Scheitern erlaubt?!

Scheitern erlaubt?!

Artikel erschienen in IT Magazine 2018/04

Fuck-up-Nights: Auch sinnvoll in Unternehmen?

Solche Foren und Freiräume sind nötig – auch in Unternehmen; gerade in einem Umfeld, das von rascher Veränderung und sinkender Planbarkeit geprägt ist. Denn in ihm scheuen sich nicht nur viele Vorstände, (Projekt-)Manager und Führungskräfte, sondern auch Mitarbeiter, die operative Verantwortung tragen, zunehmend, Risiken einzugehen – aus Angst, zu scheitern, am (gesellschaftlichen) Pranger zu stehen, das Stigma "Loser" auf der Stirn zu tragen. Doch wer soll in unserer Gesellschaft, in unseren Unternehmen noch herausfordernde Aufgaben übernehmen und zukunftsweisende Entscheidungen, die stets risikobehaftet sind, treffen, wenn wir eine Kultur tolerieren, die ein Scheitern verurteilt? Was passiert dann mit dem Unternehmergeist, dem Pionierdenken, der Entdeckerfreude, dem Veränderungswillen, der unsere Gesellschaft und die Unternehmen vorantreibt?

Thomas Edison, der Erfinder unter anderem der Glühbirne, erhob das Fehler-Machen und Scheitern zum Prinzip. Als ein Mitarbeiter nach dem tausendsten Versuch, eine marktreife Glühbirne zu entwickeln, sagte "Wir sind gescheitert", soll Edison erwidert haben: "Ich bin nicht gescheitert. Ich kenne jetzt 1000 Wege, wie man keine Glühbirne baut." Dieses Denken fehlt uns zunehmend. Wir haben vergessen, wie wertvoll die Erfahrungen sein können, die Menschen im Kontext von Misserfolg sammeln. Sie heben den Reifegrad und verbessern die Perfor­mance bei den nachfolgenden Aufgaben und Versuchen – wenn die Erfahrungen reflektiert und verarbeitet werden.

Doch leider fördert die Kultur in unserer Gesellschaft und in vielen Unternehmen das Gegenteil. Ein Scheitern ist nicht erlaubt. Und Menschen, die gescheitert sind, bekommen selten eine zweite Chance. Doch so kann kein Lernen erfolgen. Vielleicht sollte es auch in den Unternehmen Fuck-up-Nights oder -Meetings geben, in denen Mitarbeiter freimütig darüber berichten, wie sie zum Beispiel
• ein Projekt krachend an die Wand fuhren, oder
• eine Auftragschance so richtig vergeigten, oder
• einer absoluten Fehleinschätzung unterlagen, oder
• zu lange an einer falschen Strategie festhielten.

Ein Umdenken ist nötig – auch im HR-Bereich

Ausser die Köpfe der "Gescheiterten" würde dies auch die Köpfe vieler ihrer Kollegen wieder freier machen, die in der ständigen Angst leben: "Das darf mir nicht passieren, sonst...". Vermutlich würden solche Nächte oder Meetings einen Beitrag dazu leisten, dass Fehler als Chance gesehen werden und Personen, die auf dem Holzweg sind oder waren, sich und anderen offen eingestehen können: "Das ist zwar dumm gelaufen, doch ich habe daraus viel gelernt."

Auch die Personalverantwortlichen sollten umdenken. In vielen Unternehmen bedeutet zum Beispiel ein gescheitertes Projekt noch das Karriere-Aus. Also wird das sich abzeichnende Scheitern so lange verschwiegen, bis die Fehlentwicklung zum Himmel stinkt, und mittelmässige Ergebnisse werden so stark beschönigt, dass sie in gleissendem Licht erstrahlen. Und bewirbt sich ein gescheiterter Selbständiger bei Unternehmen? Dann fassen ihn diese, wenn überhaupt, meist nur mit Glacéhandschuhen an. Dabei sollten solche Bewerber einen Bonus haben, denn sie zeigten Eigeninitiative und -verantwortung und wissen, wie man gewisse Dinge nicht machen sollte, wenn man erfolgreich sein möchte.

Eigentlich sollten die Personalverantwortlichen in den Unternehmen Bewerber – zumindest solche, die sich für eine Position bewerben, die viel Eigeninitiative und -verantwortung erfordert – in Vorstellungsgesprächen stets fragen:
• "Sind Sie in Ihrem (Berufs-)Leben schon einmal so richtig gescheitert?". Und:
• "Was haben Sie daraus gelernt?".

Und wenn auf die erste Frage nichts kommt, dann sollten sie sich überlegen: Stellen wir diese Person wirklich ein? Denn dann hat der Bewerber für seine künftige Position sehr wichtige Erfahrungen noch nicht gemacht. Oder er hat sie verdrängt. Oder er lügt. In allen drei Fällen ist er wohl nicht der Richtige.

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