Diagramme wirklich leicht gemacht

Geht es um Diagrammerstellung auf Windows-Systemen, denkt man zuerst an Visio - mit SmartDraw 2008 gibt es aber einen absolut würdigen Konkurrenten.

Artikel erschienen in Swiss IT Magazine 2008/04

     

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte: Diese Maxime gilt auch im Geschäftsleben, wo sich Erfolgszahlen, Business-Prozesse, organisatorische und topografische Gegebenheiten sowie andere mehr oder weniger komplexe Zusammenhänge durch ein aussagekräftiges Diagramm oft wesentlich effizienter vermitteln lassen als durch langfädige verbale Ergüsse.


Businessgrafik auf Template-Basis

«Smartdraw denkt voraus», preist der Hersteller des Businessgrafik-Programms Smartdraw 2008 sein Produkt an. Wer mit Smartdraw arbeiten will, muss als Erstes den Typ der zu erstellenden Grafik wählen. Das Programm stellt dazu zwei umfangreiche Listen bereit.


Unter dem Punkt «Standard» in der linken Spalte des dreigeteilten Programmfensters finden sich 25 Dokumentenkategorien von «Calendars» über «Process Diagrams» bis «Web Design». Jede Kategorie wartet mit mehreren strukturell und stilistisch unterschiedlichen Vorlagen, den sogenannten «Smarttemplates» auf.

Nachdem man die gewünschte Vorlage per Mausklick ausgewählt hat, erscheint im mittleren Fensterbereich eine Arbeitsfläche mit dem entsprechenden Beispieldiagramm. In der linken Spalte wird die Liste der Template-Kategorien kontextsensitiv durch das «Smart Panel» ersetzt: Es erscheinen Werkzeuge zur strukturellen Anpassung des Diagramms, die zum gewählten Typ passen. Visuelle Parameter wie Farben, Linienstärken und Schriften legt man dagegen in der Toolbar am oberen Fensterrand fest.



Alternativ zur Liste der Dokumentenkategorien präsentiert das Smartdraw beim Erstellen eines neuen Dokuments unter «Activities» eine Reihe von Szenarien aus dem geschäftlichen und privaten Alltag. Darunter finden sich Anwendungsfelder wie Brainstorming, Finanz, Landschaftsgestaltung, Eventplanung, Sales und Marketing, Informationstechnologie, Personalwesen oder Software-Entwicklung – wohlgemerkt immer in Englisch, denn eine deutsche Version von Smartdraw 2008 gibt es nicht. Laut der Herstellerwebsite ist nur die vorvorletzte Version Smartdraw 6 in deutschsprachiger Lokalisierung erhältlich.


Nach der Wahl eines Aktivitäts-Szenarios zeigt Smartdraw eine Vorlagenauswahl an, die je nach Fall verschiedene Dokumententypen umfasst. Unter «Brainstorming» zum Beispiel stellt Smartdraw neben Mindmaps auch Affinitäts-, SWOT- und Ursache/Wirkungs-Diagramme sowie Entscheidungsbäume zur Wahl. So entdeckt man vielleicht einen für die anstehende Aufgabe bestens geeigneten Diagrammtyp, den man bisher noch gar nicht kannte.


Klicken statt Zeichnen

Es ist für ein Grafikprogramm fast merkwürdig: Gezeichnet wird mit Smartdraw 2008 üblicherweise nicht. Im Gegensatz zu anderer Businessgrafiksoftware zieht man bei Smartdraw auch keine Symbole per Drag&Drop aus einer Library auf die Arbeitsfläche und verbindet sie dann mit einer Linie. Stattdessen werden sämtliche Anpassungen an der Struktur des Diagramms per Mausklick erledigt.


Am Beispiel eines Organigramms lässt sich die Vorgehensweise gut erläutern: Wenn eine Vorlage aus der Kategorie Orgcharts ausgewählt wurde, erscheinen im Smartpanel Buttons zum Einfügen eines neuen Elements unterhalb, oberhalb, links oder rechts neben dem aktuell selektierten Mitarbeiter, und auch Optionen für Assistenten und Co-Manager fehlen nicht. Auch für weitere strukturelle Anpassungen greift man zum Smartpanel – die Ausrichtung des gesamten Organigramms, die Form und das Format der einzelnen Boxen (zum Beispiel mit oder ohne Foto des Mitarbeiters) und der Stil der Verbindungslinien lassen sich hier über ein Popup-Menü festlegen.



Für die rein visuellen Aspekte der Darstellung ist jedoch nicht das Smartpanel zuständig. Farben, Füllmuster, Linienstärken, Linien-endformen, Schatten- und andere Grafikeffekte, Schriftarten und vieles mehr werden über die Toolbar am oberen Fensterrand definiert und verändert. Hier finden sich auch Tools zum Einfügen zusätzlicher Elemente und Texte, die nicht direkt mit der über das Smartpanel erstellten Struktur des Diagramms zusammenhängen.


Wer keine der angezeigten Vorlagen mag, kann auch mit einem leeren Diagramm beginnen und sämtliche Elemente selbst einsetzen. Selbst dann gilt allerdings: Zuallererst muss ein Diagrammtyp gewählt werden, auf den sich dann das Smartpanel und die Hilfetexte in der rechten Spalte ausrichten können. Hilfe zeigt Smartdraw nämlich immer nur für den aktuell selektierten Typ an, eine Gesamtübersicht über alle Möglichkeiten des Programms erhält man erst bei der Lektüre des 264-seitigen Handbuchs, das im PDF-Format mitgeliefert wird.


