welches sich um Anwendungen wie etwa SAP kümmert. Neben der konventionellen IT haben wir in den eigenen Forschungs- und Entwicklungsabteilungen diverse IT-nahe Funktionen, welche unsere Kunden bei der Industrialisierung ihrer Produktionsprozesse unterstützen. Dafür ist unter anderem auch die Meyer Burger Tochtergesellschaft AIS verantwortlich, welche als eigenständige Firma fungiert. Sie kümmert sich bei Meyer Burger kurz und knapp ausgedrückt um das Thema Industrie 4.0.
Thun ist der Hauptsitz von Meyer Burger. Bevor man die Unternehmen in Thun, dem deutschen Hohenstein-Ernstthal und Shanghai IT-technisch zusammengeschlossen hat, hatten alle drei Standorte ihre eigene IT-Abteilungen und -Strategien. Auch nach dem Zusammenschluss haben die Niederlassungen ihre Unabhängigkeit ein Stück weit behalten, und man hat erst mit der Zeit mit der Harmonisierung und Zentralisierung begonnen. Die zentralen SAP-Systeme sowie gewisse Infrastrukturservices werden von Thun aus betreut. Aufgrund der Grösse des Standorts Hohenstein-Ernstthal gibt es Services, die lokal im dortigen Datacenter betrieben werden.

Was haben Sie und Ihr Team im Harmonisierungsprozess vereinheitlicht?
Mit der vertieften Integration der verschiedenen Standorte haben wir in den vergangenen sechs Jahren einen globalen Verkauf und globale Services sowie eine globale IT aufgebaut. Durch die Tatsache, dass wir damals schnell gewachsen sind, haben wir zuerst einige Projekte mit Hilfe von externer Unterstützung realisiert, gleichzeitig jedoch ein internes SAP- sowie ein Infrastruktur- beziehungsweise Operations-Team in Thun und in Hohenstein-Ernstthal aufgebaut. In Shanghai kümmern sich zwei Personen fix um die IT-Aspekte.


In welchen Bereichen kaufen Sie externes Know-how ein?
Unter anderem bei SAP- oder Netzwerk­themen profitieren wir von externem Know-how. Auch beispielsweise bei Sharepoint und System-Center-Projekten arbeiten wir mit externen Partnern zusammen, welche in diesen Themengebieten bereits in anderen Unternehmen Erfahrung gesammelt haben.

Für wie viele Mitarbeiter stellen Sie IT bereit?
Für insgesamt etwa 1000 Arbeitsplätze und SAP-User.

Wie sieht die interne IT-Infrastruktur bei Meyer Burger aus?
Die meisten Mitarbeiter von Meyer Burger sind mobil unterwegs und häufig bei Kunden, egal ob im Verkauf oder Service. Rund 70 Prozent aller Geräte sind deswegen Notebooks, was einer hohen Notebook-Dichte entspricht. Die restlichen 30 Prozent Desktop-Computer werden zu einem grossen Teil von den Entwicklern, die unter anderem mit CAD arbeiten, benutzt.
Die Server betreiben wir intern. Wir haben hier in Thun das Hauptdatacenter sowie eines in Hohenstein-Ernstthal. Beide Standort-Datacenter sind mit einem jeweiligen Backup- beziehungsweise Zweit-RZ ergänzt. An sämtlichen Service- und Sales-Lokationen und an den kleineren Entwicklungsstandorten haben wir zudem Small-Networking-Installationen inklusive Server und Back-up-NAS für die lokale File-Ablage installiert.

