In der Schweizer IT-Landschaft ist eine paradoxe Situation zu beobachten. Einerseits investieren Unternehmen und Behörden massiv in die Digitalisierung, andererseits sinkt die tatsächliche Kontrolle über die eingesetzten Systeme. Die Abhängigkeit von wenigen globalen Software-Herstellern schafft Risiken, die über rein technische Aspekte hinausgehen. Wenn Kostenstrukturen einseitig diktiert werden und der Zugriff auf Daten durch fremde Rechtsräume gefährdet ist, steht die strategische Handlungsfreiheit zur Disposition.
Problemfaktor Vendor-Lock-in
Bei proprietären SaaS-Modellen riskieren Unternehmen eine folgenschwere Abhängigkeit vom Hersteller. Dieser Vendor-Lock-in basiert primär auf technischen Barrieren: Proprietäre Datenformate und exklusive APIs verhindern den reibungslosen Datenaustausch, während plattformspezifische Cloud-Dienste bei einem Wechsel oft eine komplette Neuprogrammierung erfordern. Diese mangelnde Interoperabilität erschwert zudem die Kombination mit Lösungen anderer Anbieter massiv.
Flankiert wird diese technische Sackgasse von wirtschaftlichen Hürden. Hohe Migrationskosten für neue Lizenzen und Mitarbeiterschulungen sowie die psychologische Last bereits getätigter Investitionen (Sunk Costs) machen einen Umstieg oft unrentabel. Zusätzlich zementieren vertragliche Fesseln die Bindung: Langfristige Verträge und komplexe Lizenz-Bundles nehmen Unternehmen und dem öffentlichen Sektor die nötige Flexibilität, um auf Preiserhöhungen oder Defizite im Service adäquat zu reagieren.
Strategien für mehr Souveränität: Wege aus der Abhängigkeit
Da bestehende Abhängigkeiten tief in der Infrastruktur verwurzelt sind, lassen sie sich selten von heute auf morgen auflösen. Dennoch ist es für Unternehmen und den öffentlichen Sektor essenziell, Strategien zu entwickeln, die mittel- bis langfristig Risiken minimieren und sich ökonomisch auszahlen. Experten der
Berner Fachhochschule betonen in diesem Zusammenhang, dass es nicht reicht, lediglich theoretische Exit-Szenarien zu prüfen. Um echte digitale Souveränität (siehe Box zur Definition von digitaler Souveränität) zu erreichen, müssen souveräne Lösungen aktiv in den Arbeitsalltag integriert werden.
Ein Paradebeispiel für diesen Ansatz ist die Arbeitsplatzsoftware OpenDesk. Im Gegensatz zu proprietären Modellen bietet eine solche souveräne Software entscheidende Vorteile:
Freie Betreiberwahl: Organisationen gewinnen die Kontrolle zurück. Sie können die Software im eigenen Rechenzentrum (On-Premises) betreiben oder die Verwaltung einem lokalen Managed Service Provider anvertrauen.
Unabhängigkeit vom Hersteller: Da der Quellcode offenliegt, entfällt das Risiko, der Preispolitik oder dem wirtschaftlichen Schicksal einer einzelnen Firma ausgeliefert zu sein.
Nahtlose Kontinuität im täglichen Betrieb bei Anbieterwechsel: Der Code einer souveränen offenen Softwareumgebung gehört nicht dem Hersteller oder Betreiber. Damit entfällt sie auch nicht bei einem Wechsel des Dienstleisters oder muss angepasst werden. Der tägliche Betrieb ist somit nicht gefährdet und der Anwender muss sich nicht auf neue Software einstellen.
Diese Flexibilität belebt den Wettbewerb auf dem Schweizer IT-Markt spürbar. Lokale Dienstleister agieren nicht länger nur als Distributoren globaler Lizenzen, sondern differenzieren sich durch Servicequalität und massgeschneiderte Support-Modelle. Für IT-Entscheider entsteht so ein echter Handlungsspielraum in den Beschaffungsprozessen, der weit über die blosse Wahl des kleinsten Übels hinausgeht.
Definitionstrends des Begriffs «Digitale Souveränität»
Die Definition von digitaler Souveränität wird zunehmend diskutiert. Gemäss aktuellen Analysen der BFH sind zwei Eckpunkte zentral:
Handlungsfähigkeit: Digitale Souveränität eines Staates oder einer Organisation umfasst zwingend die vollständige Kontrolle über gespeicherte und verarbeitete Daten sowie die unabhängige Entscheidung darüber, wer darauf zugreifen darf. Sie umfasst weiterhin die Fähigkeit, technologische Komponenten und Systeme eigenständig zu entwickeln, zu verändern, zu kontrollieren und durch andere Komponenten zu ergänzen.
Rechtliche Sicherheit: Die Unabhängigkeit von extraterritorialen Rechtszugriffen (wie dem US Cloud Act) wird zum zentralen Standortfaktor.