Auch der Schein zählt

Viele Powerpoint-Präsentationen sind vom ästhetischen Standpunkt her offensichtlich unter dem Motto «Sein statt Schein» entstanden – sprich: Sie sind informativ, sehen aber nicht gerade ansprechend aus. Damit dies bei Smartdraw-Grafiken nicht passiert, bietet das Programm sogenannte Themes an: Ein Theme fasst Farbschema, Schriftarten und Effekte zusammen, die für das ganze Diagramm gelten sollen. Mit einer Auswahl aus dem Theme-Menü in der Toolbar lässt sich so das Erscheinungsbild des gesamten Diagramms auf einen Schlag ändern. Je nach Wunsch erhält man so zum Beispiel ein Organigramm in Graustufen, mit einer sanft abgestimmten Palette aus Pastellfarben oder mit leuchtenden, stark unterschiedlichen Farbflächen.



Ein zweites Feature, das bei richtiger Anwendung einem einheitlichen Erscheinungsbild zugutekommt, sind die Quickstyles: Über ein grafisches Auswahlmenü lassen sich Effekte und Linienattribute in vordefinierten Kombina­tionen auf die selektierten Elemente anwenden.


Topaktuelles Interface ...

Was wir bisher als Toolbar bezeichnet haben, gleicht frappant dem Ribbon von Office 2007. In der Tat hat der Hersteller die Oberfläche sehr eng an das «Fluent Interface» der neuesten Office-Ausgabe angelehnt. Er tritt damit der Kritik an früheren Smartdraw-Versionen entgegen: Das Interface der Vorgängerversionen wurde oft als gewöhnungsbedürftig und wenig standardgemäss bemängelt. Pikanterweise ist der wohl naheliegendste Konkurrent noch nicht so weit: Die Oberfläche von Visio 2007 ist noch im Stil älterer Office-Versionen gehalten, von Fluent Interface ist beim Microsoft-Produkt in der aktuellen Ausgabe keine Spur zu finden.


... mit vielfältigen Features

Wie bei Office wartet auch das Ribbon von Smartdraw mit Tabs auf, über die sich verschiedene Funktionsbereiche aufrufen lassen. Die bisher beschriebenen Tools sind allesamt im «Home»-Tab zu finden. Hinter den übrigen Tabs verbergen sich zum Teil hochinteressante Möglichkeiten.


So kann man unter «Design» neben der pixelgenauen Positionierung und der Ausrichtung auch die Form eines Elements verändern – aus einem rechteckigen Organigramm-Kästchen lässt sich zum Beispiel ein unregelmässiges Viereck basteln. Unter «Insert» ergänzt man das Diagramm mit Tabellen – oder man fügt eine Karte ein, die den Firmenstandort oder den Anfahrtsweg anzeigt. Solche Karten lassen sich direkt im Programm erstellen: Smartdraw bietet dazu einen Import-Dialog, der auf Google Maps zurückgreift.



Der Tab «Page» enthält neben den Einstellungen für Seitenformat, Ränder und Arbeitsfläche – ein Diagramm lässt sich auch auf mehrere Seiten verteilen und mehrseitig ausdrucken – auch ein Popup-Menü zur Definition von Ebenen, die sich beliebig ein- und ausblenden lassen.


Charting mangelhaft

Weniger stark ist die integrierte Charting-Funktionalität. Smartdraw generiert zwar aus vorhandenen Spreadsheet-Daten oder direkt eingegebenen Werten ansehnliche Businessgrafiken, die sich mit den üblichen Tools des Programms manipulieren lassen. Die Themes zum Beispiel funktionieren auch bei Charts, das individuelle Aussehen einzelner Chart-Elemente lässt sich mit Quickstyles aufpeppen, und auf Wunsch stellt Smartdraw die Werte mit Bildern statt Farbflächen dar.

Für die Manipulation der dargestellten Werte und Wertegruppen bietet der Tab «Charts» umfassende Werkzeuge. Die Auswahl an Chart-Typen ist jedoch ziemlich mager: Ausser Balken-, Linien- und Kuchendiagrammenkennt Smartdraw nur noch den Chart-Typ «Relative Value», bei dem die prozentualen Anteile der erfassten Werte mit unterschiedlich grossen Rechtecken visualisiert werden. Fortgeschrittene Darstellungen wie Spider-, High-Low- oder Scatter-Diagramme sucht man ebenso vergebens wie jegliche Art von 3D-Businessgrafik.


Smartdraw versus Visio

Im Feature-Vergleich mit Visio mach Smartdraw eine ziemlich gute Figur. Es fängt schon bei der Anzahl Vorlagen an: Smartdraw kommt mit 1900 Templates, Visio nur mit 150. Beim Erstellen von Organigrammen, Flussdiagrammen und ähnlichen Grafiken bietet Smartdraw deutlich mehr Automatismen, die ein ordentliches Erscheinungsbild erleichtern. Selbst die Oberfläche hält sich beim Drittherstellerprodukt besser an die aktuellen Office-Konventionen als beim hauseigenen Produkt von Microsoft – und der Preis liegt bei Smartdraw markant unter dem Niveau von Visio Professional.



Wer Visio kennt und damit zufrieden ist, muss jedoch mit Sicherheit nicht wechseln – Visio ist ein ausgereiftes Produkt mit guter Office-Integration und umfassenden Möglichkeiten, das zwar anders, aber ebenfalls angenehm zu bedienen ist. Wer neu eine Diagramming-Software sucht und sich von der englischsprachigen Oberfläche nicht abschrecken lässt, sollte zumindest prüfen, ob Smartdraw nicht die bessere Wahl
wäre – eine kostenlose Testversion gibt es ja von beiden Produkten.

(ubi)


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