Den Speicherkosten Paroli bieten

Den Speicherkosten Paroli bieten

25. April 2008 -
Artikel erschienen in IT Magazine 2008/08

Geht es nach den Herstellern (nicht nur) von Speichergeräten, dann steht dieses Jahr ganz im Zeichen von «Green IT». Die Anzahl der Kongresse, Initiativen (oft von Herstellerseite gegründet) oder neuen Produktankündigungen mit dem Label «Green» ist kaum noch zu überblicken. Die Unternehmen und Anwender geraten dabei zunächst moralisch etwas in die Defensive, denn wer möchte schon als Feind der Umwelt dastehen?



Faktisch ändert sich allerdings kaum etwas, denn unter Geschäftsgesichtspunkten zählt letztlich nur eines – das Verhältnis von Anschaffungskosten und erwartetem Ertrag. Und gerade hier wird das grüne Marketing sehr schnell geständig – gilt es doch, neue Produkte zu verkaufen, und weil sie so fortschrittlich und voll auf der richtigen Seite sind, darf es auch ruhig etwas mehr kosten als bisher. Insgesamt ist das eine Entwicklung, die man so schon von den Bio-Lebensmitteln und anderen Produkten mit irgendeinem Gütesiegel drauf kennt.



Die Gelassenheit der Unternehmen, voll auf der grünen Schiene mitzumachen, wird allerdings konterkariert durch den rationalen Kern dieser Kampagne: Nicht nur in den USA wird zu viel Energie verschwendet, wobei die IT-Infrastruktur nur ein kleiner Teil eines viel grösseren Problems ist. Immerhin lässt sich auch bei der IT, bei Servern, Storage und Rechen­zentren einiges an Energie einsparen. Doch die Frage ist: Wie viel? Der unabhängige Analyst Dave Vellante hat auf der Storage Networking World, die im April in Orlando stattfand, einige überraschende Zahlen einer neuen Untersuchung bekanntgegeben: Während Gartner und andere grosse Analystenfirmen bisher für Server von einem Anteil am Energieverbrauch von etwa 50 Prozent ausgingen, hat die Studie von Vellante ergeben, dass dieser lediglich bei 30 Prozent liegt.



Noch erstaunlicher und entgegen dem allgemein vermuteten Trend: Der Anteil von Speichergeräten am Energieverbrauch der Unternehmen liegt lediglich bei
15 Prozent. Berücksichtigt man noch die 10 Prozent, die weitere IT-Geräte verbrauchen, dann zeigt sich, dass mit 45 Prozent das Rechenzentrum selbst am meisten zum Energiebudget beiträgt – mit Kühlung und Lüftung (34 Prozent), mit UPS und Energieverteilung
(8 Prozent) und mit Beleuchtung
(3 Prozent). Wie Vellante ferner nachweist, sind Festplatten allein mit 80 Prozent am Stromverbrauch der Speichergeräte beteiligt. Damit liegt auch auf der Hand, wo der Hebel anzusetzen ist. Die Palette reicht von Solid State Disks (SSD) über Data Deduplication bis zu allen Varianten von Thin Provision­ing und Virtualisierung, mit denen sich Speichergeräte besser aus-
lasten und auf weniger physikalische Exemplare reduzieren lassen.


Tiered Storage voll im Trend

Als der Hersteller StorageTek (heute Teil von Sun) vor ein paar Jahren mit dem Ansatz von Information Lifecycle Management (ILM) auf den Markt kam, waren die Reaktionen zwiespältig: Die einen hielten es für reines Marketing, andere meinten «nichts Neues» und verwiesen auf Hierarchical Storage Management (HSM), das die Mainframe-Welt schon lange kenne, und wieder andere vermissten konkrete Produkte. ILM als Produkt wäre in der Tat ein Missverständnis, geht es doch darum, bestimmten Sorten von gespeicherten Daten den jeweils angemessenen Platz zuzuweisen und sie im Laufe ihres Lebenszyklus auf weniger performante, aber preisgünstigere Geräte und Medien zu verschieben.



