David Coursey: Virenwarner - Gut gemeint, aber dumm!

David Coursey: Virenwarner - Gut gemeint, aber dumm!

15. Juni 2001 - Glauben Sie nicht alles, was sie lesen oder sogar sehen – besonders nicht im Internet.
Artikel erschienen in IT Magazine 2001/23

Es war eine gute Woche für alle Wichtigtuer und gutmeinenden Idioten, die
einmal mehr das Internet zu einer witzigen Persiflage des richtigen Lebens machten. Ich spreche
über die Dutzenden von "Virus-Warnungen", die ich erhalten habe und die mir weismachen wollten, ich müsste ein Windows-Utility von meinen Rechnern löschen, bevor diese sich in ein tödliches Virus verwandeln.



Es ist nicht das erste Mal, dass mit einem grossen Stück angewandter Sozialwissenschaften - und ich glaube zutiefst, dass dies absichtlich gemacht wurde - Menschen dazu gebracht wurden, genau das zu tun, was sonst ein echter Virus tut. Nämlich: Jedermanns Mailbox mit sinnlosen Nachrichten überschwemmen, Dateien löschen, Zeit verschwenden und andere dazu bringen, dasselbe zu tun.



Das andere Beispiel - ich wechsle nun von den Idioten zu den Wichtigtuern - ist mindestens so verstörend und kommt in der Form eines exzellenten New-York-Times-Artikels von Katie Hafner, in dem erklärt wird, wie eine vermutlich verwirrte 40-jährige Frau aus dem Mittleren Westen sich selbst in ein 19-jähriges Mädchen verwandelt hat, das schliesslich an Krebs gestorben ist.



Viele Leute - inzwischen auch Behörden und Rechtsanwälte - wurden in diese Geschichte hereingezogen. Die Times selber scheint den nicht existierenden Teenager sogar in einer Story über den Computergebrauch von College-Studenten zitiert zu haben.



Leute, von denen man meinen könnte, dass sie lang genug leben, um es besser zu wissen, wurden in die Geschichte hineingezogen, und das, obwohl die Beschreibung des Verbrechens ungewöhnlich in die Länge gezogen wurde, um die Geschichte plausibler zu machen. So wurde etwa - schreibt Hafner in ihrer Geschichte - sogar mit einigen der Gesundbeter der Frau telefoniert.



Auch sowas passiert nicht das erste Mal: Ein anderer, weithin aufgegriffener Vorfall betraf einen vorgetäuschten Mord, der von einer "Live-Cam" übertragen wurde. Man kann sich vorstellen, wie viel Freude diese Geschichte verursacht hat, besonders bei den Polizisten, die zur Untersuchung aufgeboten wurden.



Das Problem mit diesen Scherzen aus dem Internet - genauso wie mit den Kettenbriefen, Investitionstips und dem meisten anderen Spam - ist, dass sie so subtil mit der menschlichen Natur spielen. Es ist einfach, über jemanden zu lachen, der an die vielen "Werde sofort reich"-Systeme glaubt (und ich spreche hier nicht vom Nasdaq) und dann gerupft wird. Was aber ist mit all den Leuten, die tatsächlich glauben, das Juni-Virus, das sterbende Mädchen oder das Mordopfer wären real?



Das Internet macht es so einfach, diese Scherzchen breit zu streuen, dass man wohl nicht viel dagegen machen kann. Obwohl ich natürlich ein Gesetz gegen öffentliche Ärgernisse begrüssen würde, das auf die Frau mit dem simulierten Krebstod oder die Studenten mit dem gefälschten Webcam-Mord angewandt werden könnte.



Es gibt ganze Websites, die solche Online-Scherze aufdecken. Hoaxbusters und Virus Myths sind nur zwei davon.
So lange es das Internet gibt und menschliche Wesen sich darin tummeln, wird es auch solche Sachen geben. Virus Mythen. Leute, die es nicht gibt. Frauen, die in Tat und Wahrheit Männer sind. Aber irgendwann werden die Surfer schlau genug sein und dieser beigen Box auf ihrem Schreibtisch nicht mehr alles glauben, und dann kann ich aufhören, solche Kolumnen zu schreiben.



Vielleicht fangen die Schulen sogar wieder an, die Kinder im kritischen Denken auszubilden, und die Leute werden künftig tief einschnaufen und bis zehn zählen, bevor sie in den Modus des grossen Gelehrten wechseln und den Forward-Button drücken, um ihren Freunden allen möglichen Schrott zuzuschicken.



Vielleicht werden die gutmeinenden Kollegen ja auch genügend Antworten im Sinne von "Du Idiot, hast Du nicht gemerkt, dass das ein Scherz ist?" in ihre Mailbox kriegen und darauf mit der Weiterleitung aufhören.



Das beste Abwehrmittel aber: Glauben Sie nicht alles, was sie lesen oder sogar sehen - besonders nicht im Internet.

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