Virtuelle Desktops für globalen Zugriff

Der Energiekonzern ABB stellt seit kurzem Benutzer-Arbeitsplätze weltweit als virtuelle Desktops bereit, die in einem Rechenzentrum in der Schweiz betrieben werden.
7. Juli 2011

     

Der Energie- und Automationstechnikkonzern ABB beschäftigt rund 124’000 Mitarbeiter in über 100 Ländern und erwirtschaftete im Jahr 2010 einen Gesamtumsatz von über 31,5 Milliarden US-Dollar. In dieses globale Netzwerk ist auch die Schweizer Landesgesellschaft mit Sitz in Baden eingebunden. ABB Schweiz trägt innerhalb dieses Konzernverbunds die weltweite Verantwortung für zahlreiche Produkte und Systeme.
Die Globalisierung hatte in den vergangenen Jahren erheblichen Einfluss auf die Geschäftsentwicklung von ABB. Der weltweit steigende Energiebedarf, die zunehmende Integration erneuerbarer Energien und die ständige Weiterentwicklung intelligenter Netze eröffneten dem Konzern neue Marktchancen.
Ein ständig wachsender Umsatzanteil wird dabei mittlerweile in aufstrebenden Regionen wie China und Indien erzielt. Um näher an den Kunden in diesen Wachstumsmärkten zu sein und gleichzeitig möglichst kosteneffizient arbeiten zu können, wurde entschieden, ein Global Engineering Center für die Geschäftseinheit Power Electronics & Medium Voltage Drives im indischen Bangalore zu eröffnen. Der Zeitplan für das Projekt war relativ knapp bemessen: Innerhalb von sieben Monaten sollten die Mitarbeiter in Indien die Arbeit aufnehmen.

Netzwerk als Nadelöhr für Globalisierungsprojekt

Für die zuständige IT-Organisation in der Schweiz war dies mit enormen Herausforderungen verbunden. Die Anwender in Indien benötigten Zugang zu zahlreichen Geschäftsanwendungen – insbesondere den CAD-Applikationen Solid Edge und E3.series. Die zentralen Engineering-Datenbanken für diesen Bereich wurden allerdings bisher ausschliesslich in der Schweiz betrieben. «Die firmeninterne Netzwerk-Infrastruktur stellte in dieser Situation natürlich einen Flaschenhals dar», erklärt Adrian Seiler, IS-Manager bei ABB in der Schweiz. «Unsere WAN-Verbindungen sind grundsätzlich nicht dafür ausgelegt, dass umfangreiche Konstruktionspläne für jeden Bearbeitungsschritt von der Schweiz nach Indien und wieder zurück übertragen werden.»
Ein mögliches Lösungsszenario wäre gewesen, eine lokale Datenbank in Indien aufzubauen und diese über Replikationsmechanismen mit den Datenbanken in der Schweiz zu verbinden. Die dafür notwendigen Anpassungen an Prozessen und Informationsflüssen wären allerdings in dem kurzen Projektzeitraum nicht zu schaffen gewesen. Zudem hätte auch diese Lösung für erhebliches Datenaufkommen im WAN gesorgt.
Die IT-Verantwortlichen befassten sich daher mit anderen technischen Möglichkeiten, um die Distanz zwischen Indien und der Schweiz zu überbrücken. «In einigen Unternehmensbereichen setzen wir bereits seit Jahren Citrix Xenapp ein, um Standard-Applikationen wie Microsoft Office oder SAP zentral für verteilte Standorte bereitzustellen», so Seiler. «Unsere Idee war nun, die CAD-Anwendungen ebenfalls per Remote-Zugriff in Indien zugänglich zu machen. Aufgrund der hohen Ressourcen-Anforderungen der Applikationen war eine reine Xenapp-Lösung dafür allerdings nicht geeignet. Wir entschieden uns daher, die Einsatzmöglichkeiten der neuen HDX-3D-Technologie von Citrix Xendesktop zu evaluieren.»
HDX 3D Pro Graphics ist ein Feature der Desktop-Virtualisierungslösung Xendesktop, das es ermöglicht, auch High-End-Applikationen über LAN- und WAN-Verbindungen zur Verfügung zu stellen. Typischerweise handelt es sich dabei um OpenGL- oder DirectX-basierte Grafikanwendungen, die die Hardware-Beschleunigung eines eigenen Grafikprozessors erfordern. Mit HDX 3D lassen sich diese Applikationen im WAN bereits ab einer Bandbreite ab 2 Mbit pro Anwender performant nutzen. Die Citrix-Technologie unterstützt dabei auch grosse geografische Distanzen und Roundtrip-Latenzen von bis zu 200 Millisekunden.

