«Bei uns läuft vieles speziell»

«Bei uns läuft vieles speziell»

25. Oktober 2010 -
Artikel erschienen in IT Magazine 2010/11

Swiss IT Magazine: Herr Theiler, inwieweit sind Sie verantwortlich dafür, dass die VBL-Busse pünktlich fahren?
Franz Theiler: Je länger, je mehr. Denn die Anwendungen, die es dazu braucht, werden immer IT-lastiger. Früher bestand die Informatik der VBL aus einer klassischen Büro-Informatik mit ERP- sowie Office-Programmen. Heute ist es so, dass Applikationen immer häufiger auch in den Fahrzeugen und auf dem Streckennetz zu finden sind und diese auch immer stärker vernetzt werden.


Und die Einhaltung der Fahrpläne? Wird diese von der IT gesteuert?
Wir haben ein rechnergesteuertes Leitsystem, mit dem der gesamte Verkehr im Netz gesteuert wird. Überwacht wird dieses System von Disponenten, und wir zeichnen verantwortlich für die IT, welche dahinter steckt.

Sie haben die Vernetzung der Fahrzeuge angesprochen. Wie weit ist VBL in diesem Punkt?
Sehr weit. Ich behaupte sogar, dass wir zumindest von der Philosophie her führend sind in der Schweiz. Ein Novum ist beispielsweise, dass alle Fahrzeuge, die im Betrieb stehen, eine Breitband-TCP/IP-Verbindung haben. Früher wurde dazu mit analogem Funk gearbeitet. Sowohl Bandbreiten wie auch die Abdeckung waren damit aber sehr stark eingeschränkt. Ein Fahrzeug, das sich ausserhalb des Funkperimeters bewegte, konnte nicht mehr bewirtschaftet werden. Die zuständige Fachabteilung wollte zuerst diesen Betriebsfunk ausbauen. Doch schliesslich haben wir uns dazu entschieden, neue Technologien einzusetzen. Mittelfristig gibt es in jedem Bus nur einen Netzwerkanschluss – ähnlich wie an einem Büroarbeitsplatz. Sie müssen sich das so vorstellen: Wir haben unser VBL-Büronetzwerk bis auf die Fahrzeuge hinaus erweitert. Und wir wollen dieses Netz künftig bis auf die Infrastruktur – beispielsweise Haltestellen – ausdehnen und diese vernetzen. Dies unter anderem deshalb, weil bis zu 80 Prozent unserer über 400 Angestellten von unterwegs arbeiten. Genau diese Mitarbeiter verlangen nach Applikationen, die sie mobil nutzen können. Hier sind wir führend.

Über welches Netz kommunizieren die Busse?
Unterwegs über das 2G- und 3G-Mobilfunknetz von Swisscom und im Depot über WLAN.


Ist mobiles Internet für die Endkunden in den Bussen auch ein Thema?
Es gab dafür ein Konzept und technisch wäre dies auch möglich. Die Router in den Bussen wären dazu tauglich. Jedoch sind wir primär im Nahverkehr tätig, und hier haben wir festgestellt, dass der Internetzugang für die Fahrgäste angesichts der kurzen Strecken kaum Sinn macht.


In den VBL-Bussen findet der Fahrgast heute Bildschirme mit aktuellen Informationen. Wie werden diese Displays gefüttert?
Ebenfalls über unser Mobilnetz. Auf diesen Displays finden sich zum einen Fahrgastinformationen sowie tagesaktuelle News, zum anderen Werbung. Die Werbung ist von der Datenmenge her intensiver. Deshalb wird sie über Nacht, wenn die Busse hier im Depot stehen, automatisch via WLAN aufgespielt. Der Rest wird quasi in Echtzeit über das Handynetz an die Busse übertragen. Gerade im Bereich der Werbung haben wir viel dazu gelernt. Zu Beginn war hier die Idee, dass Werbung Location-abhängig aufgespielt wird – dass beispielsweise die Werbung des Metzgers um die Ecke angezeigt wird, wenn der Bus an diesem vorbeifährt. Wir haben aber schnell gemerkt, dass dies nicht funktioniert. Der Gast ist sich hochprofessionelle Werbemittel gewohnt, die Qualität muss hier stimmen. Heute arbeiten wir deshalb mit dem spezialisierten Partner APG zusammen.


