Die Schweizer Wirtschaft wächst wie diejenige vieler europäischer Nachbarländer seit mehr als drei Jahren nur moderat. Für Tech-Berufe, in denen der Bedarf in den vergangenen Jahren besonders hoch war, bedeutet das: Die Löhne stagnieren oder fallen teilweise sogar um bis zu fünf Prozent.
Dabei ergibt sich ein interessantes Zerrbild. Denn Experten aus dem IT- und Tech-Bereich sind bei Schweizer Unternehmen nach wie vor sehr gefragt. Digitalisierung im Allgemeinen und KI im Besonderen erfordern neue Perspektiven, neue Fähigkeiten und umsetzungsstarke Fachkräfte. Gleichzeitig entsteht eine unsichtbare Barriere. Die Experten müssen einerseits in das Gesamtlohngefüge des Unternehmens passen. Andererseits müssen Aufwand und Ertrag in einem wirtschaftlich sinnvollen Verhältnis stehen. Gerade bei KI wurden viele Versprechen bislang noch nicht eingelöst.
Nehmen wir das Beispiel Personalgewinnung. Hier zeigt sich, dass KI nicht weniger Arbeit schafft, sondern zunächst sogar mehr. Auf der einen Seite arbeiten Unternehmen bereits mit KI, um Lebensläufe auf mögliche Passungen hin zu untersuchen. Auf der anderen Seite nutzen Bewerber immer häufiger KI, um ihre Lebensläufe so zu gestalten, dass sie möglichst genau zur Ausschreibung passen. Der Algorithmus bekommt dadurch viele scheinbar passgenaue Lebensläufe vorgelegt. An dieser Stelle müssen Menschen die Bewerbungen wieder genauer prüfen und mehrstufige Verfahren entwickeln. Denn war der Lebenslauf bislang ein erstes wichtiges Unterscheidungsmerkmal, verliert er zunehmend an Aussagekraft. Unternehmen müssen somit mehr Lebensläufe sichten und können zugleich weniger klare Unterschiede erkennen. Wer von KI profitieren will, muss dieser Entwicklung Rechnung tragen. Jedes Unternehmen ist anders aufgestellt und hat andere Anforderungen an das HR-Department. Standardlösungen reichen deshalb oft nicht.
KI-Spezialisten werden künftig vermutlich weniger mit einfachen Standardmodellen arbeiten. Vielmehr werden sie in den Unternehmen, in denen sie tätig sind, hochindividualisierte Modelle entwickeln müssen. Diese Modelle müssen genau jene Graubereiche eingrenzen, in denen heute noch zu viel manuelle Prüfung notwendig ist. Der Mehrwert entsteht also nicht allein durch den Einsatz von KI, sondern durch ihre passgenaue Integration in bestehende Prozesse.
Das ist nur eines von vielen Beispielen dafür, wo Tech-Experten gebraucht werden. Genau an solchen Gelenkstellen werden sie künftig Mehrwert stiften. Sie müssen technische Möglichkeiten verstehen, wirtschaftliche Grenzen erkennen und konkrete Anwendungsfälle in den Unternehmen umsetzen. Gefragt sind damit nicht nur Programmierer oder Datenexperten, sondern Fachkräfte, die Technologie in produktive Strukturen übersetzen können.
Für die Gehaltsentwicklung bedeutet das: Pauschale Sprünge werden seltener. Unternehmen werden genauer prüfen, welche Position welchen Beitrag leistet. Wer jedoch nachweislich Effizienzgewinne ermöglicht, Prozesse verbessert oder neue Wertschöpfung erschliesst, wird auch künftig eine starke Verhandlungsposition haben.
Sollten sich diese Herangehensweisen in Unternehmen etablieren und zu einem Erstarken der Schweizer Wirtschaft führen, dürften auch die IT- und Tech-Gehälter wieder stärker steigen. Denn Effizienzgewinne und ressourcenschonende Wertschöpfung zählen zu den grossen Wachstumstreibern der Schweizer Wirtschaft.
Christopher Grosse-Beilage
Christopher Grosse-Beilage ist mit mehr als zehn Jahre Branchenerfahrung im Personalberatungsbereich tätig und verfügt über ein tiefes Marktverständnis. Der studierte Betriebswirt leitet den IT-Bereich Nord-West-Germany bei Robert Half.