Von Windows zu Linux: Für viele Firmen kein Problem

Immer mehr Unternehmen setzen auf Linux statt Windows, und das nicht nur im Serverbereich. Wir stellen drei Pioniere vor, die den Sprung gewagt haben.

Artikel erschienen in Swiss IT Magazine 2000/41

     

Marktforschern zufolge werden Linux und Windows 2000 den künftigen Unternehmensmarkt unter sich aufteilen. Die Einnahmen aus dem Verkauf von Linux sollen dabei in den nächsten vier Jahren um rund 180 Prozent zunehmen. Was im Servermarkt bereits Realität ist, soll sich auch auf den Desktops vollziehen: Linux wird die vollwertige Alternative zur Windows-Monokultur.



Ganz so weit ist es noch nicht. Noch führt der Riese Microsoft mit seinen Windows-Versionen den gesamten Betriebssystemmarkt deutlich an, komplette Linux-Netze finden sich in Unternehmen und Dienstleistungsbetrieben noch kaum, und wer den Schritt hin zur OS-Alternative wagt, erhält zwar vielfach Anerkennung für diese Pionierleistung, wird in gewissen Kreisen aber dennoch belächelt.




Die Zahl der Pioniere aber steigt. Immer mehr Informatikverantwortliche, aber auch Manager und Kaderleute erkennen die Vorzüge von Linux, darunter die höhere Stabilität und die bessere zentrale Verwaltbarkeit. Und natürlich die niedrigeren Gesamtkosten.


Elektro-Material: Zentrales Management erforderlich

So beispielsweise die Firma Elektro-Material AG (EM), das führende Grosshandelsunternehmen der schweizerischen Elektro-Installationsbranche.



Mit rund 380 Angestellten in sieben über die ganze Schweiz verstreuten Niederlassungen sowie dem Hauptsitz in Zürich wurden die Ansprüche an die Informatik-Infrastrukur immer grösser: Das alte AS/400-Netz, ergänzt durch rund 150 PCs mit Windows NT, vermochte den Anforderungen nicht mehr zu genügen, weshalb sich die Geschäftsleitung entschied, auf eine modernere, unternehmensweite Netzwerk-Lösung mit Datei-, Druck- und Mail-Services für jeden Desktop zu setzen. Einer der wichtigsten Ansprüche an die neue Infrastruktur war die zentrale Verwaltbarkeit.




Schon bald zeigte sich, dass dafür eine Windows-Lösung nicht in Frage kam: Das Ziel einer Umgebung mit Servern in jeder Filiale, die vom Hauptsitz aus zentral gewartet werden sollten, hätte nur mit Windows NT Terminal Server Edition (TSE) realisiert werden können, was wiederum massive Investitionen in die bestehende Netzinfrastruktur nach sich gezogen hätte. Als gangbare Alternative zeichnete sich dagegen eine Installation unter Red Hat Linux ab.



Wie Peter Stevens von der für das Projekt verantwortlichen Firma SFI Open Source Services erläutert, hätte eine Windows-Migration bis zu dreimal mehr gekostet als der letztlich gewählte Weg mit Red Hat Linux. Dazu kam der Zeitpunkt der geplanten Umstellung im Juli 1999: Es war einerseits zu spät für Windows NT, andererseits aber auch zu früh für Windows 2000.




Windows-Integration per Samba

Aufgrund dieser Vorgaben entwickelte SFI eine Lösung, bei der das bestehende Netzwerk ebenso wie die vorhandenen PCs weiter verwendet wurden.



Das SFI-Konzept basiert auf acht Dell-4300-Servern mit 450 MHz, 256 MB RAM sowie Red Hat Linux, die zentral über das selbst entwickelte Open-Source-Werkzeug SFI Director gewartet werden. Die File- und Print-Dienste werden durch die Open-Source-Standardlösung Samba-Server sichergestellt, was nebst einer unternehmensweiten Datenspeicherung auch volle Unterstützung für Roaming User gewährleistet. Des weiteren bietet die Lösung eine automatisierte zentrale Benutzerverwaltung, lokale Mail-, DNS- und Proxy-Dienste sowie die Möglichkeit, Server automatisch aufzusetzen.




