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Editorial

KI ist zu billig

«Es dürfte nicht mehr lange dauern, bis KI-Werkzeuge ähnlich viel kosten wie der Arbeitsaufwand, den sie heute einsparen.»

Artikel erschienen in Swiss IT Magazine 2026/09



Das sage nicht ich, das sagt Chris Bingham, CTO Schweiz von Fujitsu, im Interview auf Seite 64. Das klingt im ersten Moment wenig erfreulich, ist auf den zweiten Blick aber vielleicht notwendig – im Sinne unserer Gesellschaft.

KI ist derzeit in vielerlei Hinsicht zu billig. Zum einen wird sie von den grossen Anbietern im Kampf um Marktanteile massiv subventioniert. Die Preise, die Unternehmen und Privatpersonen bezahlen, spiegeln deshalb kaum die tatsächlichen Kosten wider. Zum anderen bleibt der Ressourcenverbrauch weitgehend unsichtbar. Jede Anfrage benötigt Rechenleistung, Strom und Kühlung und belastet damit die Umwelt. KI ist zu billig im Verhältnis zu den Ressourcen, die sie verbraucht.


Die grössere Herausforderung betrifft jedoch die Menschen, deren Arbeit KI ersetzen kann. Für wenige Franken im Monat übernimmt sie Aufgaben, für die Unternehmen bislang Mitarbeitende beschäftigt haben. Sie schreibt Texte, erstellt Präsentationen, fasst Dokumente zusammen, recherchiert, analysiert Daten oder programmiert. Und sie macht das jederzeit, ohne Ferien, ohne Lohnforderung und ohne die Gefahr, nach zwei Jahren wieder zu kündigen.

Gerade für Juniorstellen wird das bekanntermassen zum Problem. Weshalb soll ein Unternehmen einen Berufseinsteiger einstellen, einarbeiten und ihm während Monaten oder Jahren Aufgaben übertragen, die eine KI sofort, vermutlich gleich gut oder besser und mit Bestimmtheit schneller erledigt? Natürlich kann eine KI nicht alles ersetzen. Sie übernimmt keine Verantwortung, sie kennt den Kontext nicht wirklich und sie ersetzt weder Erfahrung noch Urteilsvermögen. Aber sie kann jene Arbeiten erledigen, über die junge Mitarbeitende Erfahrung sammeln. Wenn diese Einstiegsarbeiten wegfallen, stellt sich zwangsläufig die Frage: Woher kommen dann die erfahrenen Fachkräfte von morgen?
Und nicht nur Juniors sind mit der KI-Konkurrenz konfrontiert. Kürzlich erzählte mir ein hoch spezialisierter Softwareentwickler, seit rund zwei Jahren keine Zeile Code mehr geschrieben zu haben. Seine Aufgabe sei heute vor allem, Agenten zu steuern und deren Resultate zu kontrollieren. Er tut dies im Wissen, dass die KI nebenbei sein komplettes Know-how absaugt, das er sich über viele Jahre angeeignet hat – bis es ihn irgendwann, wohl eher früher als später, gar nicht mehr braucht. Solche Aussagen hört man inzwischen öfter. Nicht nur von Callcenter-Mitarbeitenden oder Sachbearbeitern, sondern auch von Programmierern, Designern, Analysten und Juristen. Es geht nicht darum, ob KI Arbeitsplätze verändert. Das tut sie längst. Die entscheidende Frage ist, in welchem Tempo sie Arbeit ersetzt – und ob wir als Gesellschaft schneller Antworten finden, als Unternehmen Arbeitskräfte durch KI ersetzen können.

Die Diskussionen darüber, wie man dieser Entwicklung begegnen kann, finden durchaus statt. Bedingungsloses Grundeinkommen oder eine Beteiligung der Bevölkerung an den Gewinnen der KI-Konzerne sind nur zwei Ideen, die kursieren. Massnahmen werden nötig sein, daran zweifelt kaum jemand. Nur dürfte es lange dauern, bis aus Diskussionen tragfähige Modelle werden. Die Technologie wird sich in dieser Zeit nicht gedulden. Und selbst wenn der materielle Ausgleich irgendwann gelingt: Arbeit bedeutet für die meisten Menschen mehr als ein Einkommen. Sie gibt dem Alltag Struktur, vermittelt Zugehörigkeit und das Gefühl, gebraucht zu werden. Nur darüber zu debattieren, wie sich die Produktivitätsgewinne verteilen lassen, greift deshalb zu kurz.


Vielleicht ist es tatsächlich der einzig realistische Weg, dass KI irgendwann ungefähr so viel kostet wie die menschliche Arbeit, die sie einspart. Das mag auf den ersten Blick – gerade aus Unternehmenssicht, wo man eben die ersten hübschen KI-Transformationsprojekte zum Fliegen gebracht hat – wenig attraktiv wirken. Für die Gesellschaft könnte es aber eine notwendige Korrektur sein. Denn die Annahme, dass wir uns die Folgen einer beinahe kostenlosen Automatisierung später schon irgendwie leisten können, ist blauäugig.
Marcel Wüthrich, Chefredaktor
mwuethrich@swissitmedia.ch


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