Wer seine Buchhaltung nur in grösseren Abständen nachführt, hat im Alltag einen eingeschränkten Überblick über die finanzielle Lage des Unternehmens und muss wiederkehrende administrative Arbeiten später gebündelt erledigen. Genau dort setzt das Start-up
Infinity.swiss an. Die Plattform verbindet Buchhaltung, Rechnungsstellung, Projektverwaltung und Zeiterfassung und automatisiert unter anderem das Erfassen von Belegen, die Zuordnung von Zahlungen und das laufende Nachführen der Buchhaltung.
Eine Idee aus dem eigenen Alltag
Die Geschichte hinter
Infinity.swiss begann bereits im Gymnasium, lange, bevor die heutige Gesellschaft 2023 gegründet wurde. Dort lernten sich Stefan Wittwer und Raksmey Oum kennen. Wittwer, heute Co-Founder und CEO, betrieb damals eine Website für individuell konfigurierbare Computer. Gemeinsam mit Oum, dem heutigen Co-Founder und COO, setzte er später Websites, Grafiken und weitere digitale Projekte für Kunden um. Daraus entstand eine Web- und Designagentur. Der Anstoss für Infinity.swiss kam schliesslich aus der eigenen Administration. Für ihre Agentur nutzten Wittwer und Oum verschiedene Buchhaltungsprogramme. Diese erfüllten zwar ihren Zweck, waren aus Sicht der Gründer aber umständlich zu bedienen und automatisierten zu wenig.
«Wir gingen mit einer gewissen Naivität an die Sache heran und dachten, wir seien gute Designer und Entwickler und könnten es besser machen», sagt Oum lachend. Erst während der Entwicklung zeigte sich, wie tief das Thema reicht. Neben der Buchungslogik musste das Team Bankanbindungen, Mehrwertsteuer-Sonderfälle, die Lohnbuchhaltung und das Schweizer Rechnungslegungsrecht berücksichtigen.
CEO Stefan Wittwer (4. v. l.), COO Raksmey Oum (2. v. l.) und Simon Helbling (Mitte, unten), verantwortlich für Marketing und Kommunikation, wollen mit Infinity.swiss die Buchhaltung von KMU weitgehend automatisieren. (Quelle: Infinity.swiss)
Einfach für den Nutzer, komplex im Hintergrund
Gerade weil die Abläufe hinter der Buchhaltung komplex sind, soll die Bedienung möglichst einfach bleiben.
Infinity.swiss richtet sich einerseits an kleine Unternehmen, die ihre Administration weitgehend selbst erledigen möchten. Andererseits bietet die Plattform Treuhändern die nötigen Fachfunktionen, um zahlreiche Mandate effizient zu bearbeiten.
Die Buchhaltung selbst hat das Start-up nicht neu erfunden. Infinity.swiss bietet grundsätzlich dieselben Funktionen wie andere Buchhaltungsprogramme. Dazu gehören die Rechnungsstellung, die Erfassung von Einnahmen und Ausgaben sowie die Zusammenarbeit mit dem Treuhänder. Anders ist jedoch, wie die einzelnen Schritte ablaufen. Tätigkeiten, die in klassischen Lösungen manuell erledigt und miteinander abgeglichen werden müssen, sollen stärker automatisiert und möglichst im Hintergrund verknüpft werden. KMU können über die Plattform Kunden und Projekte verwalten, Arbeitszeiten erfassen sowie Offerten und Rechnungen erstellen. Erfasste Leistungen lassen sich direkt verrechnen. Für unterwegs steht eine iOS-App bereit (eine Android-Version soll dieses Jahr folgen). Ein Handwerker kann dem KI-Agenten darin beispielsweise per Sprache mitteilen, für welchen Kunden er eine Offerte mit welchen Positionen und welchem Rabatt benötigt. Der Agent erstellt daraus einen Entwurf, den der Nutzer anschliessend prüfen kann.
