Fussnote brachte Z4 an die ETH Zürich

Fussnote brachte Z4 an die ETH Zürich

4. Dezember 2011 - von Herbert Bruderer, ETH Zürich, Departement Informatik

Die ETH Zürich war 1950 die einzige Universität des europäischen Festlandes, die einen programmgesteuerten Digitalrechner hatte, die legendäre Z4. Um diese Maschine ranken sich manche Geheimnisse. Eines davon wurde jetzt wohl gelüftet.
Artikel erschienen in IT Magazine 2011/12
Der Krieg ist die Mutter aller Dinge». Diese Redensart gilt mindestens teilweise auch für die Entstehung des Computers. Die frühen britischen und amerikanischen Grossrechner, Colossus (1944, britische Post) und ENIAC (1946, Universität Philadelphia), wurden in der Tat für militärische Anwendungen gebaut. Auch Zuse hatte Kriegsaufträge, etwa für die Spezialrechner S1 und S2. Diese Lage änderte sich nach 1945 nur zögerlich. Der von ehemaligen Kryptoanalytikern der US-Marine entwickelte Atlas 1 (1950) wurde erst ein Jahr später unter der Bezeichnung ERA 1101 für die zivile Nutzung freigegeben (1952 Übernahme durch Remington Rand, heute Unisys).

Der erste moderne Wissenschaftsrechner von IBM, IBM 701 (1953), hiess ursprünglich «Defense calculator». Desgleichen wurde der Whirlwind (1951) des Massachusetts Institutes of Technology, ein Echtzeitrechner, zunehmend der Geheimhaltung unterstellt. Der ENIAC war auch für die Berechnung der Atombombe eingesetzt worden. Die Kunde über diese Maschine drang über Geheimdienste nach Europa. Zuses Z4 stand von 1950 bis 1955 – für friedliche Zwecke – an der ETH Zürich. Anschliessend ratterte sie bis 1959 im Laboratoire de recherches in St. Louis bei Basel. Dieses Zentrum arbeitete für die Rüstungsforschung.
Z4: Mechanischer Speicher
Relaisschränke der Z4


Geheimnisumwitterter Digitalrechner

Um die legendäre Z4 gibt es nach wie vor viele Geheimnisse – sie zu lüften ist schwierig, weil die Pioniere der ersten Stunde gestorben sind. Die Fragen:

- Was für eine Prüfaufgabe stellte Eduard Stiefel der Z4 bei seinem Besuch im süddeutschen Allgäu? Zeitzeugen wie Urs Hochstrasser (ehemaliger Direktor des Bundesamts für Bildung und Wissenschaft, Bern) und Corrado Böhm (Universität Rom) bezweifeln, dass es eine Differenzialgleichung war, wie Zuse in seinen Lebenserinnerungen erwähnt.

- War die Z4 – wie seit Jahrzehnten im In- und Ausland vielfach verbreitet – tatsächlich nachts unbeaufsichtigt in Betrieb? Nachforschungen im Zusammenhang mit dem Zuse-Jahr 2010 (100 Jahre Konrad Zuse) beweisen, dass das nicht der Fall war.

- Wie erfuhr Stiefel, der Anfang Januar 1948 an der ETH Zürich das Institut für angewandte Mathematik gegründet hatte, im Juli 1949 von der Existenz dieser Maschine? In den ersten Nachkriegsjahren waren die Zusemaschinen im In- und Ausland weitgehend unbekannt. Nach Hartmut Petzold vom Deutschen Museum in München (Moderne Rechenkünstler, Verlag C.H. Beck, München 1992, Seite231) haben selbst die Erbauer der PERM (programmgesteuerte elektronische Rechenanlage München), Vater Hans und Sohn Robert Piloty von der damaligen Technischen Hochschule München, gegen Ende der 1940er Jahre von den Arbeiten Zuses nichts gewusst.

Weder in Zuses Lebenserinnerungen noch im Protokoll des ETH-Schulrats vom 6. Oktober 1949 gibt es Angaben darüber, wie Stiefel die jahrelang in Süddeutschland eingemottete Z4 aufgespürt hatte. Seit dem 4. November 2011 ist dieses Geheimnis aufgrund langwieriger Nachforschungen mit hoher Wahrscheinlichkeit gelüftet.
 
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