Marktübersicht: Schritt für Schritt zur Individualsoftware

Marktübersicht: Schritt für Schritt zur Individualsoftware

Artikel erschienen in IT Magazine 2020/01

Mittels Testprojekt zum richtigen Partner

Ist der Entscheid gefallen, sich eine massgeschneiderte, individuelle Software entwickeln zu lassen, geht es an die Suche des passenden Entwicklungspartners. Diese Suche kann durchaus aufwändig sein, allerdings ist die Wahl des passenden Partners für das Gelingen eines Software-Projekts absolut entscheidend. Oder wie es Yoo-CEO Laurin Stoll sagt: «Softwareentwicklung ist ein People Business: Am Schluss wird das entwickelte Resultat nur so gut, wie die Zusammenarbeit zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer.» Philippe Streit, CEO von Advis, fügt ausserdem hinzu: «Der Aufbau der Kundenbeziehung vor dem eigentlichen Projekt ist entscheidend.» Gespräche nicht nur mit den Verkäufern, sondern auch mit den Entwicklern, Projektleitern – das sei der Weg zum Erfolg, weiss Streit.

Reto Bättig, CEO von M&F Engineering, gibt folgenden Rat: «Am besten findet ein Unternehmen den passenden Partner, indem es mit den möglichen Partnerfirmen über das Vorhaben spricht und idealerweise sogar passende Referenzkunden des Unternehmens kontaktiert. Danach kann man mit einem kleinen Testprojekt prüfen, ob sich die Erwartungen erfüllen. So entwickelt sich ein gutes Gefühl, ob die Partnerfirma zum Unternehmen passt.» Ins gleiche Horn bläst Laurin Stoll: «Die beste Evaluation eines Software-Partners gelingt unserer Erfahrung nach mittels eines kleinen, überschaubaren Pilot-/Vorprojektes.»

Ebenfalls als wichtige Kriterien bei der Wahl eines Software-Entwicklungspartners genannt wird die ausgewiesene Erfahrung in ähnlich gelagerten Projekten respektive erfolgreiche Referenzprojekte inklusive entsprechender Kundenreferenzen, aber auch qualifiziertes Management und Personal, finanzielle Stabilität und in dem Zusammenhang die Firmenhistorie sowie Skalierungsmöglichkeiten innerhalb der Firma respektive im Netzwerk. Entsprechend wird eine aktive Marktrecherche empfohlen, zum Beispiel in IT-Fachmedien, sowie das Einholen von Auskünften bei IT-Consulting-Firmen, CIOs anderer Firmen und im eigenen Netzwerk.

Von den Entwicklerunternehmen immer wieder genannt wird auch der Punkt Kommunikation beziehungsweise die Notwendigkeit, dass Kunde und Anbieter dieselbe Sprache sprechen. Ebenfalls Beachtung zu schenken ist weiter den vom Entwickler verwendeten Technologien, wie Andrin Spring, CEO von Exanic, erklärt: «Wichtig ist sicherlich, dass moderne und aktuelle Technologien verwendet werden.» Hier könne es zu einem Tradeoff zwischen Erfahrung/Bewährtem und Neu/Innovation kommen. Diese Balance sei nicht immer einfach zu finden. «Die verfügbaren Kapazitäten und gegenseitigen Erwartungen sollten zudem klar abgesprochen werden, um spätere Missverständnisse zu vermeiden.» Für eine zielführende Partnerschaft sei es zudem sinnvoll, dass man bezüglich Unternehmenskultur ein ähnliches Mindset hat – Stichwort Agilität beispielsweise –, weil dies den Alltag beziehungsweise die Zusammenarbeit massgeblich prägt. Und: «Im Rahmen einer Auswahl ist es auf jeden Fall sinnvoll, immer mehrere Optionen zu prüfen. Der potenzielle Softwarepartner sollte über ein Profil mit klar erkennbarem Fokus verfügen. Software ist nicht gleich Software. Die Zeiten, wo eine Firma alles kann, sind heute definitiv vorbei.» Thomas Wüst von Ti&m ergänzt: «Ein Softwarepartner, der die Bedürfnisse des Kunden aufnehmen kann und mit ihm gemeinsam innovative und erfolgreiche Lösungen gestalten kann, sitzt nah beim Kunden vor Ort und deckt das komplette benötigte Wissen – fachlich, methodisch und technisch – in vertikal integrierten Teams ab. Nur ein solches Setting ermöglicht eine echte Partnerschaft auf Augenhöhe, bei der der Auftraggeber vom unternehmerischen Geist und der Innovationsfähigkeit des Dienstleisters profitieren kann.»

