Die Umstellung auf künstliche Intelligenz läuft in der Schweiz auf Hochtouren. 57 Prozent der Unternehmen nutzen sie mittlerweile, ein Anstieg gegenüber 46 Prozent im Vorjahr. Damit liegt die Schweiz über dem europäischen Durchschnitt von 54 Prozent. Auch die Cloud-Nutzung als technisches Fundament wächst weiter, von 66 auf 74 Prozent. Das zeigt die
Studie „Das Potenzial von KI in der Schweiz 2026 erschliessen“ im Auftrag von Amazon Web Services (AWS). Wer jedoch nur auf die Gesamtzahl blickt, übersieht ein wichtiges Detail, denn kleine und mittlere Unternehmen (KMU) zeigen ein differenzierteres Bild.
KMU im Rückstand
Bei der KI-Einführung liegen KMU spürbar hinter grösseren Unternehmen zurück. 55 Prozent der Schweizer KMU setzen bereits auf KI, bei Grossunternehmen sind es sogar 64 Prozent. Dabei ist das Interesse an der Technologie grundsätzlich vorhanden: 65 Prozent aller Unternehmen stufen die Einführung von KI als hohe oder sehr hohe Priorität ein, 70 Prozent sehen KI als entscheidenden oder wichtigen Teil ihrer Geschäftsstrategie.
Doch zwischen Anspruch und tatsächlicher Umsetzung klafft zumindest bei vielen KMU noch eine Lücke. Ein Grund dafür liegt in fehlenden Strukturen. 41 Prozent der KMU verfügen über kein eigenes KI-Budget, nur 29 Prozent haben eine klare und umfassende KI-Strategie. Ohne festgelegte Mittel und ohne Zielbild bleibt es für viele Betriebe bei einzelnen Versuchen statt bei einem geplanten Einsatz von KI im gesamten Unternehmen.
Wer einsteigt, geht in die Tiefe
Interessant wird es bei den Unternehmen, die den Schritt bereits gewagt haben. Unter den KMU, die KI nutzen, erreichen 22 Prozent die fortgeschrittenste Stufe der KI-Einführung, bei allen Unternehmen sind es im Schnitt nur 18 Prozent. Als fortgeschritten gilt dabei der Einsatz mehrerer kombinierter Modelle, massgeschneiderter KI-Systeme oder agentischer und autonomer KI. KMU, die investieren, setzen dies also oft bewusst und konsequent um.
Das schlägt sich auch in der Innovationsgeschwindigkeit nieder. 64 Prozent der KI-nutzenden KMU berichten, dass sich ihre Innovationszyklen in den vergangenen zwei Jahren beschleunigt haben. KI dient vielen Betrieben als Treiber für neue Prozesse und Geschäftsmodelle, weit über die reine Effizienzsteigerung im Tagesgeschäft hinaus.
Bremsklötze für KMU
Trotz dieser Fortschritte bremsen mehrere Faktoren den breiteren Einsatz. 36 Prozent der KMU nennen fehlende finanzielle Mittel als Hindernis für die Einführung oder den Ausbau von KI, deutlich mehr als der Durchschnitt aller Unternehmen mit 28 Prozent. Auch der Zugang zu Fachwissen bleibt eine Herausforderung: 42 Prozent aller Unternehmen nennen fehlende KI- und Digitalkompetenzen als Barriere für die Einführung oder den Ausbau von KI.
Hinzu kommt regulatorische Unsicherheit als zweiter grosser Bremsfaktor. 23 Prozent der Unternehmen nennen rechtliche Unsicherheit durch KI- und Digitalregulierung als Hindernis, 21 Prozent die Komplexität grenzüberschreitender Vorschriften. Die Belastung dürfte eher zu- als abnehmen. 82 Prozent aller Unternehmen erwarten, dass die Kosten für regulatorische Compliance in den kommenden drei Jahren weiter steigen. Klare und verlässliche Rahmenbedingungen würden es Unternehmen jeder Grösse erleichtern, Investitionsentscheidungen mit Zuversicht zu treffen.
Hebel für den nächsten Schritt
Ein wichtiger Ansatz für mehr Tempo liegt im Zugang zu Technologiepartnern. 85 Prozent der Schweizer Unternehmen geben an, ausreichend Auswahl zwischen verschiedenen Anbietern von KI-Technologien zu haben, 93 Prozent nutzen bereits eine Mischung aus Anbietern verschiedener Regionen, statt sich auf einen einzigen Anbieter aus dem Heimatmarkt zu beschränken. Gerade für KMU ist diese Offenheit wertvoll. Auch sie profitieren von der breiten Auswahl an Funktionen, Skalierbarkeit und Preisen, die es bei verschiedenen Anbietern gibt.
Ebenso spielt staatliche Unterstützung eine Rolle. 58 Prozent der Unternehmen bewerten Zuschüsse und steuerliche Anreize als entscheidend oder sehr wichtig für ihre Entscheidung, KI einzuführen. An der Talentbasis liegt es jedenfalls nicht. Im
Stanford AI Index 2026 belegt die Schweiz weltweit den ersten Platz bei der Dichte an KI-Fachkräften, mit etwa 110 Forschenden und Entwickelnden pro 100'000 Einwohnenden, vor Singapur und deutlich vor Deutschland und dem Vereinigten Königreich.
Die Grundlagen für die nächste Phase der KI-Nutzung sind also vorhanden. Entscheidend wird nun, wie schnell es gelingt, auch KMU vom Pilotprojekt zur festen Integration von KI zu begleiten. Mit gezielter Unterstützung bei Budget, Kompetenzen und regulatorischer Klarheit kann aus einzelnen Vorreitern eine breite Bewegung werden, die den Wirtschaftsstandort Schweiz insgesamt stärkt.
Der Autor
Christoph Schnidrig ist Head of Technology ALPS bei AWS in Zürich. Sein Weg führte vom Systems Engineer und Ethical Hacker in Führungsrollen. Er war federführend am Aufbau der AWS Region Zürich beteiligt und treibt deren Weiterentwicklung mit Fokus auf Security, Souveränität und Generative AI voran.