Eine klare Definition ist entscheidend, um IT-Verantwortlichen Sicherheit bei Beschaffungen zu geben. Wenn klare Ziele – wie die Herstellerunabhängigkeit und Jurisdiktion in der Schweiz/EU – definiert sind, können Investitionen gezielt in Lösungen fliessen, die langfristig Handlungsspielräume sichern, statt sie einzuschränken. Mit dem Zentrum SDS (Souveräne Digitale Schweiz) soll die Ausarbeitung von konkreten Standards für digitale Souveränität vorangetrieben und diese wo sinnvoll in Beschaffungsprozesse integriert werden.
Das Ende der Einbahnstrasse am Arbeitsplatz: OpenDesk
Die souveräne Arbeitsplatzsoftware OpenDesk ist als modulare Alternative zu herkömmlichen Office-Suites konzipiert. OpenDesk ist kein monolithisches Produkt eines einzelnen Herstellers, sondern ein aufeinander abgestimmter Stack aus etablierten Open-Source-Komponenten.
Die Suite umfasst unter anderem: Nextcloud für Dokumentmanagement und Zusammenarbeit, Matrix (Element) für sicheres Messaging, Jitsi für Videokonferenzen, Collabora Online für die Bearbeitung von Dokumenten, OpenProject für das Projektmanagement, xWiki für das Wissensmanagement sowie die E-Mail-, Kontakt- und Kalender-Lösungen von Open-Xchange. Die Browserlösung kann kombiniert werden mit Desktop-Applikationen. Die offenen Schnittstellen ermöglichen die Integration von und in Fachapplikationen.
Das Zentrum für Digitale Souveränität (ZenDiS) mit Sitz in Deutschland fungiert dabei als treibende Kraft hinter diesem Ökosystem. Es koordiniert die Entwicklung von OpenDesk als modulare Open-Source-Suite, um die digitale Unabhängigkeit der Verwaltung zu sichern und gemeinsame Standards über verschiedene Behördenebenen hinweg zu etablieren. Das Ergebnis kann auch von Unternehmen bezogen werden.
Der entscheidende Unterschied zu proprietären Lösungen liegt in der Architektur: Die Komponenten sind über offene Schnittstellen und Standards miteinander verknüpft. Eine Evaluation der
Berner Fachhochschule (BFH) für die Stadt Zürich unterstreicht, dass solche Systeme heute hinsichtlich Datenschutz und Jurisdiktion deutliche Vorteile bieten, da die Hoheit über den Software-Code und die Datenhaltung beim Anwender verbleibt.
Hinter der Teams-Alternative, die in OpenDesk integriert ist, stehen die Open-Source-Lösungen Element und Jitsi. Wie bei allen anderen gängigen Lösungen sind Chats, Audio- und Video-Calls mit an Bord. (Quelle: openprojectorg)
Marktpotenzial im öffentlichen Sektor
Diverse öffentliche Akteure haben in den letzten zwölf Monaten explizit oder implizit ihre Nachfrage für eine digital souveräne Büroautomatisierungslösung geäussert. Auch Privatim, die Konferenz der schweizerischen Datenschutzbeauftragten, hat deutlich auf die Gefahr von Datenschutzverletzungen bei Software-as-a-Service-Lösungen von US-Cloud Anbietern hingewiesen. So sind insbesondere öffentliche Verwaltungen, Bildungsstellen und Spitäler mit besonders schützenswerten Personendaten interessiert, Datenschutz-konforme Alternativen zu nutzen.
Open Source bedeutet nicht kostenlos
Die Software OpenDesk ist Open Source verfügbar. Für eine für den Betrieb nachhaltige Integration in operative Abläufe wird ein Modell empfohlen und vom ZenDis angeboten, bei welchem beteiligte Anbieter und Betreiber für Dienstleistungen, Support und Weiterentwicklung via Subscriptions vergütet werden. Diese Subscriptions und Service Level Agreements sorgen dafür, dass der zuverlässige Betrieb sichergestellt wird, die Bedürfnisse der Software-Anwender abgeholt werden, interne Betriebsverantwortliche Anlaufstellen und Unterstützung haben, die Software aktuell und sicher bleibt, sowie weiterentwickelt wird. Gleichzeitig schaffen die Subscriptions im Vergleich zu proprietären Software-Lizenzen keine Abhängigkeiten.
Verlust von Wertschöpfung durch Freihänder an Big Tech
Mit dem Verkauf von Lizenzen für proprietäre Produkte geht ein grosser Anteil der Wertschöpfung im Schweizer Informatik-Sektor verloren. Gemäss Angaben auf simap.ch hat der öffentliche Sektor seit 2015 in rund 580 Zuschlägen eine Summe von über 3,21 Milliarden Franken für Software-Lizenzen und Cloud-Services an ausländische Firmen wie Microsoft, Oracle, Adobe, Amazon, VMware und SAP bezahlt.