Auch die laufende Buchhaltung soll möglichst automatisch geführt werden. Nach der Verbindung des Bankkontos erscheinen neue Kontobewegungen in der Plattform. Belege lassen sich hochladen, an eine E-Mail-Box senden oder mit dem Smartphone fotografieren. Das System erkennt unter anderem Lieferant, Betrag, Datum und Mehrwertsteuer, ordnet den Beleg der passenden Zahlung zu und erstellt daraus die Buchung. Eingehende Zahlungen können zudem offenen Rechnungen zugeordnet werden. Zahlungsaufträge lassen sich an das E-Banking übermitteln, müssen dort aber weiterhin vom Nutzer bestätigt werden.
Treuhänder arbeiten grundsätzlich mit derselben Oberfläche und denselben Funktionen wie Unternehmer. Einige Werkzeuge kommen in der Praxis jedoch primär bei ihnen zum Einsatz, da Unternehmen ihre tägliche Buchhaltung meist auch ohne diese erledigen können. Treuhänder nutzen diese Funktionen wiederum, um Buchungen einzeln oder gesammelt zu prüfen, zu korrigieren und anderen Konten zuzuweisen. Zudem können sie mehrere Mandate verwalten. Der KI-Agent verarbeitet auch Korrekturlisten und passt die betroffenen Buchungen entsprechend an. Kontrollen, Abschlüsse und die Beratung der Kunden bleiben dennoch Aufgaben der Treuhänder.
Für die Verarbeitung kombiniert Infinity.swiss Bilderkennung, Sprachmodelle und ein Regelsystem. Die Bilderkennung liest den Beleg aus, das Sprachmodell erstellt etwa den Buchungstext und das Regelsystem prüft, ob der Vorgang korrekt zugeordnet wurde.
Rechnungen können direkt auf dem Tablet bearbeitet werden, während Zahlungen, Mahnungen und der noch offene Betrag in derselben Ansicht verfügbar bleiben. (Quelle: Infinity.swiss)
Finanzdaten bleiben geschützt
Weil die Plattform tief in die Finanzprozesse eines Unternehmens eingreift, gehört der Schutz der Daten zum Kern des Produkts. Nach Angaben des Anbieters werden die Finanzdaten in der Schweiz gespeichert und nicht für das Training von KI-Modellen verwendet. Das Backend läuft in einem Rechenzentrum im Grossraum Zürich. Für einzelne Funktionen kommen dennoch Modelle aus dem Ausland zum Einsatz. Die dorthin übermittelten Informationen werden laut dem Start-up aber nach der Verarbeitung wieder gelöscht.
Besonders sensibel ist die Verbindung zum Bankkonto. Dafür nutzt
Infinity.swiss die Open-Banking-Plattform von SIX, die eine sichere Verbindung zwischen Banken und Buchhaltungssoftware herstellt. Der Nutzer gibt den Zugriff auf seine Kontobewegungen über seine Bank frei. Infinity.swiss kann diese anschliessend abrufen, erhält aber keinen Zugriff auf die Login-Daten. Für die Bankanbindung muss sich das Unternehmen jährlich neu zertifizieren lassen.
Auch innerhalb der Plattform gelten Einschränkungen. Ein KI-Modell erhält jeweils nur jene Informationen, die es für einen bestimmten Beleg oder Buchungstext benötigt, und nicht freien Zugriff auf den gesamten Datenbestand. Sobald ein Unternehmen ein Bankkonto verbindet, ist ausserdem die Zwei-Faktor-Authentifizierung obligatorisch.
Die mobile Bankansicht zeigt den aktuellen Kontostand und die einzelnen Zahlungen, während noch nicht geprüfte Buchungen entsprechend markiert werden. (Quelle: Infinity.swiss)
Vom ersten Kunden zum Grossmandat
Die jahrelange Entwicklungsarbeit beginnt sich inzwischen auszuzahlen. Seit 2025 wächst das Geschäft deutlich schneller. Innerhalb von gut zwölf Monaten habe es sich ungefähr vervierfacht. Konkrete Kundenzahlen nennt das Start-up zwar nicht. Einen Hinweis auf die inzwischen erreichte Grössenordnung liefert jedoch eine Treuhandgesellschaft aus dem Raum Solothurn, die die Buchhaltung von mehr als 200 KMU auf
Infinity.swiss überführt. Die Mandate wechseln dabei ausgerechnet von jener etablierten Plattform, mit der Wittwer und Oum einst selbst gearbeitet hatten und deren Einschränkungen den Anstoss für ihre eigene Lösung gaben.