Die klassische Aufteilung kannte zwei Speicherebenen: In einem ersten Schritt wurden die Daten auf servernahen Festplatten (Direct Attached Storage bzw. DAS) abgelegt, eine Zeit lang dort für den schnellen Datenzugriff vorrätig gehalten und dann in einem zweiten Schritt auf eine Tape Library weiterverschoben. Mussten sie auch dort für einen Datenzugriff bereitstehen, kamen im Enterprise-Bereich nur mächtige Tape Libraries von StorageTek oder IBM mit ihrer performanten Motorik für das schnelle Be- und Entladen der Cartridges zum Einsatz.
Daneben wurden auch Backup- und Archivdaten auf Bänder abgelegt und – der Theorie nach – an einen sicheren Ort verbracht, oft ausserhalb des Firmenstandortes. Wurden die Daten im Recoveryfall wieder gebraucht, mussten sie zurücktransportiert und in einem stunden- oder tagelangen Prozess wieder in die produktiven Systeme eingespielt werden.
Mit der Weiterentwicklung der Platten- und Arraytechnologie geht man heute von einem mehrstufigen Tiered-Storage-Modell aus, das mindestens drei oder vier Klassen umfasst:



- Tier 1: Mission critical data, umsatzkritische Daten, ca. 15% der Daten, sehr schnelle Antwortzeit, FC-Disk, FC-SAN, Datenspiegelung, lokale und entfernte Replikation, automatisches Failover, 99,999% Verfügbarkeit, Recovery Time Objective: sofort, Retention Period: Stunden



- Tier 2: Vital Data, ca. 20% der Daten, weniger umsatzkritische Daten, schnelle Antwortzeit, FC- oder SAS-Disk, FC-SAN oder IP-SAN (iSCSI), Point-in-time Copies, 99,99% Verfügbarkeit, Recovery Time Objective: Sekunden, Retention Period: Tage



- Tier 3: Sensitive Data, ca. 25% der Daten, moderate Antwortzeit, SATA-Disk, IP-SAN (iSCSI), Virtual Tape Libraries, MAID, Disk-to-Disk-to-Tape-periodische Backups, 99,9% Verfügbarkeit, Recovery Time Objective: Minuten, Retention Period: Jahre


- Tier 4: Non-critical Data, ca. 40% der Daten, Tape (und Blue-ray), FC-SAN oder IP-SAN (iSCSI), 99,0% Verfügbarkeit, Recovery Time Objective: Stunden/Tage, Retention Period: unbegrenzt



Fast alle grossen Anbieter von Storage-Infrastruktur bedienen sämtliche Tiered-Segmente, während kleinere, aber inzwischen etablierte Hersteller und die meisten Start-ups nur über sehr spezielle Angebote verfügen. Hewlett-Packard und Sun sind vor allem im Midrange-Bereich (Tier 2 und 3) aktiv, decken aber durch OEM-Abkommen mit Hitachi Data Systems (HDS) auch jeweils das Highend für Tier 1 ab.



EMC ist immer noch der klare Führer bei Highend-Storage­arrays, ergänzt in den letzten Jahren durch ein grosses Software- und Serviceangebot. Bedingt durch die vielen Zukäufe und eine teilweise schleppende Integration, passen nicht unbedingt alle Teile zusammen, aber unter dem Gesichtspunkt eines Tiered-Storage-Management ist der Anwender auf der sicheren Seite, wenn er sich ausschliesslich bei EMC bedient. Allerdings ist dann die klassische Situation eines Ven­­dor-Lock-In gegeben, und auch die Preispolitik des Anbieters ist nicht frei von monopolistischen Zügen.



Anfang des Jahres gab EMC einige Neuerungen für das Enterprise-Flaggschiff Symmetrix DMX-4 bekannt. Dazu gehört eine Unterstützung der Flash-SSD-Technologie (Solid State Disk), bisher einzigartig in diesem Arraysegment und laut Hersteller besonders geeignet für Anwendungen mit hohen Leistungsanforderungen wie Echtzeit-Transaktionssysteme, Datenmodellierung oder elektronische Handelssysteme. Ausserdem kann die DMX-4 jetzt mit günstigen SATA-II-Festplatten mit einer Kapazität von bis zu einem Terabyte ausgestattet werden. Das bedeutet, dass der Anwender mehrere Tiered-Speicherebenen in einem Gerät einrichten kann, wenn er Flash-Laufwerke, Fibre-Channel-Festplatten und SATA-II-Festplatten miteinander kombiniert. EMC hat ausserdem eine eigene Thin-Provisioning-Lösung zur besseren Auslastung der Systeme herausgebracht, genannt Virtual Provisioning für DMX-4 und DMX-3.

 
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