Bereits Ende September 1999, bloss zwei Monate nach Projektbeginn, konnte EM das neue System in Betrieb nehmen. Heinz Frei, EDV-Verantwortlicher bei EM, ist mit der installierten Lösung vollauf zufrieden: "Diese Lösung ermöglicht trotz dezentral installierter Server eine einfache, zentralisierte Verwaltung, garantiert eine hohe Stabilität und ist kostengünstig, da die benötigten Dienste pro Niederlassung durch einen Server abgedeckt werden konnten. Die Linux-Umgebung deckt unsere heutigen Bedürfnisse voll ab und stellt zugleich eine offene Plattform für zukünftige Anforderungen dar."




IVI: Hochverfügbarkeit als Bedingung

Eine fast reine Linux-Umgebung hat SFI dagegen im Institut für Virenkrankheiten und Immunprophylaxe (IVI) implementiert. Die Mitarbeiter dieser Forschungsanstalt des Bundesamtes für Veterinärwesen han


Die vom SFI installierte Lösung umfasst neben 85 Linux-Arbeitsplätzen innerhalb der Laboratorien zehn Linux-Server, die ausserhalb des Hochsicherheitstrakts stehen. Sämtliche dieser Pentium-III-Maschinen von Dell lassen sich über SFI Director zentral fernwarten, Applikationen im gesamten Netz können über ein einziges Kommando aufdatiert oder neu installiert werden. Sollte ausserdem eine Maschine ausfallen, lässt sie sich innerhalb von wenigen Minuten ersetzen und wieder einsatzbereit machen.



Ergänzt wird das Linux-Netzwerk durch einige Windows-Server, die Office-Anwendungen übers Netz zur Verfügung stellen und generell für die Wahrung der Kompatibilität mit dem restlichen Netzwerk des Bundes zuständig sind.




Die im Zuge einer Modernisierung der alten Next-Infrastruktur erfolgte Installation des Red-Hat-Linux-Netzes nahm, über sechs Monate verteilt, zirka 240 Manntage in Anspruch. Ganz ohne Probleme ging das allerdings nicht vonstatten: Eine Hürde, die die SFI-Techniker erst nehmen mussten, war etwa die benötigte Dreisprachigkeit der Installation. Ausserdem konnte kein deutschsprachiger Mail-Client gefunden werden - ein Problem, das sich erst mit einer neuen deutschen Netscape-Version löste.




ZLI: Microsoft-freie Zone

Einen anderen Ansatz hat Jean-Pierre Kousz gewählt, Leiter des Basislehrjahrs Informatik bei der Zürcher Lehrmeistervereinigung Informatik (ZLI). Das Basislehrjahr, ein Pilotprojekt des Bundesamtes für Berufsbildung und Technologie, hat das Ziel, mehr Ausbildungsplätze für Informatiker und Geräteinformatiker zu schaffen. Da das erste Lehrjahr sehr ausbildungs- und betreuungsintensiv ist und deshalb viele Betriebe davon abhält, Lehrlinge einzustellen, bietet das Basislehrjahr die Möglichkeit, die Grundausbildung in einem von drei Ausbildungszentren zu absolvieren. Derzeit nehmen ca. 120 Lehrlinge dieses Angebot war.



Noch vor anderthalb Jahren arbeitete man beim Basislehrjahr-Projekt im administrativen wie auch im Ausbildungsbereich nur mit NT-Servern. Dann wurde zunächst der Administrationsserver auf Linux migriert, in einem zweiten Schritt hat man diesen ausgebaut und zu einem kompletten Fileserver aufgerüstet, und schliesslich wurden auch die Server des Einführungskurses entsprechend angepasst. Dafür stand nicht mehr Zeit als sechs Wochen während der Sommerferien zur Verfügung.