Dass Infinity.swiss sowohl KMU als auch Treuhandgesellschaften mit zahlreichen Mandaten bedient, spiegelt sich im flexiblen Geschäftsmodell wider. Das Start-up bietet seine Software im Abonnement an und staffelt die Pakete nach Umfang und Anforderungen. Das günstigste Angebot kostet rund 25 Franken pro Monat und richtet sich vor allem an Personen, die im Nebenerwerb selbstständig sind. Grössere KMU können Pakete mit einem höheren Belegvolumen und zusätzlichen Funktionen wählen. Für Treuhandgesellschaften stehen Volumenlizenzen bereit, über die sich zahlreiche Mandate auf derselben Plattform betreuen lassen.
Kapital für den nächsten Schritt
Mit der wachsenden Kundschaft steigen auch die Anforderungen an Produkt und Team. Um beides weiter auszubauen, hat
Infinity.swiss im Juli drei Millionen US-Dollar aufgenommen, umgerechnet rund 2,4 Millionen Franken. Das Interesse an der von Equitypitcher Ventures angeführten Finanzierungsrunde war nach Angaben des Start-ups so gross, dass einige Investoren nur mit einem Teil der gewünschten Summe berücksichtigt werden konnten, während für andere gar kein Platz mehr blieb. Neben Tenity und weiteren Geldgebern beteiligte sich auch Daniel Gutenberg. Investor Gutenberg ist für seine frühe Beteiligung an Facebook bekannt und investierte in mehrere spätere Unicorns, also Start-ups mit einer Bewertung von mindestens einer Milliarde US-Dollar. Als er Interesse an Infinity.swiss zeigte, war die Finanzierungsrunde aber eigentlich bereits voll. «Wenn Daniel Gutenberg anklopft, versucht man trotzdem, noch Platz zu schaffen», erklärt Oum lächelnd. Für das Start-up sei dabei nicht nur sein Kapital interessant. Das Team verspricht sich von ihm vor allem internationale Kontakte und Erfahrungen aus dem Aufbau schnell wachsender Technologieunternehmen.
Wie überzeugt die Gründer von ihrem eigenen Wachstumskurs sind, zeigte sich ebenfalls während der Finanzierungsrunde. Nach eigenen Angaben kam ein grosses internationales Unternehmen mit Interesse an einer Übernahme und einer Summe im achtstelligen Bereich auf sie zu. Das Team lehnte jedoch ab und entschied sich dafür, das Unternehmen mit dem aufgenommenen Kapital selbstständig weiterzuentwickeln.
Erst über den Röstigraben
Trotz des frischen Kapitals drängt
Infinity.swiss aber nicht sofort ins Ausland. Die Plattform ist derzeit ausschliesslich für die Schweiz verfügbar. Zunächst soll nun der Röstigraben überwunden werden. Parallel wächst die Organisation. Lange wurde das Jungunternehmen grösstenteils von Studierenden in kleinen Teilzeitpensen aufgebaut und kam zusammengerechnet auf rund 1,6 Vollzeitstellen. Nun soll das Team auf etwa zehn bis zwölf Vollzeitäquivalente anwachsen. Ein grosser Teil der zusätzlichen Kapazität fliesst in die Produktentwicklung. Gleichzeitig will das Start-up das Produkt weiterentwickeln und die Buchhaltung weiter automatisieren. Bis 2030 soll die laufende Buchhaltung für jedes KMU weitgehend autonom funktionieren.
Die Ambitionen für die Zukunft reichen jedoch über den Schweizer Markt hinaus. «Wir möchten nicht beim ersten attraktiven Angebot aussteigen und zusehen, wie ein amerikanischer Käufer das Unternehmen anschliessend integriert oder auseinanderbaut», sagt Oum. Infinity.swiss soll stattdessen aus eigener Kraft zu einem grossen europäischen Softwareunternehmen wachsen.
(dow)