Was sonst sind die Besonderheiten einer IT eines Verkehrsbetriebs?
Normalerweise haben Sie in einem Unternehmen ein Kerngeschäft, für das die IT eine Lösung bereitstellen muss. Bei uns müssen mehrere Gebiete IT-mässig abgedeckt werden. Erstens der Personentransport, bei dem der Kunde von A nach B gebracht werden muss. Zweitens die ÖV-Services – sprich die Betriebsüberwachung, die Fahrplanerstellung, der Verkauf sowie weitere Leistungen rund um den öffentlichen Verkehr. Drittens betreiben wir eine Werkstatt für Fahrzeuge, für den Fahrleitungsunterhalt und für die Billet-Automaten. Sie sehen also, wir kümmern uns um ein breites Spektrum, das nicht mit einer einzigen IT-Lösung abgedeckt werden kann. Die IT und das Business haben gemeinsam die Herausforderung, die verschiedenen Lösungen zu einer erfolgreichen unternehmensweiten Applikationsarchitektur zu vereinen.

Und was ist sonst noch speziell?
Früher gab es gerade in den Bereichen Personentransport und ÖV-Services die Situation, dass man komplette Lösungen von einem Lieferanten beziehen musste. Diese Lieferanten besassen eine Vormachtsstellung und verur-sachten hohe Kosten. Diesen Zustand haben wir in den letzten Jahren aufzubrechen versucht. Heute konzentrieren sich unsere Schlüssellieferanten auf ihr Kerngeschäft. Daneben versuchen wir aber, uns soweit es geht, von diesen Lieferanten loszubinden und über normierte ÖV-Schnittstellen Lösungen von spezialisierten Partnern zu beziehen. So können wir heute günstiger Lösungen bereitstellen.


Können Sie hier ein Beispiel nennen?
Nehmen wir das Beispiel DFI – sprich unsere dynamischen Fahrgastinformationen. Diese waren früher eingebettet in ein Komplettsystem eines Schlüsselherstellers. Heute haben wir das System dieses Herstellers im Kern zwar immer noch im Einsatz, aber die DFI werden über eine normierte Schnittstelle von einem spezialisierten Partner von uns betrieben.


Was tut sich im Bereich mobiles Ticketing?
Ein schwieriges Thema. Wir würden aktuell gerne eine Handylösung – eine App fürs iPhone – bauen. Doch die Problematik in diesem Bereich liegt darin, dass wir im Prinzip Auftragnehmer sind. Der Besteller – in unserem Fall der Kanton – gibt uns einen Auftrag. Wollen wir nun so eine iApp bauen, kommen rasch Einwände wie: «Die SBB hat doch bereits eine solche Lösung, und die ist ohnehin besser. Weshalb braucht VBL eine eigene Lösung?» Dabei gäbe es durchaus Mehrwerte, die wir bieten könnten – beispielsweise Echtzeitinformationen aus der Region. Ausserdem könnten wir über diesen Kanal spezielle Tickets verkaufen – etwa mit einem regionalen Fokus. So etwas zu lancieren, ist aber ein steiniger Weg, denn es kann rasch passieren, dass wir so als Konkurrent zur SBB wahrgenommen werden. Zudem möchte unser Auftraggeber verständlicherweise auch Kosten verhindern.


Bei solchen Ansätzen spielt also die Politik auch eine grosse Rolle?
Ja, das Ganze wird schnell sehr politisch. Doch ich bin hier, um Lösungen zu entwickeln.

Dann lassen wir Politik Politik sein. Können Sie mir verraten, wie ihr IT-Team aussieht?
Wir sind ein sehr kleines Team, das aus zwei Mitarbeitern und mir selbst besteht. Ausserdem haben wir immer einen bis zwei Lehrlinge in Ausbildung. Ich selbst kümmere mich nebst der IT-Leitung um die Projekte. Ein Mitarbeiter nimmt sich primär dem Netzwerk an, der andere ist für den Betrieb der Clients und Server verantwortlich.


Aber drei IT-Spezialisten für einen Betrieb mit über 400 Mitarbeitern scheint gar wenig.
Das stimmt, ist aber möglich. Bei uns läuft vieles etwas speziell. Käme jemand aus einer Grossfirma zu uns, hätte er zu Beginn vielleicht etwas Mühe. Wir haben sicher auch Prozesse wie ITIL, doch wir sind nicht im herkömmlichen Stil organisiert. Vieles basiert auf Vertrauen, es muss nicht alles über meinen Tisch laufen. Ich habe zudem das Glück, zwei hervorragende Mitarbeiter um mich zu haben.


Können Sie mir etwas über aktuelle Projekte verraten, die bei Ihnen in Arbeit sind.

