Megabits aus der Steckdose

Mit mehr Bandbreite will das als Störsender verschriene Powerline in Form von Homeplug AV die Herzen der Anwender endlich erobern.
19. Januar 2007

     

Während man bei WLAN (offiziell) noch auf die Bandbreiten jenseits der 100 Mbps warten muss, ist es bei Homeplug bereits soweit. Die Inhouse-Variante der gescheiterten Internetzugangstechnologie Powerline soll jetzt in Form von Homeplug AV Brutto­datenraten von bis zu 200 Mbps erreichen und dank Quality of Service nicht mehr nur zur Hausautomation oder als Verlängerungskabel für den Internetzugang dienen, sondern auch zum Streaming von Video in DVD-Qualität taugen. Ob Homeplug AV wirklich halten kann, was es verspricht, haben wir mit dem Homeplug-AV-Starter-Kit PLA-400 von Zyxel untersucht.



Einfache Bedienung

Das Starter-Kit von Zyxel bringt alles mit, was man zum Aufbau eines kleinen Homeplug-Netzes benötigt. Es besteht aus zwei Homeplug-Adaptern des Typs PLA-400 mit den passenden Strom- und Ethernet-Kabeln von je 2 Metern Länge sowie einer Software, mit deren Hilfe die Datenverschlüsselung der Homeplug-Adapter konfiguriert werden kann.
Die Inbetriebnahme ist ausgesprochen einfach. Nachdem man beide Adapter ausgepackt hat, muss man sie nur in die nächste Steckdose stecken. Dabei dient ein einziges Kabel sowohl zur Stromversorgung als auch zur Daten­übertragung.



Ein separates Netzteil existiert nicht. Die Ethernet-Kabel braucht man nachher nur noch in den nächsten Computer oder Switch einzustöpseln, und schon kann man das Homeplug-Netz benutzen. Da sich die Adapter als transparente Bridges ins Netz hängen, können sie mit jedem Ethernet-fähigen Gerät benutzt werden. Es ist also nicht nur möglich, Computer mit so ziemlich jedem Betriebssystem ins Homeplug-Netz zu integrieren, sondern beispielsweise auch die Strecke zwischen zwei Switches zu überbrücken oder Unterhaltungselektronik mit Video- oder Musik-Streams zu versorgen. Nicht verstehen tun sich die Zyxel-Adapter nach Aussage des Herstellers dagegen mit alter Homeplug-1.0-Hardware.



Nachbar hört mit

Wie bei WLAN verteilen sich auch bei Homeplug die Daten quasi unkontrolliert übers gesamte Haus und lassen sich meist erst vom Stromzähler aufhalten. Es ist also auch in diesem Fall eine Verschlüsselung des Datenverkehrs angeraten, wenn man nicht will, dass der Nachbar im Mehrfamilienhaus mithören kann. Die Zyxel-Homeplug-Adapter bringen wie diejenigen der Konkurrenz von Haus aus eine 128-Bit-AES-Verschlüsselung mit, die sogar standardmässig aktiviert ist. Allerdings sind alle Homeplug-Adapter mit derselben Passphrase vorkonfiguriert, womit die Verschlüsselung im Endeffekt wirkungslos ist, solange man nicht die Passphrase ändert. Dies kann man bei Zyxel über ein Konfigurationswerkzeug tun, das auf der mitgelieferten CD zu finden ist. Leider funktioniert es nur unter Windows XP, ist dafür aber auch zum Firmware-Upgrade in der Lage und kann sämtliche erreichbaren Homeplug-Adapter konfigurieren.
Die Passphrasen dienen nebst der Verschlüsselung auch der Segmentierung des Homeplug-Netzwerks. So bilden alle Geräte mit derselben Passphrase ein Netz, das parallel zu anderen Netzen (mit einer anderen Passphrase) betrieben werden kann.



