Cablecom macht Peerings dicht

Cablecom ruiniert ihren Backbone und die Service-Qualität. Vermutlich, um mehr Geld von Schweizer Providern zu erhalten.

Artikel erschienen in Swiss IT Magazine 2006/18

     

Die Schweizer Internet-User und Server verursachen viel Datentransfer, dessen Transport nicht ganz billig ist solange man dafür Bandbreite einkaufen muss. Des- halb treffen die Schweizer ISPs in der Regel Vereinbarungen, um den Datentransfer wenigstens unter­einander kostenlos und auf möglichst direktem Weg austauschen zu können. Peering nennt sich dies und sollte eigentlich im Interesse aller sein, wie man meinen könnte. Doch dem ist nicht so.
Anfang September hat Cablecom einen Brief an die Schweizer ISPs verschickt und angekündigt, dass man durch die Integration in den Backbone von UPC der Mutter Liberty Global den Status eines sogenannten Tier-1-Carriers erhalte und man deshalb die kostenfreien Peerings per 1. November abschalten werde. Wer weiterhin mit der Cablecom verbunden sein wolle, müsse entweder Paid Peering (10 Mbps kosten 320 Franken pro Monat, 100 Mbps 680 Franken) oder regulär IP-Transit einkaufen.


Grosse Wirkung

Was sich relativ harmlos anhört, hat eine grosse Auswirkung auf das Schweizer Internet, was man bereits bei einigen Providern sehen kann, welche die Verbindung zu Cablecom vorzeitig abgeschaltet haben oder bei denen die Cablecom – wohl um Druck auszuüben – den Stecker vorzeitig gezogen hat. Datenpakete, die früher direkt von Cablecom über die grossen Schweizer Internet-Transit-Knoten wie Zürich zu den Providern geflossen sind, gehen nun auf Europa- oder gar Weltreise und werden nun – je nach Provider – via Frankfurt, Amsterdam, Paris oder gar New York geroutet, bevor sie ihren Weg wieder zurück in die Schweiz finden. Vor allem für die Kunden der Cablecom heisst dies: Grössere Latenzen und weniger Bandbreite zu den Schweizer Gegenstellen, was insbesondere zeitkritische Applikationen wie VoIP unbrauchbar machen kann.


Machtprobe

Die Hintergründe des Vorhabens von Cablecom sind unklar, doch scheint es, als ob die Firma über eine Machtprobe mehr Geld von den Providern zu erhalten versucht. Dies bestätigen auch einige Rückmeldungen der Schweizer Provider, die InfoWeek angefragt hat, auch wenn man beispielsweise beim Zürcher Business-Provider Init7 davon ausgeht, dass Cablecom insgesamt den Kürzeren ziehen wird, wie Fredy Künzler erklärt: «Cablecom macht sich im Prinzip den Backbone kaputt. Auch sinkt die Qualität des Services. Das merken nicht nur wir, sondern vor allem die Kunden der Cablecom, die nun zu uns wechseln.» Ähnlich sieht dies auch Niklaus Hug vom Berner ISP NTS Workspace: «Wir kriegen vermutlich mittelfristig mehr Kunden dank dieser Aktion von Cablecom.»





Verhandlungen einiger Provider mit Cablecom, die Zero-Settlement-Peerings bestehen zu lassen, haben zu unterschiedlichen Resultaten geführt. Bei Init7, die auch andere Schweizer ISPs mit Connectivity zu Cablecom versorgt hat, wurden die Verhandlungen mittendrin abgebrochen, auch wenn Init7 die geforderten 70 Mbps Transfer in Richtung Cablecom problemlos erreicht hat. Ganz anders die Erfahrungen beim Innerschweizer Provider TIC, der schon seit KPNQwest-Zeiten Peering-Partner von Cablecom ist und selbst mit einem Transfer von nur 50 Mbps den Peering-Vertrag verlängern konnte, wie Aldo Britschgi gegenüber InfoWeek bestätigt.
Welche Auswirkungen das Vorgehen Cablecoms auf das Schweizer Internet haben wird und wieviele Provider sich mit Cablecom einigen konnten respektive Geld für eine Weiterführung der Connectivity bezahlen, wird man wohl erst am 1. November sehen, wenn Cablecom ihre Androhung wahr macht. Eins ist jedenfalls jetzt schon sicher: Die Leidtragenden sind wieder einmal die Kunden. Cablecom war leider nicht in der Lage, bis Redaktionsschluss Stellung zu nehmen.




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