Testumgebung aufgebaut

Mit fachlicher Unterstützung durch Citrix Consulting baute die IT-Abteilung von ABB Schweiz zunächst eine Testumgebung für ihr konkretes Anwendungsszenario auf. Als erstes wurde dabei der Desktop Delivery Controller von Citrix Xendesktop eingerichtet: Diese Server-Komponente hat die Aufgabe, die Verbindung zwischen den Anwendern und den zentral betriebenen Desktops und Applikationen herzustellen. Die eigentlichen CAD-Arbeitsplätze – Windows XP Desktops mit allen benötigten Anwendungen – wurden auf leistungsfähigen IBM-Workstations in einem externen Rechenzentrum installiert. Jeder der Rechner war mit einer Nvidia-Quadro-FX-Grafikkarte ausgestattet, die die Compute Unified Device Architecture (CUDA) unterstützt. Auf diesen Workstations implementierte das Projektteam dann den Virtual Desktop Agent (VDA) von Xendesktop sowie die HDX 3D Pro Graphics Software. Die HDX-3D-Komponente komprimiert die Grafikdaten, bevor diese vom Host-Rechner über das Netzwerk an den Benutzer gesendet werden. In Verbindung mit der CUDA-Technologie kann HDX 3D dabei zusätzlich die Rechenkapazitäten der GPU für die Komprimierung der gerenderten CAD-Grafiken nutzen. Auf diese Weise lässt sich der Bandbreitenbedarf minimieren und eine hohe Performance beim WAN-Zugriff sicherstellen. Die Dekomprimierung des Datenstroms übernimmt dann der HDX 3D Pro Graphics Client, der auf dem Endgerät des Benutzers installiert ist.

Performance und Benutzerkomfort als entscheidende Faktoren

Die Client-Hardware des Endanwenders muss für die Darstellung der Applikationen nicht über einen speziellen Grafikprozessor verfügen. ABB arbeitete im Rahmen des Testszenarios meist mit Standard-Notebooks. Angeschlossen wurden allerdings jeweils ein grosser externer Bildschirm sowie eine 3D-Maus, wie sie üblicherweise für CAD-Anwendungen verwendet wird. «Wir mussten natürlich auch den Nachweis erbringen, dass der Benutzerkomfort durch die Lösung nicht eingeschränkt wird», erklärt Manuel Killer, CAx Technology Responsible der Local Division DM von ABB in der Schweiz. «Daher war es wichtig, von Anfang an unter möglichst realistischen Bedingungen zu testen. Xendesktop und die HDX-3D-Technologie konnten dabei die IT-Verantwortlichen überzeugen: «Die ersten Eindrücke in unserer LAN-Umgebung waren bereits beeindruckend – die Desktop-Performance und die Integration der Peripheriegeräte funktionierten», berichtet Manuel Killer. «Auch die Testanwender in Indien bestätigten uns, dass sie mit der Citrix-Technologie produktiv arbeiten können. Innerhalb eines relativ kurzen Zeitraums hatten wir damit eine Lösung gefunden, die unseren Anforderungen entsprach.»
ABB war so in der Lage, das neue Global Engineering Center termingerecht in Betrieb zu nehmen. Die Xendesktop-Infrastruktur bietet dem Unternehmen nicht nur die benötigte Anwendungs-Performance, sondern auch ein hohes Mass an Sicherheit. Sen­sible Konstruktionsdaten verbleiben stets im geschützten Rechenzentrum und können nicht auf möglicherweise unsicheren Endgeräten gespeichert werden. Zudem profitiert ABB von der Flexibilität der Lösung: Als wenige Monate nach dem Pilotprojekt ein neues Forschungs- und Entwicklungs-Team in Polen aufgebaut wurde, erweiterte die IT-Organisation einfach die Infrastruktur und stellte die CAD-Arbeitsplätze für die zusätzlichen Anwender ebenfalls von der Schweiz aus bereit.

Lösung auch für lokale CAD-Arbeitsplätze interessant

Um die wachsende Anzahl an Host-Rechnern künftig noch effizienter managen zu können, planen die IT-Verantwortlichen in Kürze den Einsatz der Provisioning Services von Citrix Xendesktop. Die Technologie ermöglicht es, ein Master-Image des Benutzer-Desktops on demand auf beliebig viele physische oder virtuelle Rechner zu streamen. Änderungen an der Software-Konfiguration müssen so nicht mehr an jedem einzelnen Desktop, sondern nur noch einmal am Master-Image vorgenommen werden.
Aufgehoben werden soll damit auch die feste Zuordnung der physischen Workstations zu bestimmten Anwendern. Erst beim Login-Vorgang wird dem Benutzer künftig ein Desktop aus dem vorhandenen Pool zugewiesen. In das Basis-Image lädt Xendesktop dann die individuellen Einstellungen und Profilinformationen des Benutzers. Dieses Desktop-Pooling kann dem Unternehmen künftig helfen, Kosten zu sparen. Die IT-Organisation muss grundsätzlich nicht für jeden Anwender eine physische Workstation bereithalten, sondern nur für die maximale Anzahl an gleichzeitigen Benutzern.
«Die Xendesktop-Lösung wird künftig auch für unsere lokalen CAD-Arbeitsplätze in der Schweiz sehr interessant», erklärt Adrian Seiler. «Bisher müssen wir uns häufig noch mit den Besonderheiten der heterogenen Client-Hardware auseinandersetzen – das neue Desktop-Konzept bietet den Anwendern dagegen eine einheitliche Plattform, hohe Performance und zudem die Flexibilität, an jedem Ort arbeiten zu können.» (abr)



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