Ghosting hat die Arbeitswelt erreicht

Kolumne

Ghosting hat die Arbeitswelt erreicht

Artikel erschienen in IT Magazine 2019/07
6. Juli 2019 -  Fabian Dütschler zu Bewerbern, die vom Erdboden verschluckt sind, und Unternehmen, die sich einfach nicht mehr melden.
Ghosting hat die Arbeitswelt erreicht
Fabian Dütschler ist Geschäftsführer von One Agency, einer führenden IT-Personaldienstleistungsagentur mit Hauptsitz an der Bahnhofstrasse in Zürich. In seiner Kolumne im "Swiss IT Magazine" beschäftigt sich Dütschler mit den Herausforderungen, die sich rund um die Personalsuche und die Karriere­planung ergeben. fd@oneagency.ch (Quelle: One Agency)
Jetzt werden sich einige Leute fragen, wieso ich das Thema Ghosting für diese Kolumne gewählt habe. Den Begriff Ghosting kennt man bis jetzt vor allem aus dem Dating-Bereich und er beschreibt das Phänomen, dass während der Dating-Zeit eine von zwei Personen ohne Vorwarnung plötzlich untertaucht und sich nicht mehr meldet – wie ein Geist, der nicht mehr auffindbar ist.

Genau dieser Begriff ist aktuell immer wieder in der Karrierewelt auffindbar. In den USA wird von No-Shows gesprochen. Es geht um Bewerber, die sich zum Beispiel nach einem Interview wie vom Erdboden verschluckt nicht mehr melden, oder auch um Unternehmen, die sich bei Bewerbern nicht mehr melden, sprich keine Zusage oder Absage geben.

Die erste Erfahrung mit Ghosting habe ich in der Anfangsphase meines Unternehmens gemacht, als sich an einem Freitag ein Bewerber drei Stunden mit mir unterhalten und sein Interesse bekundet hat, mir schliesslich versicherte, dass er sich am Montag zu 100 Prozent bezüglich dem Starttermin bei mir melden würde und er zudem voll motiviert sei, bei mir anzufangen. Er ging durch die Tür und trotz mehrmaligem Nachfassen habe ich seit diesem Zeitpunkt nie wieder etwas von ihm gehört.

Meiner Meinung nach ist das aufkommende Ghosting der Bewerber eine Reaktion auf das Verhalten der Unternehmen, die sich jahrzehntelang bei Bewerbern nicht gemeldet haben. Als Arbeitnehmer kennt man das Spiel: Man schickt über 20 Bewerbungen an Unternehmen raus und bei den Wenigsten erhält man ein rasches und ehrliches Feedback, was meiner Meinung nach sehr unprofessionell und unhöflich ist. Es gibt leider immer noch zu viele Recruiting-Abteilungen, die völlig überfordert sind.
Meiner Meinung nach muss der Bewerbungsprozess von Unternehmen sehr rasch und transparent gestaltet werden. Die Kommunikation ist hier das A und O. Es kann nicht sein, dass ein Bewerber nach sieben Tagen immer noch keine Antwort vom Unternehmen erhalten hat. Der Rekrutierungsprozess der Unternehmen muss der schnelllebigen Welt angepasst und verkürzt werden. Unsere Erfahrung zeigt, dass genau aufgrund dieser Langsamkeit Bewerber sich schon oft für das zweitbeste Angebot entschieden haben anstatt für das beste.

Für Bewerber ist "kein Feed­back" etwas vom Schlimmsten. Das gleiche gilt ja auch beim Dating. Sobald man von der anderen Partei nichts hört, beginnt das Kopfkino und es können hohe und falsche Erwartungen entstehen, die schliesslich in einer gros­sen Enttäuschung enden. Die Gegenpartei tut dies meistens nicht aus Absicht oder Bösartigkeit, sondern aus purem Egoismus und Selbstfixiertheit. Man ist sich gar nicht bewusst, welchen Schaden man damit anrichtet. Mit einer ehrlichen und transparenten Kommunikation könnte dies verhindert werden.

Gerade in der aktuellen Wirtschaftslage, wo wir eine sehr niedrige Arbeitslosenquote haben und IT-Spezialisten wissen, dass sie auf dem Markt enorm gesucht und begehrt sind, ist es wichtig für ein Unternehmen, eine gut funktionierende HR-/Recruiting-Abteilung zu haben. Beim Thema Ghosting müssen meiner Meinung nach Unternehmen den ersten Schritt tun; nämlich mit einer transparenten und auf Augenhöhe mit den Bewerbern geführten Kommunikation. Nur so ist es möglich, dass wir nach und nach Bewerber bezüglich Ghosting erziehen ­können.
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