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Editorial

Viben Sie noch, oder zahlen Sie schon?

Als Elon Musk 2022 Twitter übernahm, stellte er reihenweise Leute vor die Türe.

Artikel erschienen in Swiss IT Magazine 2026/07



Man müsse effizienter werden, nur die Härtesten würden überleben. Eine der Metriken, die beim Kahlschlag berücksichtigt wurden, war die Anzahl geschrieber Code-Zeilen. «Faule» Twitter-Devs mit zu wenigen Zeilen pro Tag mussten also den Hut nehmen.

Warum das – entschuldigen Sie die Ausdrucksweise – eine wirklich komplett hirntote Idee ist, hätte dem selbst ernannten Tech-Genie selbst auffallen dürfen.


Der Vollständigkeit halber: Erstens klammert diese Kennzahl die konzeptionelle Arbeit der fähigsten Software-Architekten aus, die Software eben nicht zwingend selbst schreiben. Musk musste einige der geschassten Devs anflehen, doch bitte zurückzukommen. Zweitens – spätestens hier gipfelt die masslose Dummheit endgültig – motiviert das Vorgehen die Entwickler, möglichst viel und damit oft unnötigen Code zu schreiben. Recht vorhersehbar, wenn man nur einen Moment nachdenkt.

Big Tech hat aber offenbar nichts von Musk gelernt. Auch wenn das für einmal (ausnahmsweise) angebracht gewesen wäre.

Denn der Siegeszug von KI in der Software-Entwicklung hat das Phänomen zurückgebracht respektive sogar verschlimmert. Statt geschriebene Zeilen berücksichtigen Manager seit einer Weile einfach die Zahl der genutzten Tokens als KPI (Key Performance Indicator) in ihren Mitarbeiterbewertungen.
Wieder einmal wäre kurzes Innehalten und Nachdenken gefragt, denn das Problem liegt auf der Hand: Entwickler fangen nachvollziehbarerweise damit an, ihre KIs mit absolut nutzloser Nicht-Arbeit zu füttern. Denn viele Tokens zu verbraten ist, unabhängig vom tatsächlichen Output, gut für den Bonus. Das Phänomen nennt sich auch «Token-Maxxing».

Und so rutscht die Branche direkt vom Regen in die Traufe. Denn während die Angestellten fleissig Tokens «maxxen», stellen die KI-Anbieter ihr Geschäftsmodell um. Das Flat­rate-basierte Modell hat nämlich genau einen Zweck: Nutzer vom Service abhängig machen, um ihnen ein paar Monate/Jahre später ein vielfach teureres Token-basiertes Modell aufzuzwingen.


Und da sitzen wir nun. Mit laufenden Subscriptions, von denen wir abhängig sind. Mit Mitarbeitenden, die wegen ihrer Bewertungen unnötig ­Tokens verbraten. Und mit Anbietern, die ihr schon fast betrügerisches Marketing-Schema nun endlich platzen lassen und beginnen zu verlangen, was das Produkt wirklich kostet.

Eigentlich vorhersehbar, oder?

Im vorliegenden Heft haben wir neben dem grossen Themenschwerpunkt zu KI im Kundendialog zwei weitere Artikel zu KI für Sie parat: Erstens beleuchten wir sieben Schweizer KI-Plattformen für Schweizer KMU und sprechen mit den Anbietern unter anderem auch darüber, wie sie die Frage der realistischen Finanzierung sehen. Und zweitens haben wir selbst die Maschine zum Coden angeworfen: Wir testen die Vibe-Coding-Plattform von Google.

Ich wünsche eine spannende Lektüre und ­rate zu überlegtem Handeln, wenn Sie in Ihrem Unternehmen KI einführen (was Sie spätestens 2026 wohl auch tun sollten). Viel Erfolg!
Matthias Wintsch, Redaktor
mwintsch@swissitmedia.ch


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