Aktuell arbeiten wir daran, einen Echtzeit-Datenpool zu erstellen, mit dem wir die Systeme zur Fahrgastinformation füttern können. Fahrgäste können ja über verschiedene Kanäle mit Informationen versorgt werden, beispielsweise über die Bildschirme in den Bussen oder über ihr Mobilgerät. Es wäre sogar möglich, dass wir einem Fahrgast über ein Widget auf seinem Desktop am Arbeitsplatz Informationen zur Haltestelle am Firmensitz zur Verfügung bereitstellen. Damit das möglich ist, braucht es eine Grundlage, eben diesen Datenpool. Ein weiteres Projekt, das bereits seit Jahren parallel zu anderen Regionen der Schweiz läuft, ist das Ticketing-System. Die Idee war hier, dass jeder Kunde überall in der Schweiz auf einfache und einheitliche Art ein Ticket lösen kann. Zudem war vorgesehen, automatisiert über eine Standard-Schnittstelle des ÖV Vertriebs- und Abrechnungsdaten unter den verschiedenen Systemen in der Schweiz auszutauschen. Leider konnten beide Standards bis heute nicht zur Zufriedenheit durchgesetzt werden.


Woran ist das Projekt gescheitert?
Eine schwierige, heikle Frage. Aus meiner Sicht war schon die Ausschreibung zu weitführend. Bei der Umsetzung blieb vieles zu lange in der Theorie, da grosse Teile des Systems noch in Entwicklung standen. Aufgrund der langen Umsetzungszeit änderten sich teils auch die Bedürfnisse der Anspruchsträger und die Möglichkeiten der Technologien. Auch müssten die obersten Verantwortlichen des ÖV Schweiz mit mehr Herzblut hinter den Standards stehen und deren Umsetzungen konsequent durchsetzen.

Sehen Sie noch Chancen für das Projekt?
Unser Projekt wird wie die anderen Ticketing-Systeme in der Schweiz mit grosser Verspätung abgeschlossen werden. Für die Zukunft sehe ich eine Chance, wenn man sich entscheiden würde, eine Lösung mit einer zentralen Basis für ÖV-Daten für die Schweiz anzustreben. Diese müsste von einem unabhängigen Betreiber stammen – ähnlich wie dies Telekurs im Bankenwesen tut. Dies muss aber nicht bedeuten, dass der Handlungsspielraum für die Transportunternehmen für eigene Geschäftsmodelle dadurch eingeschränkt wird. Zudem müssten die Tarifmodelle einheitlicher und ganz sicher viel einfacher werden.


Zurück zu Ihrer IT. Angesichts ihrer Teamgrösse ist wohl vieles ausgelagert.
Nicht unbedingt. Früher hatte ich deutlich mehr outgesourced. Heute betreiben wir beispielsweise ein Rechenzentrum inhouse. Und gerade Infrastruktur-seitig machen wir eigentlich alles selber. So steht zum Beispiel der Umstieg von Windows XP und Office 2003 auf Windows 7 und Office 2010 an. Diesen werden wir ohne fremde Hilfe bewerkstelligen.


Bis wann wird diese Migration durch sein?
Das Projekt wird Anfang 2011 abgeschlossen. Aufwendig war vor allem die Planungsphase. Danach haben wir begonnen, die Pakete zu schnüren. Hier haben wir auf die Software-Verteilungslösung Columbus gesetzt. Daraufhin wird getestet, ein Pilot-Client aufgesetzt, bevor dann der Roll-out erfolgt. Zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang noch die Thematik Schulung. Gewisse Mitarbeiter kennen beispielsweise Office 2010 bereits, andere wünschen sich E-Learning, andere ziehen den klassischen Unterricht vor. Hier arbeiten wir aber eng mit der HR-Abteilung zusammen.


Was können Sie uns sonst noch zur Infrastruktur erzählen?
Wir haben eine Windows-Umgebung in Ergänzung mit Linux-Servern. Bei uns ist praktisch alles Server-seitig virtualisiert. Seit einigen Jahren sammeln wir ausserdem Erfahrung mit einem SAN. Hier mussten wir auch ein gewisses Lehrgeld bezahlen. Am Anfang bekommt man von den Herstellern sehr lukrative Angebote, und dann ist man gefangen. Man muss aufpassen, nicht in zu hohe Unterhaltskosten hineinzulaufen.


Abschliessend: Was reizt Sie persönlich an diesem Job bei VBL?
Ich mache diese Arbeit schon sehr lange, doch was mich immer wieder reizt, ist die Tatsache, dass ich immer wieder Neues schaffen kann. Wie erwähnt habe ich zudem ein gutes Team. Was ich ebenfalls sehr schätze, ist die Nähe zur Geschäftsleitung. Ich bin in der erweiterten GL, was für mich sehr wichtig ist. Sehen Sie, die Informatik muss sehr eng mit dem Business zusammenarbeiten. Wenn ich als IT-Leiter die Strategie der GL nicht verstehe, wird die Informatik zum Selbstläufer.

(mw)

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