Entscheidend für diese schnelle Umstellung war das bereits vorhandene Know-how des ZLI-Basislehrjahrleiters Kousz, der nicht nur für die Umstellung der Informatik-Infrastruktur verantwortlich zeichnete, sondern auch einige Intranet-Anwendungen schrieb: Neben einer Ressourcenverwaltungslösung mit Lehrlingsdatenbank handelt es sich dabei insbesondere um ein einfaches Managementsystem, mit dem sämtliche Rechner im Netzwerk zentral gewartet werden können.




Linux auch auf dem Desktop

Heute verfügt das Projekt Basislehrjahr Informatik über eine - zumindest im Serverbereich - komplett Microsoft-freie Zone. Herzstück des Netzes ist eine Dual-Pentium-Maschine mit zwei Pentium-III/500-CPUs, 256 MB RAM sowie RAID5, die als Fileserver eingesetzt wird, die restlichen Server sind Standardmaschinen mit unterschiedlichen Konfigurationen.



Auch auf den Desktops der Lehrlinge ist fast überall Linux zu finden. Das ist auch einer der Gründe, weshalb man beim ZLI-Basislehrjahr auf Linux setzt: Eine Standarddistribution bietet gemäss Jean-Pierre Kousz alles, was seine Lehrlinge für ihre Ausbildung brauchen, angefangen bei hervorragenden C++-Compilern über Office-Software bis hin zum Open-Source-Grafikprogramm Gimp, und das kostenlos.




In einem Microsoft-Umfeld dagegen müsste die ZLI teure Lizenzen bezahlen, und die Lehrlinge hätten erst noch kaum eine Möglichkeit, sich die Programme auch für den privaten Gebrauch anzuschaffen, ohne eine Menge Geld los zu sein.



Natürlich spielen auch ausbildnerische Gründe eine Rolle. So wird beim Basislehrjahr etwa Wert darauf gelegt, dass Informatik - anders als heutzutage schon fast üblich - nicht mit Microsoft gleichgesetzt werden darf. Im Gegenteil: Gerade mit den Microsoft-Betriebssystemen sei es schwierig, interne Vorgänge wie beispielsweise die Interprozesskommunikation zu lehren. Linux dagegen bietet hier hervorragende Möglichkeiten und dient als Exempel für die ganze Host-Welt und damit auch für andere Betriebssysteme.



Als OS kommt im ZLI-Basislehrjahr generell Suse Linux zum Einsatz, und zwar weniger aus ideologischen als vielmehr aus historischen Gründen: Bis vor kurzem war Suse die einzige grosse Distribution, die mit einem deutschen Handbuch ausgeliefert wurde.




Ohne Windows geht's nicht

Die von uns in dieser Fallstudie vorgestellten Linux-Migrationen zeigen vor allem zweierlei: Einerseits geht es nur in den seltensten Fällen ohne Windows. Das heisst, dass auch in ansonsten reinen Linux-Umgebungen noch einige Windows-Maschinen benötigt werden, um die Kompatibilität mit der grossen Masse von Systemen zu gewährleisten.



Andererseits fällt auf, dass in den drei Projekten offenbar kaum Probleme auftauchten. Das liegt nicht zuletzt an der grossen Kompetenz der Projektleiter: Jean-Pierre Kousz arbeitet seit rund 20 Jahren grösstenteils mit Unix und Linux, und Peter Stevens ist einer der bekanntesten Linux-Exponenten in der Schweiz.




Firmen, die selber eine Migration von Windows auf Linux in Betracht ziehen, können dagegen auf ganz andere Schwierigkeiten stossen: Probleme könnten sich etwa bei der Migration von Verzeichnisdiensten ergeben, aber auch durch unter Linux nicht vorhandene, geschäftskritische Anwendungen wie etwa Finanzbuchahltungslösungen. Hier gilt es zuerst, abzuklären, ob alle benötigten Applikationen vorliegen, bevor eine Migration in Frage kommt.



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