Was zeichnet die IT bei Meyer Burger aus?
Wir probieren in globalen Standards zu denken, jedoch lokal zu agieren. Dies spiegelt sich beispielsweise im First Level Support wider. Wir haben in Thun sowie in Hohenstein-Ernstthal je einen lokalen Servicedesk. Zudem kümmern sich auch in China zwei Mitarbeitende um den First Level Support der asiatischen Niederlassungen. Ich denke, dass wir im Branchenvergleich sehr schlank aufgestellt sind. Insgesamt sind an allen Standorten zusammen rund 25 Personen für die IT des Unternehmens zuständig – Praktikanten und Lernende mit inbegriffen. Dazu kommen gezielt die erwähnten Partner, welche externes Know-how in die Firma bringen. Nicht in diese Zahl eingerechnet sind die IT-nahen Entwicklungseinheiten sowie die zu uns gehörende Firma AIS.


In vielen Unternehmen hat die IT ein schwieriges Standing. Wie sieht es bei Meyer Burger aus?
Die Informatik in einem Unternehmen ist in meinen Augen immer ein Zusammenspiel zwischen Business und der klassischen IT. Durch das Wachstum und die Internationalisierung des Unternehmens mussten wir gewisse Prozesse optimieren und harmonisieren. Dies ist aber nicht auf Anweisung oder Befehl entstanden, denn eine Befehlskultur gibt es hier nicht. Es ist vielmehr ein gemeinsames Erarbeiten von Aufstellungsmöglichkeiten, die uns erlauben, auf einem schnelllebigen Markt zu bestehen. Diese Kultur bedingt aber auch, dass alle Stellen verstehen, um was es in den Projekten konkret geht, und diese auch befürworten.

Meyer Burger ist ein internationaler Konzern. Bei wem müssen Sie die Interessen der IT vertreten?
Wir sehen uns viel mehr als globales Unternehmen, welches lokal agiert. Die IT war lange Zeit, und ist nun wieder, dem CFO unterstellt. Im 2015 wurde die COO-Rolle eingeführt, der auch die IT vorüber­gehend angegliedert wurde. Damit hat man die Bindung zum Business gestärkt. Es ist sicherlich vorteilhaft, dass Meyer Burger ein Technologieunternehmen ist, bei dem das Verständnis gegenüber der IT vorhanden ist. So muss ich auch nicht bei jedem Projekt Überzeugungsarbeit leisten. Die Mitarbeitenden wollen über Veränderungen informiert werden. Im Sinne des klassischen Change-Managements ist es wichtig, dass alle verstehen, in welche Richtung das Unternehmen Meyer Burger geht. Teil meiner Rolle ist es, sicherzustellen, dass die Kommunikation funktioniert und die Mitarbeitenden miteinbezogen werden.


Mit welchen Projekten beschäftigen Sie sich im Moment?
Eine grosse Initiative ist nach wie vor die Weiterführung der Prozessharmonisierung in unserem Unternehmen. Dabei geht es vor allem um den Abschluss der Zusammenführung von Prozessen sowie der Infrastruktur von den Standorten Thun und Hohenstein-Ernstthal. Letztes Jahr konnten wir an diesem Standort beispielsweise eine komplette SAP-Integration abschliessen. Künftig sollen noch weitere Prozesse zum Beispiel im Verkauf oder dem Service zusammengeführt und weiter digitalisiert werden. Zudem gibt es Projekte, bei denen wir mit der Harmonisierung begonnen haben, aufgrund von fehlender Zeit und Arbeitskraft bis anhin aber nicht in die Tiefe gehen konnten und dies in einem nächsten Schritt tun wollen.

Auf welche Projekte sind Sie besonders stolz?
Es gab durchaus einige Projekte, die für unser kleines IT-Team sehr fordernd waren und bei denen wir im Nachhinein grosse Freude hatten, dass sie so gut über die Bühne gegangen sind. Dazu gehört sicherlich der Umzug in das neue Gebäude von Meyer Burger in Thun, wo mehrere Schweizer Standorte von Meyer Burger zusammenkamen. Beim neuen Gebäude haben wir den Aufbau der IT-Infrastruktur selbst geplant und waren auch für die Konzeption des Datacenters verantwortlich. Zudem mussten wir schauen, dass der Umzug möglichst reibungslos über die Bühne geht und die Systeme normal weiter funktionieren.
Dazu kommen die vielen Harmonisierungsprojekte, die nicht zuletzt aufgrund der guten Arbeit aus meinem Team erfolgreich über die Bühne gehen. Zudem profitiere ich persönlich von jedem Projekt und entwickle mich weiter.