Über die Hälfte dieser Zuschläge (total 370 Aufträge über 1,97 Milliarden Franken) wurde ohne offenes Ausschreibungsverfahren, im sogenannt freihändigen Verfahren, vergeben. Diese überschwelligen IT-Freihänder sind Aufträge höher als 250’000 Franken, die direkt an die ausländischen Software-Hersteller gingen, ohne dass sie sich einem Wettbewerb stellen mussten. Damit hatten lokale Unternehmen bei diesen Beschaffungen nie die Möglichkeit, ein Konkurrenzangebot einzureichen, obwohl diese sowohl im Applikations- und auch im IT-Infrastruktur-Umfeld (Cloud) technologisch gute Lösungen anbieten. Die Summe von fast 2 Milliarden Franken an IT-Freihänder zeigt auf, dass Behörden in der Schweiz in hohem Masse abhängig sind von ausländischen Software- und Cloud-Anbietern.
Neben den hohen Kosten für Lizenzen reduzieren solche systematischen IT-Freihänder auch den Wettbewerb, was zu Monopolsituationen führt und sich negativ auf die Innovation und Attraktivität des gesamten Schweizer IT-Sektors auswirkt. Mit dem Zentrum SDS (Souveräne Digitale Schweiz) soll eine neue, staatliche Stelle geschaffen werden, die Dienstleistungen für den öffentlichen Sektor erbringt, um dessen Herstellerabhängigkeiten zu reduzieren und so die digitale Souveränität der Schweiz zu erhöhen. Gleichzeitig wird dabei auch signifikant die Wirtschaftsleistung und Innovationskraft von lokalen IT-Unternehmen gestärkt, denn die Entwicklung und Integration von Open Source Software erzeugt erwiesenermassen eine lokale Wertschöpfung. So hat beispielsweise die EU 2018 eine durch Open Source Software generierte Wertschöpfung von über 65 Milliarden Euro festgestellt.
Potenzial für mehr inländische Wertschöpfung
Die initiale Software-Entwicklung von Applikationen wie Microsoft Office, Adobe Creative Suite, Oracle-Datenbanken oder SAP-ERP-Lösung ist enorm teuer, weshalb nicht davon ausgegangen werden kann, dass lokale IT-Firmen derartig grosse Investitionen leisten. Jedoch besteht mit der Verwendung von frei verfügbarer Open Source Software wie OpenDesk die Möglichkeit, dass sowohl grosse als auch kleine lokale IT-Firmen professionelle Dienstleistungen für Kunden aus dem privaten und öffentlichen Sektor anbieten. Durch diese Wiederverwendung und die Weiterentwicklung von Open-Source-Komponenten können innovative Lösungen für den Schweizer Markt angeboten werden, wobei die Wertschöpfung in der Schweiz verbleibt.
Können IT-Firmen durch eine steigende Nachfrage nach digital souveränen Lösungen aus dem öffentlichen Sektor entsprechende Dienstleistungen aufbauen, vereinfacht ihnen dies auch die Erbringung von Services für die Privatwirtschaft. Sie können Skaleneffekte nutzen, professionelle Kompetenzen aufbauen und haben tiefere Kosten.
Als Plattform für das DSGVO-konforme Dokumentmanagement kommt in der OpenDesk-Suite Nextcloud zum Einsatz. Unterstützt werden alle gängigen Formate für Text, Tabellen und Präsentationen. (Quelle: openprojectorg)
Strukturen für die Schweiz: Das angestrebte Zentrum SDS
Um technologische Autonomie auf eine breite Basis zu stellen, bedarf es koordinierter Anstrengungen. Mit der Initiative «Netzwerk SDS – Souveräne Digitale Schweiz» wurde ein Roundtable geschaffen, der den Wissensaustausch zwischen Wissenschaft, öffentlicher Hand und Privatwirtschaft fördert. Ein aktuelles Ziel ist die Gründung eines «Zentrum SDS» über einen Innosuisse-Antrag. Dieses Zentrum soll als Fachstelle dienen, um Standards zu definieren und die Einführung souveräner Lösungen zu begleiten. Geplante Arbeitspakete adressieren dabei nicht nur die Büroautomation, sondern auch den Aufbau souveräner Cloud-Infrastrukturen und den Einsatz von Open-Source-KI (z.B. das Modell Apertus). Ziel ist es, Abhängigkeiten zu reduzieren, ohne auf moderne Funktionalitäten verzichten zu müssen.
Der Weg zu digitaler Souveränität ist kein Projekt, das über Nacht abgeschlossen wird. Es ist eine bewusste strategische Entscheidung. Für Schweizer Organisationen bietet der Fokus auf offene Lösungen die Chance, sich aus der Rolle des passiven Lizenznehmers zu befreien und wieder zum aktiven Gestalter der eigenen digitalen Infrastruktur zu werden.
Der Autor
Pascal Stöckli ist Projektleiter Digitale Souveränität und Co-Initiator «Netzwerk SDS – Souveräne Digitale Schweiz» am Institut Public Sector Transformation der
Berner Fachhochschule (BFH). Er ist studierter Ökonom (M.Sc., Universität Bern) und Medienwissenschaftler (B.A., Universität Zürich) mit Hintergrund in der Software- und Geschäftsfeldentwicklung als ehemaliger Produktleiter und Mitglied des Gründungsteams von Houzy.ch.