Anforderungen: Ein Agiler, kollaborativer Prozess

Ist der Software-Entwicklungspartner gefunden, steht als nächster grosser Meilenstein die Definition eines Anforderungskatalogs an. «Der Anforderungskatalog muss sowohl funktionale, nicht funktionale Anforderungen sowie Randbedingungen enthalten. Diese sind entsprechend kategorisiert und in Muss, Soll und Kann eingeteilt», erklärt dazu Patrick Arpagaus, CEO von Werosoft. Weiter ergänzt er, dass die Anforderungen verständlich formuliert und im Falle von nicht-funktionalen Anforderungen auch messbar sein sollen. Und: «Im Idealfall sind die Anforderungen bereits mit Akzeptanzkriterien ergänzt.» Daniel Gubler, Account Manager bei Clavis, fügt an: «Wichtig für den Anforderungskatalog ist der Einbezug der absoluten Spezialisten aus dem Business und der IT, kombiniert mit Personen, die den Blick fürs Ganze haben.» Bei Clavis starte man häufig mit einer initialen Version, worauf dann die Anforderungen agil gesammelt, bewertet und in überschaubaren Arbeitspaketen umgesetzt werden. In eine ähnliche Richtung gehen die Aussagen von Nicolas Durville, CEO von Zühlke Schweiz. Er sagt, dass im Requirements Engineering früher häufig lange und umfangreiche Anforderungskataloge geschrieben und diese anschliessend an die Softwareabteilung zur Umsetzung weitergegeben wurden. Dies mit dem Ergebnis, dass Anforderungen implementiert wurden, die nicht gebraucht wurden oder keinen echten Mehrwert mit sich brachten. «Heute ist der Prozess von agilen Prinzipien und einem engen Austausch mit den Fachabteilungen geprägt. Die Produkte werden über mehrere Sprints weiterentwickelt. Die Entwicklung ist daher schneller, die Ergebnisse werden früher sichtbar und die entwickelte Lösung bringt den Fachabteilungen und Kunden den erwünschten Mehrwert», so Durville, der zudem anfügt: «Die echten Erfolgsfaktoren sind die enge Zusammenarbeit des Business und der IT sowie die schrittweise Entwicklung von neuen Lösungen.»

Laut Tim Weinmann, VP Marketing bei Mimacom, wird ein Anforderungskatalog im Idealfall zusammen erarbeitet. «Insofern sollte auch das Requirements Engineering in einem kollaborativen Modus stattfinden. Somit können die Anforderungen frühzeitig einer Kosten-/Nutzen-Analyse unterzogen werden, das gemeinsame Verständnis der zu entwickelnden Lösung steigt und die technologischen Anforderungen können daraus abgeleitet werden.» Dies bestätigt auch Advis-CEO Philippe Streit: «Wir haben sehr gute Erfahrungen gemacht, wenn unsere Mitarbeitenden direkt mit dem Benutzer vor Ort interagieren und mittels Interviews und Besuchen vor Ort die Arbeitsabläufe und die Firma kennenlernen. In einem zweiten Schritt werden dann User-Stories erstellt und gemeinsam immer detaillierter beschrieben. Am Ende des Prozesses hat man eine sehr gute Übersicht über das ganze Projekt, die nötigen Arbeiten und auch eine grobe Aufwandschätzung.»

Eine Herausforderung dieser agilen Vorgehendweise liegt allerdings darin, das Budget im Griff zu haben, wie etwa Andrin Spring, CEO von Exanic, erklärt, «weil das agile Vorgehen nicht den Anspruch hat, sämtliche Einzelheiten von Beginn weg zu definieren.» Gleichzeitig bestehe aber oftmals der Anspruch nach einer genauen Aufwandschätzung, woraus sich ein Zielkonflikt ergebe. «Es macht deshalb Sinn, ein Budget zu definieren und dieses in überschaubare Teile wie zum Beispiel Phasen und Meilensteine aufzuteilen. Neben einer laufenden Budgetkontrolle ist vor allem die konsequente Beachtung der Prioritäten im Backlog beziehungsweise deren Anpassung bei Bedarf sowie das Tracking von Änderungen und neuen Anforderungen entscheidend für den Projekterfolg.» Wichtig sei nicht zuletzt auch, dass man sich bewusst wird, dass ein Projekt heute selten «fertig» ist. «Nach dem Release erfolgt die Weiterentwicklung aufgrund von Anpassungen und neuen Anforderungen, welche sich über einen längeren Zeitraum verteilt. Es ist deshalb sinnvoll, bei der Budgetierung diese Weiterentwicklung zu berücksichtigen. Die Folge sind Jahresbudgets anstatt einmalige Projektbudgets.»

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Anti-Spam-Frage Wieviele Fliegen erledigte das tapfere Schneiderlein auf einen Streich?
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