Welche Projekte haben Sie besonders gefordert?
Nicht in erster Linie die Projektorganisation fordert mich am stärksten, sondern vielmehr die Vereinbarung der Prozesse mit dem Aspekt des herrschenden Kostendrucks in der Industrie. Dies stellt mich und mein Team immer wieder mal vor Herausforderungen. Wir müssen nicht selten Anforderungen gemeinsam mit dem Business herunterschrauben und wollen trotzdem die ideale Lösung für alle Seiten finden. In meiner Zeit bei Meyer Burger habe ich rasch gelernt, nicht alles nur durch die IT-Brille zu sehen.

Welche IT-Themen werden sich in Zukunft etablieren?
Was auf dem Markt und auch intern immer wichtiger wird, ist das Thema IT-Sicherheit. Das Bewusstsein, dass es in IT-Infrastrukturen Lücken gibt, muss wachsen. Durch die Industrie-4.0-Thematik werden die Angriffsmöglichkeiten für Cyberkriminelle natürlich unter Umständen sogar grösser. Meyer Burger zeichnet sich unter anderem durch breites Prozess-Know-how aus, und dies gilt es möglichst gut zu schützen. In einer Industrie mit Kostendruck ist es nicht immer einfach, abzuwägen, auf was man sich prioritär konzentrieren sollte. Ich denke, wir finden auch diesbezüglich immer eine gute Balance zwischen Must und Nice-to-have. Apropos Balance: Im Themengebiet IT-Sicherheit ist das Gleichgewicht zwischen Handlungsspielraum der einzelnen Mitarbeitenden und der Sicherheitseinschränkungen ebenfalls eine spannende Herausforderung.


Cloud ist in Ihren Augen kein Thema?
Cloud ist immer wieder Mal ein Thema. Persönlich denke ich, dass der Gang in die Cloud weniger schnell vonstatten geht, als dass es sich einige IT-Dienstleister vorgestellt haben. Ich denke, dass Unternehmen gerne verstehen, wo die Daten gespeichert sind und was mit ihnen geschieht. Und die Cloud ist diesbezüglich weniger transparent.
Die zentralen IT Services bei Meyer Burger sind alle auf On-Premise-Systemen aufgebaut. Als wir vor sechs Jahren mit der Harmonisierung der einzelnen Prozesse und Systeme begonnen haben, haben wir uns bewusst für den Inhouse-Betrieb der IT entschieden, da wir so am flexibelsten sind. Nun sind wir so weit, dass sich gewisse Prozesse, auch auf Kundenseite, klar etabliert haben, so dass wir uns überlegen können, ob wir gewisse Services künftig nicht aus der Cloud anbieten möchten. Hinsichtlich der Sicherheitsfragen sowie der rechtlichen Situation eines Cloud-Betriebs müssen in den kommenden Jahren einige Grundsatz­entscheidungen gefällt werden. Das gilt aber nicht nur für Meyer Burger, sondern für diverse Unternehmen.

Zum Unternehmen

Meyer Burger ist ein welt­weit aktives Technologie­unternehmen für Systeme und Prozesse auf Basis von Halbleitertechnologien mit Hauptsitz in Thun. Ihr Fokus liegt auf der Photovoltaik (Solarindustrie). Das Angebot von Meyer Burger umfasst das Spektrum an Systemen, Produktionsanlagen und Dienstleistungen entlang der Wertschöpfungskette in der Photovoltaik und umfasst die Prozesse Wafering, Solarzellen, Solarmodule und Solar­systeme. Meyer Burger ist in Europa, Asien und Nord­amerika in den jeweiligen Schlüsselmärkten vertreten. (asp)



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