Gedämpftes Signal

Wie bei WLAN hängt die erreichbare Homeplug-Bandbreite von verschiedenen Faktoren ab, unter anderem der Leitungsdistanz und den Störungen, die von anderen Netzteilnehmern verursacht werden. Wahre Homeplug-Killer sind USVs, FI-Schalter, Steckerleistern mit Filtern oder Stromzähler. Dies ist auch der Grund, warum sich mehrere Häuser beispielsweise über Strassen hinweg nicht mit Homeplug vernetzen lassen, auch wenn die theoretische Reichweite von 200 bis 300 Metern ausreichen würde. Für eine Durchsatzverschlechterung sorgen auch Endgeräte mit hohen induktiven Lasten wie Niedervolt-Halogenstrahler. Dazu kommen das integrierte QoS, das koordiniert werden muss, sowie die standardmässig aktivierte Verschlüsselung.




Bei unseren Tests in einem Einfamilienhaus liessen wir einen Linux-Server mit Fedora Core 6 Dateien mit der Grösse von 1 GB ausliefern, die über einen Fast-Ethernet-Switch ins Homeplug-Netz eingespeist wurden. Mit einem Notebook und dem anderen PLA-400 sind wir dann von Steckdose zu Steckdose gewandert und haben mit einem kleinen Testprogramm die Dateien fünfmal hintereinander heruntergeladen und dabei die durchschnittliche Bandbreite ermitteln lassen, die bei herkömmlichem Ethernet bei 83,2 Mbps lag.
Wie bei WLAN muss man auch bei Homeplug AV konstatieren, dass die theoretisch erreichbaren Datenraten und die effektiven Bandbreiten weit auseinander liegen, was noch dadurch verschärft wird, dass es sich um eine Hub-artige Architektur handelt. Das heisst: Je mehr Geräte man ins Homeplug-Netz integriert, umso weniger Bandbreite bleibt für die einzelnen Teilnehmer übrig.





Bei einer Distanz von etwa 2 Metern zwischen zwei direkt miteinander verbundenen Wandsteckdosen schafften es die beiden Homeplug-Adapter von Zyxel auf 40,8 Mbps, was 5,1 MB pro Sekunde entspricht. Dies ist zwar nur die Hälfte dessen, was Ethernet zu leisten vermag, reicht aber zur Übertragung von MPEG2-Video-Streams in HD-Auflösung, die bis zu 20 Mbps benötigen, mehr als aus. Dies ist auch noch der Fall, wenn man die Distanz zwischen den beiden Adaptern erhöht. So reicht der Datendurchsatz selbst im Schutzraum, wo die tiefste Bandbreite gemessen werden konnte, mit 24 Mbps noch für einen Video-Stream aus, obwohl zwischen Schutzraum und dem anderen Homeplug-Adapter zwei Stockwerke und zwei Sicherungen lagen.
Die gemessenen Bandbreiten in den anderen Räumen lagen allesamt im Bereich dazwischen und auch die Schwankungen während der einzelnen Downloads hielten sich mit einem halben Megabit gegen oben und unten in Grenzen. Sogar hinter einer APC-USV liess sich den Homeplug-Adaptern von Zyxel noch ein Signal entlocken, auch wenn es dann mit einem halben Megabit Bandbreite mehr ADSL- als Homecinema-Feeling versprühte.



Bereit für Multimedia

Grundsätzlich kann man sagen, dass Homeplug AV dank der höheren Bandbreiten im Gegensatz zu den Vorversionen nicht mehr nur als Verlängerungskabel für den Internetzugang dienen kann. Bandbreiten zwischen 20 und 40 Mbps, wie wir sie in unserem Test erreichen konnten, sind im Vergleich zu Fast- und Gigabit-Ethernet zwar nicht berauschend, reichen aber für Fileserver-Zugriff bei kleineren Dokumenten und auch den Austausch von Multimedia-Signalen von Audio bis High-Definition-Video aus. Insbesondere letzteres dürfte Homeplug AV attraktiv machen, schliesslich verfügt nicht jedermann über Ethernet im Wohnzimmer, und vernetzbare Multimedia-Player werden immer beliebter.
Bandbreitenmässig liegen die Zyxel-Geräte durchaus in der Nähe der Konkurrenz, sofern man den PLA-400 nicht mit Produkten vergleicht, die darauf verzichten, ihre Signale in den Frequenzbändern für Amateur-Kurzwellenfunk abzusenken. Dies erlaubt zwar höhere Bandbreiten, verschärft aber das Störsenderproblem, für das Powerline berüchtigt ist.





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