Investition in Bioinformatik

ETH Zürich sieht sich gezwungen, ein Institut für Systembiologie in Basel mitzufinanzieren.

Artikel erschienen in Swiss IT Magazine 2003/15

     

Für Paul Herrling, Chef der 3,5 Milliarden Franken schweren Pharmaforschung von Novartis, ist die Computersimulation biologischer Systeme eines der zentralen Forschungsfelder der Zukunft. Kein Wunder also, dass die Basler Chemieriesen neben den Kantonsregierungen der Halbkantone zu den treibenden Kräften hinter einem geplanten ETH Institut für Systembiologie in Basel gehören. 80 Millionen Franken soll der Aufbau einer wetltführenden Forschungseinrichtung kosten. Das jährliche Betriebsbudget wird auf 40 Millionen veranschlagt. Über die Finanzierung und Organisationsform ist man sich aber noch uneins. Die ETH Zürich will nur mitmachen, wenn das Institut ihr unterstellt wird und der Bund dafür zusätzliche Gelder locker macht.



Bioinformatik ist eines der wenigen Gebiete der Datenverarbeitung, die ungeachtet jeglicher Krisen zweistellig wachsen. So kletterten gemäss einer Erhebung von Ernst & Young die Informatikausgaben in der Schweizer Pharmaindustrie pro Arbeitsplatz von 8000 Franken im Jahr 2001 um über 80 Prozent auf 14'700 Franken 2002.




Das geplante Institut soll sich der derzeit heissesten Sparte der Datenverarbeitung in der Biologie annehmen. Systembiologie versucht zum Beispiel, das Zusammenspiel der einzelnen Moleküle in einer Zelle zu simulieren. So kann die Pharmaindustrie abschätzen, an welchem Angriffspunkt ein Medikament am besten ansetzen soll, um möglichst wenig unerwünschte Nebenwirkungen zu erzeugen. Dazu sind Supercomputer nötig. IBMs kommende Hochleistungsclusterarchitektur Blue Gene zielt unter anderem auf diesen leistungshungrigen Markt.



Mit einem Anschubsfinanzierungskredit von 20 Millionen Franken haben die beiden Basler Halbkantone jetzt Druck gemacht, damit das Projekt nicht durch ETH-interne Geldverteilungsquerelen gebremst wird. Bereits im kommenden Jahr soll gemäss dem Leiter des Ressorts Hochschulen im Erziehungsdepartement von Basel Stadt, Joakim Rüegger, eine weltweit anerkannte Forscherpersönlichkeit benannt werden, die den Aufbau des Instituts in Angriff nehmen soll. Bis Anfang Oktober läuft eine Art Vernehmlassung, bei der Wissenschaftler aus aller Welt Input für die Detailplanung liefern.
Ob wirklich alles so schnell gehen wird, wie die Basler sich das erhoffen, ist aber fraglich. Die ETH Zürich fühlt sich durch den Basler Anschubskreditvorstoss brüskiert. Man sei vorgängig nicht informiert worden, moniert die Schulleitung in einer internen Mitteilung an alle Mitarbeiter. Nach einem grundsätzlichen Bekenntnis zum Projekt folgt darin eine Liste von Bedingungen der ETH betreffend Federführung und Finanzierung, die nicht den Eindruck erweckt, dass Zürich unbedingt vorwärts machen will. Abschliessend erklärt die ETH, sie wolle sich jetzt erst mal mit der Uni Zürich absprechen. Diese hat aber sowieso kaum ein Interesse an einem Basler Institut.



Andererseits kann die ETH nach dem grundsätzlichen Bekenntnis kaum mehr zurück. Zu gross ist der Druck aus den Befehlszentralen der Basler Pharmariesen. Das Pochen auf die Zusatzfinanzen ist zudem auch im Zusammenhang mit der verringerten Steigerung der Forschungsaufwendungen des Bundes im Zug des letzten Sparpaketes zu sehen.




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